Stell dir vor, du wählst bei der nächsten Wahl nicht für deinen eigenen Kiez, sondern gezielt für all jene Milieus in dieser Stadt, denen du lieber aus dem Weg gehst. Das wäre doch mal ein radikales politisches Konzept. Und sicher lustig.
Nehmen wir das Zentrum. Mitte ist längst kein UH YEAH MITTE mehr, sondern ein begehbarer LinkedIn-Feed; ein Transitraum für Start-up-Bros und Expats, die sich bei acht Euro teuren Matcha-Lattes gegenseitig Pitches vorlesen, und natürlich für die Massen an langweiligen Touristen mit ausgebeulten schwarzen Bomberjacken.. Codes tragend, die sie nie verstehen werden. Statt sich über den Overtourism (der nicht existiert) nur zu ärgern, könnte man die Vision einer Zero-Waste-City wie sie die ehemalige Umweltsenatorin Regine Günther (Grüne) einst anstieß, weiter umsetzen, dass die Besucher:innen zwangsläufig ökologisches Bewusstsein aus der Stadt in die Welt tragen. Ach wäre das schön und Berlin endlich Wien. Oder eine andere tolle Stadt, in der Selbstwirksamkeit über Arschlochignoranz steht.
Schauen wir an den Rand, in den Osten der Stadt. In Bezirken wie Hellersdorf oder Köpenick entlädt sich das Gefühl der Abgehängtheit (so sad Diggi…) in rechtsextremen Wahlergebnissen. Wer das stoppen will, muss Infrastruktur bauen, denn in Köpenick droht der Verkehrskollaps. Die SPD versucht hier den mühsamen Kompromiss aus dem Ausbau des Regionalbahnhofs und dem umstrittenen Lückenschluss der Tangentialen Verbindung Ost (TVO). In Hellersdorf geht es eher ums beschisssene Wohnumfeld: Die Linke fordert hier völlig zu Recht den massiven Ausbau sozialer Infrastruktur und die Stärkung kommunaler Wohnungsbaugesellschaften. Wer diese Räume aufgibt, spaltet die Stadt noch weiter. „Spalten“ ist übrigens mein Unwort des Jahres 2026.
Im Westen, rund um den Kurfürstendamm, zeigt sich das andere Extrem: Hier parkt das Geld, aber das Leben ist längst erstickt. Pearl statt Linientreu. Die City West dient zwar immer noch Kulisse für Rolex-Werbung, doch fallen die Rollos der Flagship-Stores, herrscht Tumbleweed Playtime. Die absurden Quadratmeterpreise haben die Subkultur rigoros verdrängt. Man könnte das als ein fatales Signal für die nachwachsende Generation sehen, sofern die wüsste was „fatal“ bedeutet. Die Grünen wollen die Einkaufsmeilen in autofreie Kiez-Zentren verwandeln, was schon mal ein Anfang wäre. Mindestens genauso entscheidend wäre jedoch die bau- und planungsrechtliche Verankerung von echten „Kulturschutzgebieten“, um der Investorenmonokultur den „Bau mal was Sinnvolles“ Riegel vorzuschieben.
Und dann ist da Neukölln. Der offene Antisemitismus auf einigen Straßen des Bezirks zwang die CDU dazu, dass soziale Projekte vertraglich an die strenge Antisemitismus-Definition der IHRA gebunden werden, um Fördergelder zu erhalten… eine juristisch harte Kante (Die ich begrüße.) SPD und Grüne setzen eher primär auf institutionelle Prävention, etwa durch die Schaffung neuer Stellen für Antisemitismus-Beauftragte im Bezirksamt. Das mag länger dauern, zielt ehrlicherweise aber tiefer in die Milieus. Letztlich hat eine pragmatische Mitte-Links-Koalition hier wohl rechnerisch und praktisch die größten Chancen, um bezirksweit handlungsfähig zu bleiben und die Gesellschaft nicht noch weiter zu polarisieren.
Apropos Handlungsfähigkeit: Wer meint, reine Fundamentalopposition sei eine Lösung für all diese Baustellen, sollte sich die Bilanz der AfD ansehen. Legislativ leistet die Partei exakt gar nichts. Ihre einzige erkennbare Strategie im Senat und in den Bezirksämtern besteht darin, die Verwaltung mit hunderten detaillierten „Kleinen Anfragen“ zu fluten. Das bindet massiv Personal und Steuergelder, blockiert den Verwaltungsapparat, ändert aber an der Lebensrealität der Berlinerinnen und Berliner absolut nichts. Unfassbar kacke einfach.
Vielleicht ist das die Erkenntnis, die Berlin am dringendsten braucht: Es reicht nicht, das Eigene verteidigen zu wollen. Eine Metropole funktioniert nur, wenn man bereit ist, auch die Probleme derer zu lösen, mit denen man eigentlich nichts zu tun haben will. Wie auch immer du wählen wirst… bei keinem deiner Probleme landest du bei der AFD als Lösung.





