Schaut man sich an, was gerade auf dem RAW-Gelände in Friedrichshain passiert, möchte man eigentlich nur noch schreien. Die Diskussion ist so festgefahren in bürokratischem Kleinklein, in Brandschutz-Drohungen und dem ewigen Kampf „Investor vs. Szene“, dass man völlig vergisst, um was es hier eigentlich geht: Um verdammt nochmal verpasste Möglichkeiten.

Wir in Berlin (und in Deutschland allgemein) dümpeln bei unseren Stadtentwicklungen so dermaßen vor uns hin, dass es wehtut. Wir reden über Sanierung, über Quadratmeter, über den nächsten Bebauungsplan, während wir den Anschluss an alles, was architektonisch mutig ist, längst verloren haben.

Wir Deutschen klopfen uns wahnsinnig gern auf die Schulter, weil wir mal das Bauhaus erfunden haben und uns für eine große Industrienation halten. Aber schaut man sich an, was heute in unseren Innenstädten passiert, muss man sich schämen. Wir dümpeln städtebaulich in einer derartigen Provinzialität herum, dass es wehtut. Wir reißen ab, wir betonieren zu, wir bauen seelenlose, graue Schuhkartons für Start-ups, die in drei Jahren sowieso wieder pleite sind. Nichts Großes. Nichts, was uns stolz macht. Nichts, wofür man in hundert Jahren noch Eintritt zahlen würde.

Während Länder wie die Vereinigten Arabischen Emirate oder Saudi-Arabien (bei all der berechtigten politischen Kritik) architektonisch den verdammten Planeten neu erfinden und die Grenzen der Schwerkraft auslachen, streiten wir in Friedrichshain seit einem Jahrzehnt über Brandschutzverordnungen und Traufhöhen. Wir sind eine Nation der Bedenkenträger und Excel-Knechte geworden.

Das RAW-Gelände ist das absolute Paradebeispiel für dieses Elend. Der Investor Lauritz Kurth und die Lokalpolitik spielen ihr ermüdendes Mikado: Wer sich zuerst bewegt, verliert. Am Ende wird wahrscheinlich planiert und ein steriler Gewerbepark hochgezogen, der so viel Charme hat wie eine Zahnarztpraxis in Wuppertal.

Aber was wäre, wenn wir mal träumen? Was wäre, wenn am RAW Leute das Sagen hätten, die nicht nur die Rendite im Grundbuch sehen, sondern das Potenzial des Ortes? Wenn man Architektur wieder als Kunstwerk und nicht als reine Flächenausnutzung begreifen würde?

Hier ist der „What If“-Check.

Die Bewahrer. Wo Investoren den echten Wert kapiert haben

Es gibt Beispiele da draußen, wo Investoren und Stadtplaner begriffen haben, dass man den Bestand nicht ausradieren darf, weil genau diese gelebte Kultur der einzige Grund ist, warum das Viertel überhaupt einen Wert hat.

  • Das Gängeviertel, Hamburg: Der ultimative Beweis, dass Widerstand funktioniert. Ein niederländischer Investor wollte das historische Viertel wegreißen und mit Büros vollstellen. Aber die Stadtgesellschaft, Künstler und Prominente haben derart laut Rabatz gemacht, dass die Stadt Hamburg einknickte, das Gelände zurückkaufte und es den Kreativen überließ. Heute ist es ein pulsierendes Zentrum.

  • Die NDSM-Werft, Amsterdam: Eine riesige, verfallene Schiffswerft. Statt sie plattzumachen, hat man die riesigen Hallen stehen lassen. Künstler haben sich aus alten Schiffscontainern ein absurdes, dreidimensionales Dorf in die Halle gebaut. Heute ist es der absolute Hotspot Amsterdams für Festivals, Ateliers und ja, auch Start-ups. Aber eben organisch gewachsen, nicht von oben herab reingewürgt.

  • The Custard Factory, Birmingham: Eine alte Fabrik für Vanillesoße. Ein weitsichtiger Entwickler hat das Areal nicht an die nächstbeste Supermarktkette verhökert, sondern in ein gigantisches Kreativquartier verwandelt. Es ist heute das Herz der digitalen und künstlerischen Szene Englands.

  • Der Holzmarkt, Berlin: Wir können es ja eigentlich selbst! Die Macher der Bar25 haben gezeigt, wie es geht. Keine Luxus-Appartements an der Spree, sondern ein komplett wildes, kleinteiliges Dorf aus Kultur, Club, Gastro und Kita. Es ist der Beweis, dass eine Genossenschaft einen Investor (und eine Stadt) austricksen und etwas schaffen kann, das wirklich für die Menschen da ist.

Der Überbau. Wenn Architektur plötzlich mutig wird

Aber es geht noch krasser. Wenn auf dem RAW-Gelände wirklich so dringend Büros und Gewerbeflächen gebraucht werden, um das Ganze zu finanzieren.. warum dann abreißen? Warum nicht den Bestand erhalten und das Neue einfach drüberbauen?

Hier trennt sich die Spreu vom Weizen.

  • Das Werksviertel-Mitte, München (Die absolute Blaupause): Wenn München (!) Berlin zeigt, wie Subkultur-Erhalt geht, müssen wir uns eigentlich kollektiv schämen. Auf dem alten Pfanni-Gelände wurden die alten Kartoffelsilos und Industriehallen nicht abgerissen. Die Clubs, die Konzert-Locations, die dreckigen Ecken blieben unten erhalten. Und obendrauf? Hat man einfach neue, spektakuläre High-End-Architektur gesetzt. Auf dem „Werk3“ gibt es heute eine Schafweide auf dem Dach, während unten der Bass wummert. Es ist ein absurder, genialer Mix. Das Viertel ist heute das teuerste und faszinierendste Münchens. Alt und Neu wurden nicht gegeneinander ausgespielt, sondern übereinandergestapelt.

  • Der Bunker St. Pauli, Hamburg: Man nimmt einen massiven, hässlichen Nazi-Flakturm, der ohnehin nicht sprengbar ist, und macht ihn zum Fundament für etwas Neues. Man überbaut ihn mit einem Hotel, einer Veranstaltungshalle und einem begrünten Bergpfad, der sich um den Betonklotz wickelt. Man nutzt den monströsen Bestand als Anker für eine Milliarden-Idee.

  • Der Hearst Tower, New York: Ein radikaler Mittelfinger an die klassische „Entweder-Oder“-Diskussion. Norman Foster stand vor einem niedrigen, historischen Backsteinbau. Statt ihn abzureißen, ließ er die alte Hülle im Erdgeschoss komplett stehen, rammte ein gewaltiges Stahlskelett hinein und zog einen hypermodernen Wolkenkratzer einfach mitten durch das alte Gebäude nach oben. Eine perfekte, brachiale Symbiose aus Geschichte und Zukunft.

Und was machen wir? Stell dir vor, man würde das RAW genau so behandeln wie den Hearst Tower oder das Werksviertel. Man würde das Cassiopeia, das Astra, das Suicide, das Urban Spree in ihren dreckigen, perfekten Backsteinhöhlen exakt so lassen, wie sie sind. Man würde eine massive, architektonisch brillante Struktur darüber spannen. Schwebende Glaskuben, gigantische Stahlträger, eine vertikale Stadt, die sich aus dem alten Industrieboden erhebt, ohne das Leben unten zu erdrücken.

Aber dafür bräuchte man Visionäre. Dafür bräuchte man Architekten, die mehr draufhaben als Wärmedämmverbundsysteme. Dafür bräuchte man eine Politik, die sagt: „Wenn du hier bauen willst, dann bau uns ein verdammtes Weltwunder und nicht noch so ein 08/15-Scheißhaus für Consultants.

Wir haben das Träumen verlernt. Wir lassen zu, dass unsere Stadtteile von Investoren immer weiter entkernt werden, die Kultur für einen Kostenfaktor halten. Wenn das RAW fällt, und zwar so profan, wie es sich gerade andeutet, dann verlieren wir nicht nur einen Haufen toller Kulturstätten. Wir kapitulieren endgültig vor unserer eigenen Mutlosigkeit.

Wir definieren uns als Industrienation, aber städtebaulich sind wir ein Land der Verwalter geworden. Wir haben keine Architektur mehr, auf die wir stolz sein können, weil wir nur noch in „Vermeidung“ denken. Wir vermeiden Lärm, wir vermeiden Konflikte, wir vermeiden Risiko. Und am Ende vermeiden wir Fortschritt.

Die bittere Wahrheit über das RAW

Investoren müssen endlich begreifen: Wenn ihr das RAW abreißt oder zu Tode saniert, erschafft ihr eine gesichtslose Glas-Wüste, die in zehn Jahren jeder hasst. Überbaut den Bestand! Nutzt die Substanz als Fundament! Macht das RAW zu einem Leuchtturm, der zeigt, dass Berlin noch was draufhat.

Aber dazu braucht es Visionen, die über den nächsten Quartalsbericht hinausgehen. Wir brauchen Investoren, die sich als Städtebauer verstehen und nicht als Abwickler. Und wir brauchen eine Politik, die nicht bei jedem lauten Geräusch in Deckung geht, sondern den Mut hat, Größe zuzulassen.

Das RAW ist unsere Chance, zu beweisen, dass Berlin noch nicht fertig ist. Aber wenn wir so weitermachen wie bisher mit unserem provinziellen Klein-Klein, dann wird Berlin bald nur noch ein Freilichtmuseum für das sein, was hier mal „Kultur“ war.

Lasst uns endlich aufhören, uns mit dem Status Quo zufriedenzugeben. Die Welt baut an die Zukunft. Wir bauen nur noch leerstehende Büroriegel.