Über Booking, Bubble-Denken, Marketing-Narrative und die Frage, wie Diversität jenseits von Selbstinszenierung überhaupt praktiziert werden kann.

– Mike „Ezekiel“ Sanchez Leonardi –

Das gute Gewissen der Szene

Die Szene liebt mittlerweile das Wort Diversität. Es klingt gut, es klingt progressiv, nach Bewusstsein und vor allem nach Fairness. Wer Diversität sagt, stellt sich automatisch auf die moralisch richtige Seite. Genau deshalb wird der Begriff inzwischen auch so bereitwillig benutzt. Gefühlt schreibt sich jedes zweite Kollektiv und jede dritte Veranstaltung den Begriff zusammen mit Awareness auf die eigene Fahne. Alle möchten heute offen, progressiv, vielfältig und natürlich divers sein. Oder zumindest so wirken.

Das Problem ist nur: Je öfter dieses Wort fällt, desto leerer wird es. Irgendwann ist Diversität kein echtes Bekenntnis mehr, sondern nur noch ein schönes Etikett. Genau da beginnt die Schieflage. Vieles von dem, was aktuell als Diversität verkauft wird, ist bei genauerem Hinsehen keine wirkliche Vielfalt, sondern vielmehr eine kuratierte gut zu vermarktende Auswahl dessen, was sich sichtbar und gefällig als Vielfalt in Szene setzen lässt.

(Anmerkung der Redaktion: Es irritiert ebenfalls, dass eine Clubkultur, die sich als inklusiv beschreibt, ihre Texte ausschließlich auf Englisch veröffentlicht. Wie kann Inklusion funktionieren, wenn beim Thema Sprache Schluss mit der Diverstät ist, weil Kommunikation nur auf Englisch stattfindet? Zur Inklusion gehören auch konkrete Maßnahmen wie zweisprachige Texte.)

Ich stelle mir diese Frage nicht nur von außen, sondern auch in meinem eigenen Kontext. Auch im Rahmen meines Festivals. Wie divers kann ich eigentlich wirklich sein? Wie fair kann ich Bookings gestalten? Wen habe ich überhaupt auf dem Schirm und wen übersehe ich vielleicht, ohne es zu merken und warum? Die schwierigste Aufgabe ist oft, überhaupt zu erkennen, an welchen Stellen man sich längst in Mustern bewegt, die man selbst gar nicht mehr hinterfragt.

Gleichzeitig gehe ich bewusst nicht nach draußen und behaupte offensiv, ich hätte ein diverses Line-up. Nicht, weil mir Diversität egal wäre. Nein, vielmehr weil ich mir diese Bürde nicht öffentlich aufladen will. In dem Moment, in dem man sagt, man habe oder man mache ein diverses Line-up, wird aus einer inneren Haltung plötzlich eine Bringschuld. Dann muss geliefert werden. Dann muss das, was man angekündigt hat, von außen überprüfbar sein. An diesem neuralgischen Punkt kippt das Thema schnell. Dann geht es nicht mehr nur um gute Musik und eine reflektierte Auswahl, sondern auch darum, eine bestimmte Erzählung zu bedienen. Ein Narrativ, das öffentlich funktioniert. Etwas, das man reichweitenrelevant in den Socials erzählen kann: Schaut her, wir haben verstanden.

Nur ist die Realität meistens nicht so sauber, wie diese glattgebügelten Selbstdarstellungen behaupten.

Sichtbar divers ist nicht automatisch wirklich divers

Was man heute oft sieht, ist keine tiefgehende Diversität, sondern vor allem sichtbare Diversität. Diversität, die sich gut lesen lässt und schnell erkennbar ist. Die in Promo-Posts funktioniert. Unterschiedliche Genderidentitäten, queere Artists, verschiedene visuelle Codes, unterschiedliche Selbstdarstellungen – alles wichtig, keine Frage, aber es ist eben nicht das ganze Bild.

Echte Vielfalt ist komplizierter. Sie ist unübersichtlicher und sie endet definitiv nicht da, wo ein Instagram-Post schon gut aussieht. Genau da liegt der blinde Fleck vieler Debatten. Es wird oft so getan, als wäre Vielfalt schon dann erreicht, wenn ein bestimmtes Bild nach außen stimmig wirkt. Aber ein stimmiges Bild ist noch kein Beweis für eine gelebte offene Struktur.

Gerade im Hard Techno-Bereich sieht man das ziemlich deutlich. Dort gibt es inzwischen genug Veranstaltungen, die das Bild erzeugen, besonders bewusst und divers zu kuratieren. Und ja, in bestimmten Punkten tun sie das auch. Aber sobald man etwas genauer hinschaut, tauchen die Leerstellen auf. People of Color zum Beispiel sind in vielen Line-ups immer noch deutlich unterrepräsentiert. Nicht zwingend, weil morgens jemand aufwacht und aktiv beschließt, sie auszuschließen. Sondern oft, weil man eben doch in der eigenen Bubble sucht. Im eigenen Netzwerk. In den eigenen Timelines. In den eigenen Referenzen. Wer dort nicht stattfindet, wird schnell gar nicht erst wahrgenommen.

Und genau das ist der Punkt: Viele Bookings entstehen nicht aus einer offenen Sicht auf die ganze Szene, sondern aus dem Radius dessen, was innerhalb der eigenen Bubble überhaupt als relevant gilt.

Ihr bucht oft nicht die Szene, sondern eure Bubble

Besonders deutlich wird das bei Local Acts. Gerade dort wird oft der Eindruck erzeugt, man würde „die Szene“ abbilden, obwohl in Wahrheit meist nur die eigene Bubble abgebildet wird. Eine Bubble, die mit der realen Breite der Szene oft deutlich weniger zu tun hat, als man sich und anderen gern einredet. Es ist eine Art Parallelwelt: dieselben Namen, Empfehlungen, Netzwerke und dieselben Gesichter. Was darin sichtbar ist, gilt als relevant. Was außerhalb davon stattfindet, taucht oft gar nicht erst auf. Es findet nicht statt!

Deshalb ist diese angeblich offene lokale Auswahl häufig gar nicht so offen, wie sie wirkt. Sie bildet nicht die Realität außerhalb der Bubble ab, sondern vor allem eine selbstgebaute Miniwelt, die sich ständig selbst bestätigt. Dieselben Leute empfehlen dieselben Leute, buchen dieselben Leute, hypen dieselben Leute und halten das dann für ein realistisches Bild der Szene. Ist es aber oft nicht. Es ist eher eine fiktive Welt innerhalb klarer Grenzen. Und wenn man ehrlich ist, beginnt die Illusion von Diversität oft genau da. Nicht erst beim großen Festival-Marketing, sondern schon bei der angeblich organischen Auswahl auf lokaler Ebene.

Man muss sich bewusst sein, dass die Struktur eines Line-ups am Ende fast immer auch die Gedankenwelt widerspiegelt, in der Veranstalter:innen selbst unterwegs sind. Ihre Vorlieben. Ihre Netzwerke. Ihre ästhetischen Codes. Ihre eigene Bubble. Und damit zwangsläufig auch ihre blinden Flecken. Ein Line-up ist nie nur ein musikalisches Ergebnis. Es zeigt immer auch, welche Welt jemand sieht, welche als relevant gilt – und welche gar nicht erst wahrgenommen wird.

Das ist auch der Grund, warum manche Line-ups auf den ersten Blick offen wirken, auf den zweiten aber erstaunlich eintönig sind. Nicht musikalisch unbedingt. Aber strukturell. Man sieht Vielfalt innerhalb einer sehr kleinen Welt und verwechselt sie dann mit Vielfalt insgesamt. Dabei ist es oft nur die Vielfalt der eigenen Filterblase.

Über eine Form von Unsichtbarkeit redet fast niemand

Noch auffälliger wird die Sache an einem Punkt, über den erstaunlich wenig gesprochen wird: Alter. Ich bin 51. Und wenn ich mir Hard Techno-Line-ups anschaue, springt mir seit Jahren ein Muster ins Gesicht, das kaum jemand klar ausspricht. Ältere DJs kommen in dieser Sichtbarkeit faktisch kaum vor. Über 50 gefühlt gar nicht und ich schaue schon ganz genau hin. Und zwar unabhängig davon, ob männlich, weiblich, queer, straight, cis oder trans. Ab einem gewissen Alter wird es auffällig leer.

Nicht, weil diese Leute nicht existieren. Sie existieren. Sie werden nur nicht erzählt. Sie werden nicht mitgedacht. Sie werden nicht sichtbar gemacht. Ich bin selbst der Beweis dafür, dass es sie gibt. Und ich bin kein Einzelfall. Ich nehme mich hier nur als greifbares Beispiel für ein viel größeres Muster. Die Frage ist also nicht, ob ältere Artists in diesen Genres vorhanden sind. Die Frage ist, warum sie in Szenen, die sich selbst so gern als offen und progressiv verstehen, so konsequent aus dem Bild fallen.

Die Antwort ist unangenehm, aber ziemlich offensichtlich: Weil sie nicht ins gewünschte Narrativ des Marketings passen.

Ich schreibe hier ausführlich über Alter und Altersdiskriminierung, weil ich davon selbst betroffen bin. Gemeint ist das aber nicht als Sonderfall, sondern stellvertretend für viele andere Formen von Ausschluss. Ob Gay, Trans-Personen, People of Color oder andere Gruppen, die in Line-ups gar nicht oder nur als Ausnahme auftauchen. Dahinter stehen oft dieselben Mechanismen: Dieselbe enge Bubble. Dieselben Vorstellungen davon, wer vermarktbar, glaubwürdig oder passend wirkt. Am Ende führt all das zu denselben Konsequenzen: zu Unsichtbarkeit, zu fehlenden Zugängen und zu dem Gefühl, im vermeintlich offenen Raum trotzdem nicht wirklich mitgemeint zu sein.

Marketing formt längst mit, wer überhaupt glaubwürdig wirkt

Booking passiert nie im luftleeren Raum. Es passiert in einer Welt aus Bildern, Codes, Narrativen und Vermarktungslogiken. Gerade Hard Techno wird seit geraumer Zeit massiv über ein bestimmtes Lebensgefühl verkauft: Jung. Frech. Sexy. Schnell. Exzessiv. Provokant. Maximale Energie. Maximale Körperlichkeit. Maximale Reizdichte.

Es geht längst nicht mehr nur um Musik. Es geht um ein Gesamtbild. Um eine ästhetische Erzählung, die sich gut schneiden, posten und verbreiten lässt. Und diese Erzählung ist klar auf Jugend gemünzt. Sie vermittelt indirekt, dass hier der Sound der jungen Generation sei. Das hier alles fresh und wyld sei. Das hier gehört denen, die gerade erst in die Szene gekommen sind und glauben, sie hätten etwas entdeckt, das ihnen gehört. 

Das ist allerdings kein Sonderfall, sondern Teil einer größeren Vermarktungslogik. In kommerziell relevanten Bereichen werden selten nüchterne Realitäten verkauft, sondern fast immer verdichtete Illusionen. Fast Food sieht in der Werbung appetitlicher aus, als es später real auf dem Tablett landet. Und auch in der Technokultur wird in Social Media oft nicht einfach dokumentiert, sondern inszeniert.

Mit hektischen Kamerarucken nach links und rechts wird Clips mehr Dynamik gegeben, als der Moment vor Ort vielleicht tatsächlich hatte. Mit Slow Motion werden emotionale Augenblicke größer gemacht, als sie im realen Ablauf wirkten. Dazu kommen kuratierte Posts und Stories, die eher eine gewünschte Stimmung inszenieren als Realität abzubilden. Denn das normale Leben ist für Social Media oft entweder zu lame oder viel zu spicy. Also wird es geglättet, verdichtet oder künstlich aufgeladen. Warum sollte ausgerechnet die Behauptung von Diversität von dieser Logik ausgenommen sein?

Nur ist genau das oft ein ziemlicher Trugschluss.

Techno ist längst keine reine Jugendkultur mehr. Eigentlich schon seit Jahren nicht. In seinen Anfangsjahren war Techno klar jugendlicher geprägt. Aber mit den Jahren sind die Menschen von damals älter geworden, und viele sind der Kultur trotzdem treu geblieben. Allein dadurch ist die Altersstruktur längst vielfältiger, als es manche aktuelle Vermarktung suggeriert. Aber in der Vermarktung bestimmter Strömungen wird so getan, als wäre genau das weiterhin die Wahrheit. Genau an dieser Stelle wird Alter nicht offen ausgeschlossen, sondern viel raffinierter aussortiert: Es wird ästhetisch unplausibel gemacht. Es passt nicht ins Bild. Es stört die Story. Es lässt sich schwerer verkaufen.

Wenn man den Leuten immer wieder erzählt, dieser Sound sei der freche, rebellische Sound der jungen Generation, dann darf man sich nicht wundern, wenn irgendwann auch das Publikum unbewusst glaubt, dass hinter dem DJ-Pult bitte genau dieses Bild zu stehen hat. Dann werden ältere Acts nicht aktiv verboten. Sie werden einfach nicht mehr mitgedacht. Sie fallen aus dem Vorstellbaren raus. Und genau das ist oft viel wirksamer als ein offener Ausschluss.

Die Überraschung auf der Tanzfläche sagt mehr als jede Awareness-Phrase

Das Absurde daran ist: Wenn dieses Bild einmal aufbricht, merkt man ziemlich schnell, wie künstlich es eigentlich ist. Ich habe selbst erlebt, wie Leute reagieren, wenn jemand auflegt, den sie in diesem Kontext offenbar nicht erwartet haben. Wenn da plötzlich nicht das nächste maximal jugendcodierte Techno-Gesicht hinterm Pult steht, sondern jemand, den sie altersmäßig völlig woanders verorten würden. Und dieser jemand spielt dann nicht locker nebenher, sondern schiebt mit 160 oder 165 BPM eine Soundwand durch den Raum, die viele vermeintlich „passendere“ Acts erstmal in der Form liefern müssten.

Die Reaktion ist selten Ablehnung. Es ist eher Überraschung. Ein ehrliches: Ach krass, damit haben wir nicht gerechnet.

Und genau darin steckt die eigentliche Aussage. Nicht, dass das Publikum so eng denkt. Sondern dass es durch Bildsprache, Social-Media-Ästhetik und Marketing-Narrative darauf konditioniert wurde, sich bestimmte Dinge gar nicht erst vorzustellen. Die Leute finden es nicht automatisch falsch. Sie haben es schlicht nur nie als realistisches Abbild der Szene angeboten bekommen. Das ist ein großer Unterschied. Und ein ziemlich wichtiger, weil er auch erklärt, warum man jüngeren Leuten in der Szene daraus nicht einfach einen Vorwurf machen kann.

Ich möchte es daher noch einmal betonen: Dieser Unterschied zeigt, dass viele dieser Grenzen nicht natürlich sind, sondern künstlich hergestellt werden. Hergestellt durch die Mittel des Marketings und deren Wiederholung und Ästhetik. Durch den permanenten Eindruck, dass nur bestimmte Körper, bestimmte Gesichter, bestimmte Altersgruppen und bestimmte Codes glaubwürdig für diesen Sound stehen.

Progressiv, aber nur solange es gut aussieht

Und genau hier wird das Gerede über Diversität oft ziemlich entlarvend. Solange Vielfalt optisch gut lesbar, sozial anschlussfähig und marketingtauglich ist, wird sie gefeiert. Solange sie sich problemlos in die Kommunikation einbauen lässt, ist sie willkommen. Aber sobald sie an Stellen rührt, die weniger sexy, weniger einfach und weniger kompatibel mit dem gewünschten Image sind, wird es dünn.

Denn ältere Artists passen eben oft nicht mehr so glatt in dieselbe Erzählung. Sie stören die Behauptung, dass hier gerade etwas komplett Neues und ausschließlich Jugendliches stattfindet. Sie erinnern daran, dass vieles von dem, was heute als frisch, frech und revolutionär verkauft wird, weder so neu noch so exklusiv jung ist, wie es gern dargestellt wird. Und das ist marketingtechnisch unbequem.

Also wird es lieber weggelassen. Oder man merkt gar nicht mehr, dass man es weglässt, weil man längst nur noch in den eigenen Codes denkt.

Genau deshalb ist vieles in der Szene nicht wirklich divers, sondern eher strategisch divers. Offen, aber innerhalb klarer Grenzen. Vielfältig, aber nur in den Formen, die visuell, moralisch und kommunikativ gut funktionieren. Progressiv, aber bitte so, dass es das eigene Narrativ nicht beschädigt.

Warum ich nicht mit Quoten arbeiten will

Ich will nicht mit Quoten arbeiten, nicht weil mir Vielfalt egal wäre, sondern weil ich Musik nicht wie eine Checkliste behandeln will. Wir sollten nicht an den Punkt kommen, an dem ein Booking vor allem danach bewertet wird, ob es äußerlich ein gewünschtes Raster erfüllt. Das ist für keine Lösung. Das ist oft einfach nur eine andere Form von Kulisse.

Quoten bringen uns am Ende aber auch nicht einfach ans Ziel. In einem grob binären Raster von männlich und weiblich gelesen können sie vielleicht noch als Korrektiv oder grober Richtwert funktionieren. Aber Diversität hört genau dort ja nicht auf. Sobald man ernst nimmt, dass auch People of Color, queere Zugehörigkeit, Alter, Ausschlusserfahrungen und Überschneidungen verschiedener Gruppen mit hineinspielen, wird schnell klar, wie begrenzt solche Raster sind. Dann bräuchte man theoretisch immer feinere Quoten für immer kleinere und sich überschneidende Gruppen. Als grober Rahmen mag das wichtige Impulse geben; gelebte Diversität im Line-up entsteht dadurch noch lange nicht.

Natürlich wollen wir mit guter Musik und interessanten Artists arbeiten. Mit Menschen, die etwas transportieren. Gleichzeitig sollten wir uns selber dazu zwingen, eigene Perspektiven kritisch zu halten. Nicht bequem zu werden. Nicht nur im eigenen Kreis zu rotieren. Nicht immer wieder dieselben Gesichter für die ganze Realität zu halten.

Der ehrlichere Weg ist daher vielleicht, nicht laut Diversität zu behaupten und sich dafür moralisch aufzuwerten, sondern die eigene Praxis permanent zu hinterfragen. Denn die Wahrheit ist doch: Vollständige Diversität ist kein Zustand, den man einmal erreicht und dann besitzt. Sie ist eher eine dauerhafte Reibung mit den eigenen Grenzen. Mit dem eigenen Geschmack. Mit den eigenen Routinen. Mit den eigenen Netzwerken. Mit den eigenen blinden Flecken.

Wer so tut, als hätte er das alles längst sauber gelöst, erzählt meistens vor allem etwas über sein Selbstmarketing.

Diversität ist keine starre Schablone

Dazu kommt noch ein Punkt, der in solchen Debatten gern untergeht: Nicht jede Veranstaltung kann für sich genommen jede Form von Vielfalt vollständig abbilden. Je nach Größe, Konzept und Umfang eines Events ist es schlicht unrealistisch zu erwarten, dass an genau diesem einen Abend plötzlich alle denkbaren Perspektiven, Hintergründe und Gruppen gleichzeitig sichtbar vertreten sind. Wer so tut, als ließe sich das immer problemlos herstellen, redet oft an der Praxis vorbei.

(Anmerkung der Redaktion: Und es ist schlicht auch teuer. Um ein 50/50 Line up bei den zug der Liebe Afterpartys zu haben, musste extra hinzugekauft werden. dadurch entstanden Kosten von mehreren tausend Euro für eine Veranstaltung die der Refinanzierung dient, und bei der sonst alle ehrenamtlich tätig sind.)

Klar muss man hin und wieder auch beherzigen, dass nicht jedes Format nach denselben Regeln funktioniert und damit nicht nach strikten Schablonen betrachtet werden dürfen. Es gibt Veranstaltungen, die bewusst sehr klar für bestimmte Communities, Kontexte oder Zielgruppen gedacht sind. Gerade bei queeren, sexpositiven oder anderweitig stark codierten Formaten spielt nicht nur Musik eine Rolle, sondern auch die Frage nach sozialer Passung, Atmosphäre und einem geteilten Verständnis des Raums. Auch das kann die Vorstellung einer maximal offenen Diversität einschränken. Das ist kein böser Wille, sondern weil diese Formate eben nicht nur Bühne, sondern auch Schutzraum, Identifikationsraum oder sehr klar definierter Kontext sein müssen.

Wenn Diversität ernst gemeint ist, dann zeigt sie sich nicht nur im einzelnen Event, sondern auch über Zeit. Vielleicht setzt man bei Veranstaltung eins andere Schwerpunkte als bei Veranstaltung zwei. Vielleicht holt man bei einem Termin bestimmte Perspektiven stärker rein und erweitert beim nächsten die Auswahl in eine andere Richtung. Das ist nicht automatisch ein Mangel. Es ist oft die realistischere und ehrlichere Form, Vielfalt überhaupt umzusetzen.

Wichtig ist am Ende vor allem, dass man den Willen hat mit offenen Augen und nach bestem Wissen und Gewissen zu kuratieren, statt immer wieder nur das Eigene zu reproduzieren und lediglich die eigene Bubble zu spiegeln. Es geht um den Mut sich auch mal wieder Dingen zu öffnen, die Abseits des etablierten Marketingkonstruktes stattfinden. Bei größeren Veranstaltungen lässt sich Vielfalt oft schon innerhalb eines einzelnen Line-ups breiter anlegen. Bei kleineren Formaten mit begrenzten Slots wird man eher über Zeit arbeiten müssen – also über mehrere Abende hinweg, auf denen unterschiedliche Perspektiven, Altersgruppen und Hintergründe immer wieder neu hereingeholt werden. Man muss nur wollen, und auch als Veranstalter:in sollte man weiterhin in der Lage sein zu experimentieren statt nur komplett nach dem „Play it Safe“- Mantra zu agieren – ein Mantra, welches vielleicht am Ende auch für die sichtbare steigende Übersättigung in der Szene mitverantwortlich ist.

Gleichzeitig muss man aufpassen, sich im Gedanken von Repräsentation nicht so sehr zu verästeln, dass am Ende nur noch Unterrepräsentation produziert wird, egal was man tut. Natürlich ist es sinnvoll, verschiedene Gruppen mitzudenken. Aber wenn Vielfalt immer weiter in immer kleinere und spezifischere Teilgruppen zerlegt wird, landet man schnell in einer Logik, die praktisch kaum noch einlösbar ist. Dann reicht es irgendwann nicht mehr, dass bestimmte größere Gruppen überhaupt sichtbar werden, weil sofort die nächste Frage folgt, welche noch speziellere Untergruppe innerhalb dieser Gruppe ebenfalls nicht ausreichend repräsentiert ist.

Auch da braucht es Ehrlichkeit. Man wird meist mit größeren Gruppen und realistischen Perspektiven arbeiten müssen, um Vielfalt wenigstens weitgehend abzubilden. Nicht perfekt. Nicht vollständig. Aber ernsthaft. Denn wenn man Diversität so filigran aufteilt, dass jede reale Auswahl zwangsläufig als unzureichend erscheint, produziert man am Ende keine bessere Repräsentation, sondern vor allem ein Problem, das in der Praxis kaum noch lösbar ist.

Weniger reden, mehr machen

Vielleicht liegt ein Teil des Schlüssels zu mehr Diversität auch viel banaler, als die Szene es gern hätte: einfach machen. Nicht plakativ. Nicht als moralisches Branding. Nicht mit dem Bedürfnis, sich für jede halbwegs offene Entscheidung sofort selbst zu feiern. Sondern schlicht dadurch, dass man Vielfalt mitdenkt, Räume öffnet und Dinge umsetzt, ohne daraus jedes Mal eine große Tugend-Erzählung zu machen.

Vielleicht wäre schon viel gewonnen, wenn weniger über Diversität geredet und mehr divers gehandelt würde. Nicht als dekoratives Label, sondern als Praxis. Nicht mit großen Worten, sondern mit realen Entscheidungen. Denn genau an diesem Punkt trennt sich Haltung von Selbstinszenierung.

Man muss sich auch trauen, Räume wirklich zu öffnen

Dazu gehört aber auch, dass man sich traut, Dinge tatsächlich umzusetzen. Nicht nur darüber zu sprechen, was alles fehlen könnte, sondern Formate zu schaffen, in denen überhaupt sichtbar werden kann, was da ist. Ich sehe das selbst an dem DJ-Contest meines Festivals. Der Anteil weiblich gelesener Künstler:innen ist dort in den letzten Jahren deutlich gestiegen, und zwar ohne, dass es dafür eine plakatierte Sonderaufforderung gebraucht hätte. Nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ ist dieser Pool dem der männlich gelesenen Acts längst ebenbürtig. Auch die Altersstruktur beginnt sich langsam stärker zu mischen als noch vor ein paar Jahren, als vor allem jüngere Acts sichtbar waren.

Das heißt nicht, dass plötzlich alles gelöst ist. Aber es zeigt, dass sich Dinge verschieben können, wenn man Räume wirklich öffnet, statt nur darüber zu reden. Vielleicht liegt genau darin ein Teil der Antwort: weniger Behauptung, mehr Praxis. Weniger Selbstbeweihräucherung, mehr Zutrauen. Weniger Diversität als Pose und mehr Diversität als etwas, das man einfach macht.

Weniger Selbstlob, mehr Ehrlichkeit

Vielleicht wäre es sinnvoller, wenn die Szene mit dem Begriff Diversität vorsichtiger umgehen würde. Weniger große Worte. Weniger demonstratives Schulterklopfen. Weniger moralisches Branding. Dafür mehr echte Selbstbefragung.

Wen sehe ich eigentlich ständig? Wen sehe ich fast nie? Welche Formen von Vielfalt werden aktiv mitgedacht und welche fallen so konsequent raus, dass nicht einmal mehr auffällt, dass sie fehlen? Wo halte ich meine Bubble für die Szene? Wo verwechsle ich Sichtbarkeit mit Realität? Und endet meine Offenheit genau an dem Punkt, an dem sie schwieriger zu erzählen oder schwieriger zu verkaufen wird?

Denn wenn eine Szene sich für besonders fortschrittlich hält, aber gleichzeitig ganze Gruppen faktisch unsichtbar bleiben, dann sollte man vielleicht aufhören, sich sofort für die eigene Offenheit zu feiern. Dann sollte man eher anfangen, die eigene Selektivität zu analysieren.

Vielleicht ist nicht das Line-up die eigentliche Frage

Die entscheidende Frage ist am Ende vielleicht gar nicht, ob ein Line-up divers ist, sondern welche Formen von Diversität überhaupt noch als relevant wahrgenommen werden und welche so konsequent aus dem Bild fallen, dass sie nicht einmal mehr als Lücke auffallen.

Solange Diversität vor allem dort verteidigt wird, wo sie gut aussieht, gut klingt und gut postbar ist, bleibt sie am Ende oft genau das, was sie angeblich überwinden will: ein Image, aber keine wirkliche Offenheit.

Vielleicht wäre genau das mal ein guter Anfang: weniger behaupten, mehr verstehen und auch mal zugeben, dass man nicht perfekt ist. Und vor allem: nicht mit moralischem Finger auf andere zeigen, solange man die eigenen blinden Flecken noch gar nicht vollständig kennt.