Wenn sich im November das vertraute Grau über das nun (fast) gerettete Berliner RAW-Gelände legt, stellt sich unweigerlich die Frage nach dem Zustand der lokalen und globalen Musikkultur. Zwischenzeitlich stellte sich ja sowieso die Frage wie Most Wanted überhaupt noch dort stattfinden könnte. Zwischen den verbliebenen industriellen Backsteinbauten, dort, wo Crack Bellmer, Treehouse und Badehaus noch immer als Resonanzräume für verschwitzte Nächte voller Scheiß auf Morgen und Liebe zur Nacht Gefühle fungieren, öffnet am 4. und 5. November 2026 das Most Wanted: Music (MW:M) Club Festival seine Türen. Es ist ein Moment der Bestandsaufnahme. In einer Ära, in der Algorithmen zunehmend definieren, was gehört wird, und KI den Markt mit Songs überschwemmt, versucht das Festival eine Gegenerzählung: die Kuration als bewussten Akt des Zuhörens.

Kuration als Widerstand gegen das Beliebige

Das Konzept des „Discovery Showcases“ wird hier nicht als bloße Industrie-Metapher verstanden, sondern als ästhetische Notwendigkeit. Festivalleiter Jean-Paul Mendelsohn (ja kannte ich bis dato auch nicht… Asche auf mein Haupt) formuliert einen Anspruch, der sich wohltuend von der Drama Queen Rhetorik großer Booking-Agenturen abhebt. Es geht ihm um die Suche nach Künstlerinnen und Künstlern mit einer unmissverständlichen Identität… um Musik, die im Live-Moment eine spezifische Aura entfaltet. Das Programm, so Mendelsohn, dürfe breit sein, aber eben nicht beliebig. Es geht um die unerwartete Verbindung unterschiedlicher Szenen und Sounds. Natürlich will das jeder… von Krake Festival bis Atonal, aber is ja trotzdem gut so.

Zu dieser kuratierten Auswahl gehören unter anderem Acts wie Adriano Selva, Carla Lené, Ditty, Faravaz & Butterfly Collective, KARGO, MIN t, Post Clients, RAPHA, The Swag und Toshín & The Teleporters. Wer cool ist, weiß Bescheid. Wer nicht, liest das hier eh nicht, oder ist zu alt. Wie ich. Manche sind episch. Andere… Auf alle Fälle entdecke ich da ein Faible für die 90er, anghesidelt zw. Triphop und Acid Jazz. Wenig Weltkulturerbe… YKWIM :-)

Die Kartografie der internationalen Begegnung

Interessant ist dabei die architektonische Anlage des Programms, die internationale Strömungen nicht einfach addiert, sondern in ein Verhältnis zueinander setzt. Partner aus ganz Europa und darüber hinaus bringen ihre jeweils eigene musikalische Handschrift nach Friedrichshain:

  • Skandinavische Melancholie und Indie-Pop: Das SPOT Festival aus Aarhus integriert mit Alice Ai, Boaboa und Green Tea Bitches den kühlen, formbewussten Sound des dänischen Pop-Diskurses.
  • Südafrikanischer R&B: Die Africa Rising Music Conference (ARMC) und SAMPRA platzieren mit Rowlene eine der artikuliertesten Stimmen des modernen afrikanischen R&B im Berliner Kontext.
  • Europäische Netzwerke: Die Kooperationen mit Kultur | lx aus Luxemburg und der Stadt Leipzig, die Adriano Selva und David Novell präsentieren, zeugen von einem tiefgehenden, grenzübergreifenden Austausch.

Einen eigenen erzählerischen Bogen spannt zudem das Showcase der Nettwerk Music Group. Wenn Künstler wie Evgeny Grinko, Felix Rösch, Niklas Paschburg und Yannick Lowack auftreten, verschwimmen die Grenzen zwischen moderner Klassik, präpariertem Klavier und elektronischer Textur… ein Soundtrack, der präzise in die nachdenkliche Atmosphäre einer schwindenden Clubnacht passt. (Klingt fast wie ein Ausstellungsbooklet, aber ist letztlich eine Google Gemini Zusammenfassung.)

Die lokale Verankerung: Infrastrukturarbeit an der Basis

Mit „LISTEN TO BERLIN“ integriert die Berlin Music Commission schon ganz schön lange jene Stimmen in das Festival, die das gegenwärtige Rauschen der Stadt ausmachen. Und das wird das auch weiter durchgezogen. Meine Anerkennung dafür. Acts wie piya und Marla Moya, die bereits bei der Veröffentlichung der aktuellen Compilation auf sich aufmerksam machten, repräsentieren den Status quo der jungen Szene.

Noch essenzieller erscheint jedoch die strukturelle Arbeit, die am 4. November im House of Music stattfindet. Das LISTEN TO BERLIN: YOUTH SHOWCASE ist in seiner dritten Ausgabe auf dreizehn Acts und zwei Bühnen angewachsen.

Wenn Acts wie GREIF, Lina Marie, Paoline Magnus, DeadHeadz, FIRECRACKERS, Infinity Warlords, Isaac Jensen, Oleek, Pinkpool oder Wildflowers auftreten, lässt sich beobachten, wie musikalische Identitäten im Entstehen begriffen sind. Und irgendwann kann man dann sagen… ich war danmals schon dabei, als die noch keiner kannte. Denkt nur mal an Alice Phoebe Lou. Unterstützt von einem breiten Netzwerk wird hier eine Sichtbarkeit geschaffen. So ähnlich macht das auch der Zug der Liebe, nur eben mit kleinen NGOs.

Alles in allem verzichtet das MW:M Club Festival 2026 auf die marktschreierische Geste. Und das ist gut so in dieser viel zu lauten Zeit. Es ist ein nüchterner Versuch, das Dazwischen zu kartografieren, also irgendwie jenen fragilen Raum zwischen aufkommendem Talent und etablierter Nische, zwischen globaler Vernetzung und lokaler Notwendigkeit. Für den aufmerksamen Beobachter der Pop- und Clubkultur (also dich kleine Zaubermaus) bietet sich hier eine der seltenen Gelegenheiten, der Musik gewissermaßen beim Wachsen zuzuhören.