Die transmediale feiert 2027 ihr 40-jähriges Bestehen und nimmt dieses Jubiläum zum Anlass, tief in die Geschichte der Netzwerke, ihrer Fehler und ihrer asymmetrischen Machtstrukturen zu blicken. Unter dem Titel „RFC 40“ präsentiert das Festival vom 28. bis 31. Januar 2027 im Berliner silent green Kulturquartier ein Diskurs- und Performance-Programm namens „groundstates“. Flankiert wird das Festival von der groß angelegten Ausstellung „fragile currents“, die vom 27. Januar bis zum 7. März 2027 in der Akademie der Künste (Hanseatenweg) zu sehen ist.
Das Konzept der Fragilität als Chance Die von Antonina Stebur kuratierte Ausstellung „fragile currents“ stellt die Verletzlichkeit unserer Gegenwart ins Zentrum: instabile Infrastrukturen, technologische Asymmetrien und ungleiche Abhängigkeiten. Anstatt diese Fragilität jedoch nur als Schwäche zu begreifen, wird sie hier als Bedingung für Interdependenz und als Ausgangspunkt für die Errichtung sogenannter „Gegen-Infrastrukturen“ verstanden. Die Ausstellung zielt darauf ab, die Spannung zwischen Ausbeutung und Widerstand zu halten – ähnlich einem elektrischen Strom, der durch einen ungelösten Potentialunterschied entsteht.
Insgesamt verteilen sich dreizehn Kunstwerke über die drei Hallen der Akademie der Künste. Diese reichen von großformatigen Installationen und Filmarbeiten bis hin zu spielbaren Games. Die Werke legen offen, wie Infrastrukturen Macht umverteilen, und zeichnen Formen politischer Imagination nach.
Das Archiv als politische Ressource und die „Ruined Assembly“ Ein zentrales Element der Ausstellung sind die „Archival Stations“, die Dokumente und historische Materialien aus 40 Jahren transmediale-Geschichte zugänglich machen. Das Archiv wird dabei nicht nostalgisch betrachtet, sondern als „politische Ressource“ genutzt, die gescheiterte, aufgegebene oder vergessene Praktiken und Ideen reaktiviert.
Im Herzen der Ausstellung befindet sich die Installation „Ruined Assembly“. Diese fungiert als architektonische Infrastruktur und physischer Raum der Zusammenkunft. Sie besteht sinnbildlich aus elektrischen Kabeln und materiellen archivarischen Überresten früherer Festivalausgaben. Innerhalb dieser Installation wird zudem die Kartografie „Dark Net“ (recherchiert von Oleksii Minko, Fernando Morales de la Peña und Antonina Stebur) präsentiert. Diese Karte macht die oft unsichtbare technologische Ausbeutung und Repression sichtbar, die zu einer „Infrastruktur der Macht“ erstarrt ist.
Ausgewählte künstlerische Positionen
Die Ausstellung vereint internationale Perspektiven, die sich mit den drängendsten technologischen und ökologischen Konflikten unserer Zeit auseinandersetzen:
- Open Place (Yulia Kostereva und Yuriy Kruchak) – All That’s Solid Melts into Air: Diese am Eingang platzierte Installation verbindet Bildschirme und einen Ventilator in Berlin mit Kulturinstitutionen in der Ukraine. Da die ukrainische Infrastruktur durch den Krieg massiv angegriffen wird, macht die Arbeit erfahrbar, dass Verbindungen – ob durch Strom, Internet oder körperlichen Einsatz – aktiv aufrechterhalten werden müssen.
- Medina Bazarğali – Fake World [Жалған дүние]: Eine Vierkanal-Videoinstallation, die den Nachkommen der kasachischen Elite folgt. Sie thematisiert Überwachung, staatliche Gewalt und Korruption, durchkreuzt von den Eingriffen einer anonymen Hackerin, die digitale Intimität als Waffe nutzt.
- Liu Chuang – Lithium Lake and Island of Polyphony II: Eine Dreikanal-Videoarbeit, die den Transfer von Lithium und Silber von den Anden nach Ostasien über fünf Jahrhunderte beleuchtet und dabei Sci-Fi-Elemente (angelehnt an The Three-Body Problem) mit ostasiatischer polyphoner Musik verwebt, um Wege aus der Abhängigkeit von extraktiven Technologien zu finden.
- latency.club – Oracle Index: Diese Filminstallation imaginiert ein zukünftiges Kuba nach einem totalen Embargo („La Opción Cero“), in dem die kommunistische Regierung auf Silicon-Valley-Konzepte wie Futarchy, KI und Prognosemärkte zurückgreift, um das Überleben zu sichern.
- Variable Name – So Close You Can Almost Touch It: Vor dem Hintergrund der Zerstörung des ukrainischen Kachowka-Staudamms im Jahr 2023 widmet sich dieses interaktive Ton- und Videoprojekt dem Verlust von Landschaften und dem Gefühl der Vertreibung.
Hintergrund: Was bedeutet RFC 40? Der Titel des diesjährigen Festivals, „RFC 40“, bezieht sich auf die frühe Geschichte des Internets. RFC steht für „Request for Comments“, eine inoffizielle Reihe von Notizen zur Entwicklung des ARPANET. Das spezifische Dokument RFC 40 erschien im März 1970 und befasste sich mit dem Thema „Fehler“ – konkret damit, wie ein Netzwerk über das kommunizieren kann, was scheitert, und dennoch offen und funktionsfähig bleibt. Die transmediale greift diesen Gedanken der ungelösten Widersprüche, des offenen Entwurfs und der kollektiven Überarbeitung zu ihrem 40. Jubiläum als Inspiration auf.
Eine Festivalausgabe unter Druck Die diesjährige Ausgabe findet unter erschwerten realpolitischen Bedingungen statt. Wie die Festivalmacher in einem Pressehinweis transparent mitteilen, haben Budgetkürzungen und der Wegfall von zwei langjährigen Förderern (MBB, BpB) massive Auswirkungen auf die Arbeitsbereiche der transmediale, inklusive der Pressearbeit. Das Festival demonstriert damit die in der Ausstellung thematisierte institutionelle und infrastrukturelle Fragilität unfreiwillig auch auf organisatorischer Ebene.





