Ein Kommentar zur aktuellen Debatte um Olympia, Expo und das langsame Sterben der Berliner Substanz. Von Realitätsverweigerung im Senat bis zur Vernichtung gewachsener Kulturräume durch den sogenannten Bauturbo.


Braucht Berlin eine neue Story? Diese Frage stellte kürzlich ein CEO auf LinkedIn. Anlass war der MIT-Mittelstandskongress, auf dem sich Immobilienentwickler, Innovations-Akteure und Lokalpolitiker wie Finanzsenator Stefan Evers oder IHK-Chefin Manja Schreiner die Hand gaben. Es ging um Entbürokratisierung, schnelles Bauen und die ewig wiederkehrende Luftnummer: Eine Bewerbung Berlins für die Expo oder Olympia. Sein persönliches Fazit nach viel Applaus für Begriffe wie „Mut“ und „Innovation“: Berlin brauche keine neue Story. Es sei doch bereits die Stadt der Freiheit, des Wandels und der Innovation. Das klingt erst einmal gut. Aber verharmlost vielleicht die massiven strukturellen Risse, die sich durch das Fundament dieser Stadt ziehen.

„Braucht Berlin eine neue Story? […] Ich persönlich glaube nicht, dass Berlin eine neue Story braucht. Für mich ist es die Stadt der Freiheit und vor allem der Innovation. Es irritiert mich ein wenig, dass jetzt alle davon reden, Berlin brauche eine neue Story. Berlin ist eine Stadt im Wandel, und das schon seit Jahrzehnten.“
– AUS DEM LINKEDIN-POST

Der „Bauturbo“ als Abrissbirne

Wenn Immobilien CEOs den „Wandel“ Berlins loben, meinen sie NIE den Schutz subkultureller Freiräume. Alles andere ist schlicht gelogen. Schaun wa mal, wo wir wirklich stehen: Wir feiern in der Politik einen sogenannten „Bauturbo“ und Gesetze zur Bau-Beschleunigung. In der Praxis wird dieser Turbo vor allem von Investoren als politischer Vorwand genutzt, um gewachsene, identitätsstiftende Räume, wie etwa das RAW-Gelände, endgültig plattzumachen. Unter dem Deckmantel von „Modernisierung“ und „Innovation“ werden genau die Freiräume, die Berlins eigentlichen touristitischen und identitätsstiftenden Wert ausmachen, der Rendite geopfert. Und das seit zwei Dekaden. Lange lange vor dem Bauturbo. Man könnte fast meinen, die alternative Kultur Berlins ist der Poltik unliebsamstes Kind und soll leise ins Heim verschwinden.

Das Infrastruktur-Versagen: A100 und der kaputte Staat

Der Bund pumpt Milliarden in den Weiterbau der A100 an der einen Seite der Stadt, während uns auf der anderen Seite die bestehende Infrastruktur buchstäblich unter dem Hintern wegbröckelt. Marode Brücken, unzuverlässige S-Bahnen, verfallende Schulgebäude. Warum klappt das mit der Infrastruktur eigentlich nicht mehr? Hat der Staat zu wenig Steuern? Nein. Das Problem ist nicht der Kontostand, sondern ein System, das sich selbst blockiert. Wir leiden zudem unter einer ineffizienten Struktur, die sich in einem ewigen Kleinkrieg zwischen Senat und Bezirksämtern aufreibt. Am Ende ist niemand zuständig, das Budget liegt grundsätzlich im falschen Topf und gute Konzepte versickern in den Mühlen der Bürokratie.

Milliardengräber für die Galerie: Expo und Olympia

Und was ist die politische Antwort auf dieses Verwaltungsversagen? Wir reden über Expo und Olympia. Alter… Wer angesichts der Milliardengräber und der ungelösten Nachnutzung (man schaue sich nur das Desaster der Expo in Hannover an) ernsthaft immer noch von diesen temporären PR-Stunt träumt, hat nix verstanden. Olympia in das heutige Berlin holen zu wollen, bedeutet faktisch nur, in einer Stadt, die ihre Basistasks nicht gelöst bekommt, noch mehr chronische Baustellen aufzureißen. Wir rennen der Illusion von temporärem SWAG hinterher, anstatt endlich mal nachhaltige Werte zu schaffen, die den Mneschen hier die Liebe zu ihrer Stadt zurück geben. Sie als Teil dieser Stadt bestärkt. (Wer sehen will, wie hart wir Berlin städtebaulich an die Wand fahren, muss sich einfach nur die kalte Wüste der Europacity ansehen.)

Warum müssen Ideen den Prozessen folgen?

Der fundamentale Denkfehler bei der aktuellen Stadtentwicklungspolitik liegt im System selbst: Wieso müssen sich zukunftsweisende Ideen und nachhaltige Nutzungskonzepte eigentlich immer an starre, existierende Vorgaben orientieren? (Dreht mir aus dieser Aussage keinen Strick wegen des Bauturbos!) Wir zwingen die Zukunft in kaputte, jahrzehntealte Raster, anstatt mal die Prozesse zu ändern. Jede verdammte Company geht in die Brüche, wenn sie so agiert. Als würde ein Start up noch Faxe versenden.

Innovation bedeutet definitv nicht, ein weiteres gigantisches Investorenprojekt durch einen maroden Verwaltungsapparat zu drücken. Innovation bedeutet, den Apparat neu aufzustellen, damit organische Stadtentwicklung überhaupt wieder möglich wird.

Und diesen Apparat auch unabhängig zu machen. Ihn als zentralen Ansprechpartner zu installieren, der:

  • autonom arbeitet
  • der transparent arbeitet
  • der parteienübergreifend arbeitet
  • der nur der Sache verpflichtet ist.

Das Erbe des „Roten Wien“ als Blaupause

Wenn Berlin wirklich eine gute „Story“ sucht, sollte es den Blick nach Österreich werfen. Eine echte, straffe und extrem gut finanzierte Strukturpolitik könnte sich das Erbe des „Roten Wien“ zum Vorbild nehmen. Dort leben rund 60 Prozent der Menschen in kommunalen oder geförderten Wohnungen. Die Stadt gehört faktisch zu großen Teilen ihren Bewohnern. Wenn die Kommune als starke Vermieterin agiert und Flächen schützt, entsteht ein völlig anderes Gefühl der Zugehörigkeit und gesellschaftlicher Resilienz.

Das ist echte

Selbstwirksamkeit.

Eine Stadt, die das nicht begreift, braucht keine neuen Großevents, keine PR-Wunder und keine milliardenschweren Ablenkungsmanöver. Sie braucht den Mut, ihre alten Verwaltungsstrukturen einzureißen und ihre wahre Substanz zu schützen. Bevor wir also auch nur eine Sekunde länger über Olympia diskutieren, sollten wir vielleicht erst einmal lernen, wie man verhindert, dass unsere Stadt von innen heraus verkauft wird. Und wir fangen einfach mal damit an, das RAW Gelände zu retten.