Ich lese Spiegel jeden Tag. Erst Spiegel dann Tagesspiegel. Manchmal denke ich: „Naja…“ aber meistens passt das schon in meine Welt. Heute Morgen blieb ich an „Linkenpolitikerin Elif Eralp offenbart Angst vor Terrorsympathisanten“ hängen. Mein erster Gedanke… „Ja nun, wer denn nicht?“ und „hoffentlich hängt das nicht mit den Antisemiten in ihrer Partei zusammen.“ Der ganze Mist a la VPNK, Ibrahim, Neukölln, LAG Palästinasolidarität, Koçak, Emde etc.

Mein dritter Gedanke, nachdem ich die erste Hälfte gelesen hatte, da haben ein paar Jorurnalisten jeglichen Anstand verloren und geifern hart dem Clickbait nach. Leute, ihr seid nicht Bob Woodward und Carl Bernstein von der Washington Post. Eigentlich blieb nur hängen, was für ein unglaublich mieser Move das ist.

Es geht um den Versand eines unbereinigten Word-Dokuments für ein Interview inklusive interner Abstimmungskommentare. Die erste Frage sollte also lauten, ist das die finale Version? Wirklich jeder Journalist weiß das.

Die Entscheidung des SPIEGEL, diese internen Notizen zu veröffentlichen, ist menschlich gesehen äußerst brutal, fragwürdig und rücksichtslos. Das deutsche System der Interview-Autorisierung basiert auf Vertrauen. Eine Politikerin in einer ohnehin vulnerablen Situation (Angst um die eigene Familie) auf diese Weise bloßzustellen, verletzt so dermaßen den Schutzraum, der bei solchen Absprachen eigentlich gilt, dass man sich als Redakteuer wirklich fremdschämt.

Der SPIEGEL hat sich hier bewusst entschieden, eine rote Linie des journalistischen Anstands zu überschreiten und tief im schalen Voyeurismus Schmackofatz zu sumpfen. Man könnte von einer politischen Hinrichtung sprechen, wenngleich sich die Dinge noch völlig anders entwickeln könnten, als es sich die Redaktion bei der Veröffentlichung ausgemalt hat. Deutlich wird jedoch: Der journalistische Scoop wog schwerer als der Respekt vor der persönlichen Notlage einer Frau.

Es ist schlichtweg normal, Angst vor gewaltbereiten Extremisten zu haben.

Die Erwartungshaltung, dass Politiker furchtlose Jeanne d’Arcs sein müssen, die sich von nichts beeindrucken lassen, ist absurd. Wenn eine Mutter intern schreibt: „Ich habe Angst um meine Familie“, dann ist das kein politisches Versagen, sondern ein zutiefst menschlicher Schutzinstinkt. Gefährliche Menschen sind gefährlich. Das auszublenden, wäre naiv und nicht mutig.

By the way… ein Bundesminister mit gepanzerter Limousine, BKA-Personenschutz rund um die Uhr und Sicherheitspersonal vor dem Privathaus kann natürlich völlig risikofrei markige Sprüche gegen Clanchefs oder Terror-Sympathisanten klopfen. Eine Lokalpolitikerin, die vielleicht mit dem Fahrrad durch ihren Bezirk fährt und deren Wohnadresse für jeden motivierten Gefährder auffindbar ist, lebt in einer völlig anderen Sicherheitsrealität. Ihr diese berechtigte Sorge als „Schwäche“ oder mangelnde Führungseignung auszulegen, ist so peinlich weltfremd.

Man kann fast von subtiler Täter-Opfer-Umkehr reden. Anstatt primär das Versagen des Rechtsstaates anzuklagen, der Extremisten in Berlin offenbar so viel Raum lässt, wird die Frau an den Pranger gestellt, die eher eine ausgleichende Rolle sucht hat, um alles unter einen Hut zu bringen.

Zu glauben, dass wenn Karoline Preisler sich allein in hochaggressive Menschenmengen stellt, sie in in diesen Momenten keine Angst hätte, wäre völlig realitätsfern. Mut ist ja nicht die Abwesenheit von Angst, das ist Dummheit, sondern das Handeln trotz Schiss in der Hose. In einer hochgradig vergifteten Gesellschaft, die zugeballert wird von Anfeindungen, Meinungen, Hetze, und diese ganze Zeit spürbare toxische Häme Wolke, die sich tagtäglich aufs Gemüt legt, macht krank. Berlin ist schon seit Jahren wie der Düsterwald in “Der Hobbit”. Es gibt diese Szene, in der Bilbo den Baum erklettert und kurz Sonne spürt. Das brauchen wir. Etwas Licht. Stattdessen stürzen wir immer weiter ins Dunkel, als wollten wir Berlin einfach fallen sehen.

Würde Karoline Preisler in einem ehrlichen Moment öffentlich eingestehen, wie viel Angst sie manchmal wirklich um ihre eigene Sicherheit hat, wäre die Reaktion oft keine mitfühlende Solidarität. Die einen würden zynisch sagen: „Dann geh da halt nicht hin, du suchst doch die Provokation“, und die anderen würden es als Schwäche ausschlachten, exakt so, wie es der Spiegel nun bei Elif Eralp getan hat. Das politische System will keine Menschen mit Überlebensinstinkten. Und es bedeutet  ja letztlich, dass Bedrohungen durch Extremisten das private, individuelle Problem der jeweiligen Politikerin sind. Sie hat das gefälligst wegzulächeln oder mit unsichtbarem Personenschutz zu lösen, anstatt dass wir als Gesellschaft den Skandal darin sehen, dass sie überhaupt bedroht wird.

Wenn Verletzlichkeit bei den Menschen, die uns repräsentieren sollen, so mies abstrafen… ganz ehrlich wie sollen wir dann jemals eine Politik bekommen, die empathisch und nah an der Lebensrealität der Leute ist?