Der Sommer in Berlin war traditionell ein ständiger Aushandlungsprozess zwischen dem Bedürfnis nach Subkultur und den rigiden Vorgaben des städtischen Ordnungsamts. Lärmschutzverordnungen und Anwohnerbeschwerden hatten schon so manches spontane Freiluft-Event im Keim erstickt, noch bevor die erste Bassline über die Wiese rollen konnte. Doch die Szene wäre nicht sie selbst, wenn sie nicht kreative Schlupflöcher gefunden hätte, um urbane Freiräume musikalisch nutzbar zu machen. Ein besonders charmantes und subversives Konzept lieferte in den Jahren bis 2018 das Projekt „Open Air to go“.
Statt auf massive PAs, logistische Mammutaufgaben und brummende Dieselgeneratoren zu setzen, verlagerte das Kollektiv die Verantwortung auf die Crowd und nutzte simple analoge Übertragungstechnik als trojanisches Pferd gegen die städtische Stille. Wie die Stadtmagazine den Vibe damals einfingen, klang durchweg euphorisch:
Definitiv auf der gleichen Wellenlänge liegen alle Open-Air-Enthusiasten beim Open Air to go. Die Grundidee ist so simpel wie genial: Jeder bringt ein eigenes Radio mit, die Musik wird vom DJ-Pult direkt auf einer Frequenz gesendet und die Gäste versammeln sich um ihre Endgeräte. Damit schafft die Open-Air-to-go-Crew nicht nur ein einzigartiges Klangerlebnis, sondern umgeht auch den Lärmschutz.
Lo-Fi-Ästhetik statt Club-Standard
Musikalisch entstand durch diesen dezentralen Aufbau ein faszinierendes, paradoxes Spannungsfeld. Da verbrachten Produzenten zahllose Nächte damit, ihre Tracks in Ableton Live bis ins letzte Detail zu mastern, das komplexe digitale Routing zu perfektionieren und jede Frequenz im Studio glattzuziehen, nur um das Endergebnis dann gnadenlos über UKW-Wellen an ein Sammelsurium aus Küchenradios, Ghettoblastern Bluetooth-Speakern und Baustellen-Boxen zu senden.
Was puristische Audiophile erschaudern ließ, erzeugte in der Realität des Parks eine raue, unerwartet warme Lo-Fi-Ästhetik. Es war eine Klangwiese aus Dutzenden individuellen Lautsprechern, die sich ab einer gewissen Dichte zu einer immersiven Soundwand verschmolzen, ohne dabei jemals die gesetzlichen Dezibel-Grenzen der Stadtverwaltung zu sprengen.
Die Rückeroberung des öffentlichen Raums
Blickte man auf das Line-up solcher Zusammenkünfte, fand sich oft ein Querschnitt der lokalen Szene, der die familiäre Natur des Konzepts unterstrich. Am Ende ging es bei „Open Air to go“ jedoch um weit mehr als nur den musikalischen Output. Das Motto „Wir holen uns den Park zurück“ war eine leise, aber bestimmte Kampfansage an die zunehmende Überregulierung und Verdrängung freier Räume in der Hauptstadt, die sich in den Jahren bis 2018 stetig zuspitzte. Es war ein friedlicher Protest, der sich seiner ökologischen und sozialen Verantwortung stets bewusst blieb: Müll landete in blauen Säcken, Zigarettenstummel in leeren Flaschen, das Pfand blieb für die Sammler stehen. Es war eine smarte, autarke Aneignung des öffentlichen Raums, die eindrucksvoll bewies, dass die Berliner Clubkultur noch immer dann am besten funktionierte, wenn sie sich fernab starrer Institutionen einfach selbst organisierte.





