Wenn ich mir die akutell gesellschaftliche Großwetterlage, sei es in Neukölln oder in den französischen Großstädten anschaue, drängt sich so ein Gedanke auf: Zeigt uns dieser ganze Trouble eigentlich nur noch, was in unserer kapitalistischen Gesellschaft massiv schief läuft? Palästina ist dabei letztlich allen egal und dient primär nur als hippe Marke für den eigenen Frust?

Für bestimmte gesellschaftliche Gruppen ist „Palästina“ nämlich längst zu dem geworden, was in der Theorie ein „Leerer Signifikant“ genannt wird. Ein leerer was? Der Begriff wurde maßgeblich vom Politologen Ernesto Laclau geprägt und beschreibt im Grunde die perfekte rhetorische Müllschluckertüte. Es ist ein Wort, ein Symbol oder ein Bild, das seinen ursprünglichen Inhalt komplett verloren hat, oder so krass gedehnt wurde, dass es fast alles und gleichzeitig gar nichts mehr bedeutet.

Es funktioniert wie eine gigantische, leere Projektionsfläche. Jeder kann seine ganz persönlichen Lieblings-Feindbilder dort hineinkippen. Genau deshalb sind diese leeren Signifikanten politisch und im Marketing so mächtig. Sie erlauben es, völlig unterschiedliche Menschen hinter einem einzigen Banner zu versammeln, schlicht weil niemand mehr über nervige, konkrete Inhalte streiten muss.

Hier sind ein paar klassische Beispiele, an denen dieser Mechanismus sofort klickt:

Nachhaltigkeit war mal ein klar definierter, ökologischer Begriff. Heute ist es der ultimative leere Signifikant der Corporate World. Wenn eine Fast-Fashion-Kette und eine Circular-Economy-Initiative sich mit demselben Vokabular schmücken, hat es jede Trennschärfe verloren. Es dient nur noch als Tarnkappe fürs Greenwashing. Woke kam ursprünglich („stay woke“) aus der afroamerikanischen Community, um vor rassistischer Polizeigewalt zu warnen. Heute? Komplett entleert. Rechte werfen in diesen Container stumpf alles rein, was sie ankotzt: Gendern, Veganismus, Klimaschutz oder Diversität in Filmen. Freiheit… Der Endgegner der leeren Signifikanten in der Politik. Wenn Christian Lindner „Freiheit“ säuselt, meint er Steuersenkungen und weniger Bürokratie. Wenn die Querdenker „Freiheit“ brüllten, meinten sie das Ende der Maskenpflicht. Wenn die radikale NEUE Linke „Freiheit“ fordert, meint sie die Befreiung vom Kapitalismus. Alle rufen exakt dasselbe Wort, meinen aber komplett unterschiedliche Welten. Wir sind das Volk, ach fuck… 1989 in der DDR war das eine konkrete Kampfansage gegen eine Diktatur. Dann kamen Pegida und die AfD, haben den Begriff gekapert und entleert. Heute dient er dort als Platzhalter für „Wir gegen die Eliten“ oder feuchte Träume von ethnischer Homogenität. Das die Flachpfeifen echt diesen Slogan gekapert haben, ist wirklich das Erbärmlichste auf Gottes Erden. Das Che-Guevara-Shirt ist der optische leere Signifikant schlechthin. Eine popkulturelle Hülle für so ein diffuses Gefühl von „Rebellion“ und „Anti-Establishment“, das man sich bei H&M kauft. (Von den Leuten mit RAMONES-Shirts fangen wir hier erst gar nicht an.) Wahrscheinlich gibt es 2030 die ersten RAF-, IRA- oder ETA-Shirts zu kaufen.

Genau dieser Mechanismus greift doch gerade in den radikalen Protestmilieus, wenn es um Palästina geht. Die extrem verfahrene und widersprüchliche Realität des Nahen Ostens wird entleert, damit jeder seinen eigenen Frust über den westlichen Kapitalismus, den Staat oder die eigene Chancenlosigkeit dort hineinprojizieren kann.

Apropos „Naher Osten“… das ist sprachlich ja auch so ein Ding. Das Britische Empire stufte Asien damals schlicht nach der Entfernung zu Europa ein:

  • Naher Osten (Near East): Die Gebiete des Osmanischen Reiches (inklusive Balkan und Levante), die direkt vor der europäischen Haustür lagen.
  • Mittlerer Osten (Middle East): Die Pufferzone auf dem Landweg zur britischen Kronkolonie Indien (also Iran, Afghanistan, Zentralasien).
  • Ferner Osten (Far East): Die Endpunkte der weiten Handelsrouten, primär China und Japan.

Fun Fact am Rande: Im englischen Sprachraum wurde der Begriff Middle East ab dem Zweiten Weltkrieg massiv ausgeweitet und schluckte den historischen „Nahen Osten“ einfach komplett. Im Deutschen blieb man aber stur beim „Nahen Osten“. Das führt heute zu dem kuriosen Clusterfuck, dass Engländer Middle East sagen, die arabische Welt das wörtlich mit Ash-Sharq al-Awsat (Mittlerer Osten) übersetzt, und wir in Deutschland vom „Nahen Osten“ sprechen… obwohl alle exakt dieselbe Region meinen. Wenn du es richtig machen willst, sag einfach „MENA-Region“ (Middle East and North Africa).

Aber zurück zum Thema. Palästina ist zur ultimativen Projektionsfläche für eine Vielzahl von Frustrationen geworden, die mit der MENA-Region vor Ort eigentlich nur noch am Rande zu tun haben. Dass der Konflikt als Marke, als Symbol für ganz andere Kämpfe instrumentalisiert wird, sieht man massiv an folgenden Punkten:

Für weite Teile der radikalen Linken, blick mal nach Frankreich zu Parteien wie La France Insoumise (LFI), dient der Konflikt als das perfekte Stellvertreter-Szenario. Der Nahe Osten wird in ein binäres Raster gepappt: Unterdrücker gegen Unterdrückte, Kolonisatoren gegen Kolonisierte, westlicher Kapitalismus gegen den globalen Süden. Palästina wird so zum Symbol des globalen Anti-Kapitalismus stilisiert. Die Gleichung ist plump: Wer gegen das „System“ ist, ist für Palästina. Wer für das Existenzrecht Israels ist, ist ein zionistischer Nazi. Das ist genau der Grund, warum mich diese Pali-Demos in Berlin auch einfach nur ankotzen. Und die HAMAS hat alles richtig gemacht. Wer ernsthaft glaubt, der militärische Sieg wäre deren Ziel gewesen, ist dumm.*

Da wäre die importierte Wut aus den Vorstädten. Für viele Kiddos aus den Banlieues oder von sozialer Ausgrenzung betroffene Gruppen ist das Demonstrieren mit der Palästina-Flagge in erster Linie ein fetter Mittelfinger gegen den französischen Staat und gegen die eigene Marginalisierung. Da schwingt das kollektive Trauma des Algerienkriegs und der ekligen französischen Kolonialgeschichte immer mit. Die Wut richtet sich eigentlich gegen Macron und die abgehobenen französischen Eliten; Palästina liefert dafür aktuell einfach nur die lauteste Bühne.

Rebellion als Lifestyle-Produkt ist ja sowieso schon lange Thema. Die Kufiya (das Palästinensertuch) und Slogans wie „Free Palestine“ haben nahtlos genau die Popkultur-Funktion übernommen wie früher das gute alte Che-Guevara-Shirt. Es ist ein sofort erkennbares Szene-Zeichen für Rebellion und moralische Überlegenheit. Die tatsächliche Realität vor Ort stört dieses slick lackierte Marken-Image natürlich enorm. Dass da mit der Hamas eine fundamentalistische Ideologie agiert, die einfach alle auf der Welt umbringen will, die nicht in ihr Raster passen; die geopolitischen Sackgassen; das unfassbare, konkrete Leid der palästinensischen und der israelischen Zivilbevölkerung … all das stört den Vibe.

Klar, es wäre arschig zu behaupten, dass es niemandem auf diesen Demos mehr um das konkrete menschliche Leid in Gaza geht. Für viele Menschen spielen schlichtes Entsetzen über die vielen zivilen Opfer die Hauptrolle.

Aber wenn wir über den ideologischen Überbau und die perfide Strategie der politischen Ränder reden, sehe ich das komplett anders. Dort wird das reale Palästina gnadenlos abstrahiert und instrumentalisiert. Es dient als extrem nützliches, hoch emotionalisiertes Vehikel, um die persönliche Frustration auf die kapitalistische Gesellschaft einfach mal lautstark auf die Straße zu rotzen.

* Die Hamas-Führung wusste ganz genau, dass sie militärisch absolut chancenlos ist. Der 7. Oktober war eine gigantische, zynische und extrem blutige PR- und Geopolitik-Falle. Und sie hat auf einer perversen strategischen Ebene genau so funktioniert, wie es sich die Hamas ausgerechnet hat.

Die Hamas wusste, dass das Massaker eine tiefe, existenzielle Wunde in Israel reißen würde und die israelische Regierung (gerade diese ultrarechte) gar keine andere Wahl haben würde, als mit maximaler, überwältigender Härte zurückzuschlagen. Genau das war der Plan. Die Hamas hat die IDF absichtlich in einen asymmetrischen Häuserkampf in einem der am dichtesten besiedelten Gebiete der Welt gezogen und sich selbst unter der eigenen Zivilbevölkerung verschanzt.

Jeder tote palästinensische Zivilist, jedes zerstörte Krankenhaus und jedes tote Kind ist kein „Kollateralschaden“ für die Hamas, sondern die wichtigste Waffe im Informationskrieg. Die schrecklichen Bilder aus Gaza waren nicht der Unfall dieser Strategie, sie waren das Ziel. Nur durch diese massiven zivilen Opfer ließ sich die westliche Weltöffentlichkeit gegen Israel aufbringen.

Vor dem 7. Oktober stand der Nahe Osten vor einer historischen Verschiebung. Israel und Saudi-Arabien waren kurz davor, ihre Beziehungen offiziell zu normalisieren (die Erweiterung der sogenannten Abraham-Abkommen). Für die Palästinenser hätte das bedeutet: Game Over. Wenn die wichtigste arabische Macht ihren Frieden mit Israel macht, wäre die palästinensische Frage endgültig in der geopolitischen Bedeutungslosigkeit verschwunden. Der Angriff am 7. Oktober hat diesen Verhandlungstisch buchstäblich in die Luft gesprengt. Saudi-Arabien musste die Gespräche sofort auf Eis legen, um in der arabischen Welt nicht als Verräter dazustehen. Die Hamas hat das Thema Palästina mit brutaler Gewalt zurück auf die Agenda der Weltpolitik gebombt.

Das vielleicht wichtigste Ziel war es, Israel den Status des Opfers zu entreißen und es stattdessen weltweit als Aggressor, Unterdrücker und „Genozid-Staat“ zu framen. Hier schließt sich der Kreis zu den „Leeren Signifikanten“ oben. Die Hamas hat den Konflikt perfekt für die westliche Gen Z und die radikale Linke aufbereitet. Auf Plattformen wie TikTok wurde der Konflikt extrem simplifiziert. Israel wurde erfolgreich in die Rolle des weißen, westlichen Kolonisators gedrängt, was perfekt an die antikapitalistischen und anti-kolonialen Narrative in Europa und den USA andockt. Das Ergebnis sehen wir an den Unis in den USA und auf den Straßen in Berlin: Israel verliert gerade eine ganze Generation im Westen. Die diplomatische und moralische Isolation Israels wächst rasant.

Die Hamas hat Gaza in Schutt und Asche legen lassen und das Leben zehntausender Palästinenser geopfert, um ein geopolitisches Ziel zu erreichen. Sie haben Israels internationale Legitimität massiv beschädigt, die arabische Welt wieder hinter sich gezwungen und einen tiefen Keil in die westlichen Gesellschaften getrieben. Israel ist mit offenen Augen in diese Falle getappt, weil es innenpolitisch und psychologisch gar nicht anders konnte, als den Köder der totalen Eskalation zu schlucken. Militärisch gewinnt Israel diesen Krieg in Gaza jeden Tag. Aber auf der globalen, strategischen Ebene hat die Hamas genau den Keil in die Welt getrieben, den sie treiben wollte.