Immer öfter galoppiert bei mir das Thema Crowd-Reading durch den Feed. Natürlich muss man nicht jedem Stöckchen hinterherspringen, das Content-Creator-DJs einem hinhalten, aber geneigte Leserinnenschaft, es ist zweifelsohne bewiesen, dass Albernheiten heutzutage die fatale Tendenz haben, verdammt schnell zur „Industry Standard“-Ernsthaftigkeit zu mutieren und ihren fetten Toastbrot-Arsch der Belanglosigkeit ganz schnell über die eigene, mühsam kuratierte Brioche zu stülpen. Wer das nicht glaubt, muss sich nur fragen, warum Eurodance plötzlich „Trance“ heißt. Eine kurze Schweigeminute für MFS Records an dieser Stelle.
Man muss bzw. will also die Dinge beim Namen nennen: Das, was heute als „Crowd-Reading“ glorifiziert wird, ist nichts weiter als die Kapitulation des DJs vor der Belanglosigkeit. Wahre Stimmigkeit entsteht nicht durch das Scannen von Gesichtern, wenn du deine Idee von Musik und damit deine ästhetische Integrität an der Garderobe abgibst.
Das Märchen vom DJ, der empathisch auf die „Bedürfnisse“ der Tanzfläche reagiert, ist eine Falle etwa wie ein geschlossener Feedback-Loop, der zwangsläufig in der Entropie endet, also der Uneinigkeit mit sich selbst, was man eigentlich mag. Wenn wir Musik nur noch als funktionales Werkzeug begreifen, um die homöostatische Pflichtekstase eines Floors zu verwalten, degradieren wir uns selbst zu Warenband Sensor in einem Unterhaltungsbetrieb, der erschreckende Parallelen zum „Wachstum um jeden Preis“ einer falschen Wirtschaftsordnung kennt.
Ich spiele House Music. Und ich rede hier nicht von den 115-BPM-Klick-Experimenten, die nachts um drei jede Energie im Keim ersticken, sondern von der „never grow old“-Schönheit eines Ron Trent – Altered States oder DJ Pierre – Fall. Das ist kein „stumpfer“ Takt, den man nach Belieben biegen kann, sondern ein kulturelles Erbe mit Substanz. Diese Musik zu „lesen“, um sie dem kleinsten gemeinsamen Nenner anzupassen, ist Blasphemie.
Wer wissen will welche aktuellen Tracks ich so mag, hier eine Liste mit Links zu bandcamp.
- 90009A – WAX
- When U Touchin – Igor Gonya Feat. Shabi
- Sulla Pista – Tommaso Conforti
- Promises – Floating Points, Pharoah Sanders & The London Symphony Orchestra
- Cotton & Silk feat. ‚Em – Tiger & Woods
- Acid House Song – Fil Palmer
- This Is The Place – Joshua Idehen
- She Kissed Me and Called Me Pretty – Kluu
- Karl-Löwe street groove (ft. Birol) – Interstate
- D001 – Apparel Wax
- Babystar – Herbert & Momoko
Ein DJ sollte ein Filter sein, kein Echo. Die heute so oft beschworene „Demokratisierung des Dancefloors“ ist in Wahrheit eine Entmündigung der Crowd. Man traut den Kids nicht mehr zu, sich auf eine Vision einzulassen, die über das Erwartbare hinausgeht. Wer 10.000 Tracks auf einem USB-Stick spazieren fährt, flüchtet sich oft nur in die Beliebigkeit. Die physische Limitierung von zwei Plattenkoffern zwang damals zumindest dazu, eine Entscheidung zu treffen und diese auch zu meinen. Es geht nicht um das “REAGIEREN KÖNNEN” dabei.
Es ist ein Akt der Wertschätzung, für sich selbst zu spielen. Wer behauptet, er spiele „für die Leute“, lügt sich meistens selbst in die Tasche, um den Mangel an eigenem Profil zu kaschieren. Ich spiele Platten, die ich schön finde, und ich spiele sie so, dass sie zueinander und zum Moment passen. Das ist kein Dienstleistungsgewerbe, sondern eine Einladung zur Resonanz. Ein guter Gastgeber fragt seine Gäste nicht ständig nach ihren Wünschen; er schafft eine Atmosphäre, von der er selbst überzeugt ist. Wer Authentizität sucht, wird sie nicht im „Crowd-Reading“ finden, sondern in der kompromisslosen Liebe zum Sound. Wenn wir die Clubs weiterhin als Orte der Transzendenz und nicht als Vergnügungsparks begreifen wollen, müssen wir den Mut zur eigenen Ästhetik zurückgewinnen.
Diese Zeilen habe ich geschrieben nach meinem Besuch des „Girls of the Internet“-Konzerts im Aeden. Ich war unglaublich angetan davon, dass dieses Live-Set kurz vor 19 Uhr startete, und es war eine verdammte Erleichterung zu sehen, wie die Leute schon am frühen Abend komplett ausgerastet sind… während der Intro-Phase, und noch vor 20 Uhr. Kein blödes Eckengestehe. Der Sound war unfassbar organisch, sexy und unique. Er enthält so viele Soundelemente, die selbst schon das Prädikat Oldschool-Underground verdienen, und es war eine Vision eines Menschen, der diese Musik für sich gemacht hat. Und er nahm die Leute einfach mit.





