Zwischen Sichtbarkeit, Weltschmerz und der Sehnsucht nach Verbindung

– Mike „Ezekiel“ Sanchez Leonardi –

Mehr als nur Szene-Hate

Wenn man sich aktuell in der elektronischen Szene bewegt, kommt man an einem Thema kaum noch vorbei: dem gegenseitigen Hate zwischen den verschiedenen Strömungen. Überall wird darüber diskutiert, was noch “echter” Techno ist, was nur noch Show ist, was angeblich kaputtgemacht wurde und wer die Szene verraten hat. Waren es Influencer, TikTok oder Instagram? Fast jede Richtung behauptet inzwischen von sich, den richtigen Weg gefunden zu haben. Die einen verteidigen Härte, Energie und maximale Sichtbarkeit, die anderen pochen auf Tiefe, Dunkelheit und Hingabe. Und fast immer schwingt dabei mit, dass für die Wege der jeweils anderen Seite kaum Verständnis besteht.

Mich hat in den letzten Monaten genau das interessiert: der Ist-Zustand, die Unterschiede, die Dynamiken dahinter und die Frage, wie wir überhaupt an diesem Punkt gelandet sind. Weder um am Ende zu entscheiden, welche Seite recht hat noch um eine neue Schablone zu bauen, wie Feiern angeblich zu laufen hat. Und schon gar nicht, um zu behaupten, früher sei automatisch alles besser gewesen. Spannend ist für mich etwas anderes: Was drückt sich eigentlich durch die Art aus, wie wir heute feiern? Was sagt sie über das aus, was Menschen suchen, brauchen, vermeiden oder kompensieren wollen? Denn vielleicht geht es längst nicht mehr nur um Musik. Vielleicht zeigt sich im Club inzwischen ziemlich genau, wie Gesellschaft gerade funktioniert.

Wichtig ist dabei: Das hier ist kein Vorwurf. Es ist ein Versuch, etwas zu beschreiben. Niemandem kann man ernsthaft zum Vorwurf machen, sich innerhalb der Bedingungen zu bewegen, unter denen er sozialisiert wurde. Gerade jüngere Generationen handeln nicht “falsch”, sondern oft auf eine Weise, die für die Welt, in der sie aufgewachsen sind, nachvollziehbar ist. Und trotzdem lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Nicht, weil es um Schuld geht, sondern weil sich in diesen Mustern etwas bündelt, das zu auffällig geworden ist, um es einfach als Zufall abzutun.

Zwei Arten zu feiern

Je länger man hinschaut, desto klarer wird: Feiern hat sich nicht einfach nur in Genres oder Subgenres aufgespalten, sondern in zwei grundsätzlich unterschiedliche Arten, Musik zu erleben und sich in ihr zu verorten. Man kann das relativ klar als Performance und Immersion beschreiben. Gemeint sind damit keine starren Lager und auch keine absoluten Kategorien. Es geht eher um zwei Pole, zwei Bewegungen, zwischen denen sich heutige Feierkultur auffällig oft bewegt. Und es geht auch nicht nur um harte Techno-Kontexte. Performance kann genauso in House-, Melodic- oder anderen elektronischen Settings auftauchen. Im Moment wird diese Logik aber gerade in bestimmten technoiden Strömungen besonders sichtbar.

Bühne statt Versinken

Auf der einen Seite steht das, was man als performance-orientierte Feierkultur beschreiben kann. Hier geht es nicht mehr nur darum, Musik zu hören oder sich in ihr zu verlieren, sondern darum, in einem Raum sichtbar zu sein. Boiler-Room-Ästhetik ist dafür das naheliegendste Bild: offene Setups, helle Flächen, Blickachsen, Kameras, der DJ in direkter Interaktion mit der Crowd und die Crowd wiederum als Teil der Gesamtinszenierung. In solchen Räumen wird nicht nur gefeiert, dort wird auch gezeigt, dass man da ist. Musik ist hier nicht bloß Soundtrack, sondern Auslöser, Verstärker und Bühne zugleich.

Auch musikalisch folgt dieser Bereich einer klaren Logik. Tracks funktionieren schneller, direkter, unmittelbarer. Sie arbeiten mit Hooks, markanten Drops, Wiedererkennbarkeit, Emotionen, oft auch mit Vocals oder Momenten, die sofort kollektiv lesbar sind. Dinge, die früher gerade im technoiden Kontext bewusst vermieden wurden, weil sie als zu offensichtlich oder zu gefällig galten, sind heute oft gewollter Bestandteil des Erlebnisses. Es geht nicht mehr nur darum, was Musik mit dir macht, sondern auch darum, wie du in ihr wirkst.

Warum Hooks gerade so hart greifen

Hinzu kommt, dass Musik in einer Gegenwart, in der Relatability so wichtig geworden ist, oft sofort erkennbare emotionale Andockpunkte braucht. Meme-Kultur funktioniert genau darüber. Man versteht etwas innerhalb von Sekunden, erkennt sich wieder, fühlt sich gemeint, teilt es weiter und merkt für einen kurzen Moment: Andere fühlen offenbar ähnlich. Genau das scheint auch im Club immer wichtiger geworden zu sein. Hooks, Melodien und Vocals sind dann nicht einfach nur eingängiger, sondern bieten emotionale Haltegriffe. Man kann sich an ihnen festhalten. Vielleicht ist das gemeinsame Singen zu bestimmten Stellen deshalb nicht einfach nur Effekt oder Eventmechanik, sondern auch eine Form kollektiver Verarbeitung – gemeinsames Singen gegen den Schmerz der Welt.

Dass solche Tracks heute selbst im harten Techno so groß werden, sagt ziemlich viel aus. Ein Song wie “Toter Schmetterling” von Klangkuenstler wird nicht nur ein Hit, weil er eingängig ist, sondern weil er Leere, Verlust und Entfremdung in Bilder packt, die sofort sitzen. Neu ist nicht, dass Schmerz in Musik landet. Neu ist, dass sich so etwas inzwischen mitten im harten, schnellen, aggressiven Techno entlädt – also genau in einem Raum, der früher eher über Härte, Kälte und Distanz lief. Genau darin liegt der Punkt: Weltschmerz verschwindet nicht, er kommt nur anders raus. Lauter, kollektiver, mitsingbar. Unter Performance-Bedingungen.

Viele Leute passen ihr Verhalten genau hieran an, sie gehen nicht nur in den Club, um loszulassen, sondern auch, um sich zu zeigen, wahrgenommen zu werden und am Ende Teil eines Moments zu sein. Energie richtet sich stärker nach außen als nach innen. Der Raum wird weniger als Ort des Verschwindens verstanden, sondern eher als sozialer Resonanzraum. Selbst beim Konsum zeigt sich das. Statt auf völlige Auflösung zu setzen, geht es oft eher um Zustände, die steuerbar bleiben: wach, fokussiert, kontrolliert. Oder eben direkt nüchtern. Denn wer sichtbar sein will, will oft auch präsent und lesbar bleiben.

Optimiert, sichtbar, gleich

Hinzu kommt ein Punkt, über den selten offen gesprochen wird, der aber ziemlich offensichtlich ist: Selbstoptimierung. Gerade in performance-orientierten Kontexten spielt nicht nur die Musik eine Rolle, sondern auch die Version von sich selbst, die man nach außen trägt. Körper, Auftreten, Style, Haltung – alles wirkt kuratiert. Der Club ist dann nicht nur ein Raum für Exzess oder Eskapismus, sondern auch ein Ort, an dem eine optimierte, kontrollierte und möglichst gut lesbare Version des eigenen Ichs gezeigt wird. Und damit kommt noch etwas zurück, das in der Szene lange eher als uncool galt: eine Form von Uniformität.

Es gibt zwar selten einen offiziellen Dresscode, aber längst einen impliziten. Schwarz dominiert. Bestimmte Schnitte dominieren, bestimmte Accessoires tauchen immer wieder auf. Die “Schnelle Brille” ist neben schwarzen Klamotten das bekannteste Merkmal, das signalisiert: Ich kenne das Game, ich weiß, wie man sich hier bewegt – ich gehöre dazu! Das Paradoxe daran ist offensichtlich: Man will individuell wirken, sieht aber oft erstaunlich ähnlich aus. Doch genau das ist Teil derselben Logik. Sichtbarkeit funktioniert in diesen Räumen nicht nur über Abgrenzung, sondern auch über Wiedererkennbarkeit. Zugehörigkeit wird ästhetisch lesbar gemacht. Vielleicht steckt dahinter auch ein Drang nach Orientierung in einer Zeit, die sich für viele immer chaotischer anfühlt.

Dazu passt auch, wie schnell sich Trends heute drehen. Gerade dort, wo Performance, Sichtbarkeit und Anschlussfähigkeit zentral werden, verbrauchen sich auch musikalische Schlüsselreize schneller. War gestern noch der pure Hard Techno das große Ding, zog die Trend-Karawane über Schranz zu Bouncy und Hyper in kürzester Zeit weiter. Was gestern noch wie das nächste große Ding wirkte, ist oft Wochen oder Monate später schon wieder ersetzt. Diese Geschwindigkeit ist neu – oder zumindest deutlich stärker als früher. Wo etwas sofort lesbar, sofort kopierbar und sofort social-media-kompatibel ist, wird es auch schneller reproduziert und damit schneller verbraucht. Auch das gehört zu dieser performativen Logik.

Wenn Musik wieder Raum wird

Demgegenüber steht die immersive Feierkultur. Hier läuft vieles genau entgegengesetzt. Dunklere Räume, weniger visuelle Ablenkung, weniger Fokus auf die Person des DJs, weniger Inszenierung, weniger Drang, den Moment permanent sozial zu rahmen. Musik soll hier nicht möglichst schnell zünden, sondern Tiefe entfalten. Nicht die Hook steht im Vordergrund, sondern Spannung, Textur, Wiederholung, Sog, Atmosphäre. Das Ziel ist nicht, möglichst gut mitzulesen, was gerade passiert, sondern hineinzugeraten in einen Zustand, in dem Kontrolle weniger wichtig wird. Man könnte sagen: Während Performance auf Präsenz abzielt, zielt Immersion auf Auflösung.

Auch das Verhalten verschiebt sich entsprechend. Der Blick geht weniger nach außen. Es geht weniger darum, wie man aussieht oder wahrgenommen wird, sondern mehr darum, was im eigenen Körper und im eigenen Kopf passiert. Man versinkt, statt sich zu markieren. Man gibt Kontrolle eher ab, als sie aufrechtzuerhalten. Und ja, historisch hängt daran auch ein anderer Umgang mit Substanzen. Nicht im Sinne von bloßem Wegballern, sondern als Teil einer Kultur, in der das Verschmelzen mit dem Moment, mit dem Raum und mit der Musik stärker im Vordergrund stand als Funktionsfähigkeit oder Selbstpräsentation.

Bis hierhin könnte man das alles noch als bloßen Geschmacksunterschied abtun. Die einen mögen eben mehr Druck, mehr Direktheit, mehr kollektive Eskalation, die anderen mehr Tiefe, Dunkelheit und Versinken. Aber das greift zu kurz. Denn die Verschiebung zwischen Performance und Immersion ist nicht einfach nur musikalisch. Sie ist sozial. Und genau deshalb ist sie so interessant.

Warum Nähe komplizierter geworden ist

Gerade wenn man auf jüngere Teile der Szene schaut, sieht man, dass sich Kommunikation in den letzten Jahren massiv verändert hat. Spontaneität wird immer häufiger als Übergriff empfunden. Unangekündigt anrufen gilt vielen schon als Grenzüberschreitung, unangemeldet vorbeikommen erst recht. Kommunikation wird stärker gefiltert, stärker vorreguliert und stärker an persönliche Wohlfühlgrenzen gebunden. Gleichzeitig haben sich Formen etabliert, die früher eher als unhöflich oder feige galten und heute oft einfach hingenommen werden: Ghosting, Rückzug ohne Erklärung, keine Antwort als Botschaft. Konflikte werden nicht mehr unbedingt ausgetragen, sondern oft umgangen. Negatives wird nicht verarbeitet, sondern aussortiert.

Aber auch hier wäre es zu einfach, nur mit dem Finger darauf zu zeigen. Diese selektive Kommunikation fällt nicht vom Himmel. Sie könnte genauso gut eine Reaktion auf eine Gegenwart sein, in der Menschen permanent erreichbar sind. Wer heute über Messenger ständig verfügbar ist, erlebt Kommunikation nicht mehr als punktuelles Ereignis, sondern oft als Dauerzustand. Antwortzeiten, Gelesenwerden, Online-Status und ständige Kontaktmöglichkeit erzeugen einen Druck, den frühere Kommunikationsformen so nicht kannten. Als es im Wesentlichen nur das Telefon gab, musste man hoffen, dass jemand zu Hause war und ranging. Wenn nicht, hatte man Pech. Das waren andere Grundparameter. Heute ist fast jede Nicht-Antwort potenziell bedeutungsvoll. Vor diesem Hintergrund wirkt Rückzug nicht nur wie Vermeidung, sondern auch wie Selbstschutz.

Ein Effekt bleibt dabei sichtbar: Wenn beide Seiten so kommunizieren, wird echte Verbindung schwieriger. Kommunikation wird reduziert, dosiert, abgesichert und emotional entkernt. Es gibt mehr Kanäle als je zuvor, aber nicht automatisch mehr Nähe. Im Gegenteil: Viele erleben trotz permanenter Vernetzung eine massive Form von Einsamkeit. Und genau an diesem Punkt wird verständlich, warum performance-orientierte Feierkultur so attraktiv sein kann.

Relate, Memes, Dauerbeobachtung

In einer Kultur, in der so viel über Relate funktioniert, wird es immer wichtiger, an irgendeiner Stelle zu spüren, dass andere ähnlich fühlen wie man selbst. Genau deshalb sind Memes so groß geworden. Genau deshalb ist es so wichtig geworden, auf Social Media permanent zu sehen, was andere treiben, wie sie leben, wie sie fühlen, was sie posten, wie DJs, Produzenten oder andere Szenefiguren sich geben. Dahinter steckt nicht nur Voyeurismus oder Neid. Oft geht es auch um Projektion und Verbindung. Man will sich vorstellen können, wie es wäre, selbst so zu leben. Oder man sucht nach Punkten, an denen man andocken kann: Mit der Person kann ich relaten. Mit dem Mindset kann ich connecten. Die Figur auf dem Bildschirm wird dann nicht nur bewundert, sondern dient auch als Identifikationsangebot.

Wer im Alltag das Gefühl hat, nicht wirklich stattzufinden, sucht Räume, in denen dieses Gefühl aufgehoben wird. Der Club wird dann zur Bühne, auf der Sichtbarkeit nachgeholt werden kann. Man zeigt sich. Man wird wahrgenommen. Man erhält Resonanz. Man spürt für einen Moment sehr deutlich: Ich bin da. Ich werde gesehen. Ich existiere in den Augen anderer. In diesem Sinne ist Performance-Kultur nicht einfach nur eine andere Art zu feiern, sondern auch eine soziale Antwort auf das Gefühl, im normalen Leben zu wenig Verbindung zu erleben.

Das heißt aber nicht, dass das alle betrifft. Nicht jede jüngere Person feiert so. Nicht jede ältere Person steht außerhalb davon. Auch Menschen, die älter sind, können in dieselbe Dynamik rutschen – vor allem dann, wenn ähnliche Bedürfnisse, ähnliche Unsicherheiten oder ähnliche Einsamkeitserfahrungen da sind. Und umgekehrt gibt es genug junge Menschen, die völlig anders an Musik, Räume und Feiern herangehen. Es geht also nicht um starre Gruppen. Es geht um auffällige Häufungen. Nicht um alle. Aber um genug, dass man nicht mehr von Zufall sprechen kann.

Warum Performance für viele funktioniert

Immersion funktioniert unter solchen Bedingungen nicht automatisch gleich gut. Denn immersiv zu feiern heißt auch, Kontrolle abzugeben, sich in eine Situation hineinzubegeben, die weniger über Rückversicherung und Sichtbarkeit läuft. Man wird dort nicht zwangsläufig gespiegelt. Man bekommt nicht dieselbe soziale Bestätigung. Man verschwindet eher, als dass man sich behauptet. Wenn man aber ohnehin schon mit Isolation oder Unsicherheit kämpft, ist genau das vielleicht nicht das, wonach man sucht. Dann ist Performance nicht oberflächlich, sondern funktional. Nicht falsch, sondern nachvollziehbar.

Auf der anderen Seite stehen oft Menschen, die weniger stark auf diese Form von Sichtbarkeit angewiesen sind. Menschen, die Kommunikation anders leben, weniger restriktiv, weniger abgesichert, konfliktoffener, möglicherweise auch robuster im Umgang mit Reibung. Für sie ist es leichter, sich in einem Raum nicht ständig behaupten zu müssen. Sie brauchen die Bühne weniger und können deshalb eher im Erlebnis verschwinden. Immersion ist dann kein Rückzug aus der Welt, sondern eine andere Form, mit ihr umzugehen.

Kein Vorwurf, sondern ein Befund

Genau deshalb bringt es nichts, aus dieser Beobachtung wieder die nächste moralische Front zu machen. Es gibt hier kein einfaches richtig oder falsch. Keine saubere Blaupause dafür, wie Clubkultur zu sein hat. Keine Regel, nach der das eine “wahrer” und das andere “kaputter” wäre. Beide Formen erfüllen Bedürfnisse. Beide sind Ausdruck ihrer Zeit. Beide sagen etwas darüber aus, was Menschen suchen und was ihnen fehlt.

Performance gibt Sichtbarkeit, soziale Lesbarkeit und Resonanz. Immersion hingegen gibt Tiefe, Auflösung und die Möglichkeit, sich für einen Moment nicht ständig definieren zu müssen. Die eigentlich spannende Frage ist deshalb nicht, welche Form überlegen ist. Die spannende Frage ist, was sich in ihr ausdrückt. Warum suchen Menschen heute eher das eine als das andere? Was halten sie nicht aus? Was wollen sie verstärken? Was kompensieren sie? Wonach sehnen sie sich?

Aber vielleicht ist genau das der Punkt: Der Club zeigt heute nicht nur, wie Menschen Musik hören. Er zeigt, wie Menschen Verbindung suchen.