Ich bin unruhig, meine Füße reiben aneinander. Ich liege wach und kann nicht einschlafen, wegen ungesagter, ungetaner Sachen. Ich nenne das Strichmännchen-Szenarien. Als Kind stellte ich ganze Hieronymus-Bosch-Epen in reduzierter Form durch Strichmännchen dar. Abstraktion ist Reduktion, und so kam ich mit ein paar Bleistiftstrichen auf das Wesentliche: Dutzendfache Qual in jeder erdenklichen Form. Wenn ich mir anschaue, was gerade in Berlin passiert, brauche ich viele Bleistifte.

Die Linke hat bei der Abgeordnetenhauswahl 25,7 Prozent geholt, und Elif Eralp strebt das Amt der Regierenden Bürgermeisterin in einer rot-grün-roten Koalition an. Rot-Rot-Grün hatten wir schon mal, also wo ist das Problem? Das Problem ist, dass sich diese Machtoption wie eine aggressive Kampagne anfühlt und dass die Partei gerade ihr eigenes Strichmännchen-Szenario kritzelt. Sie haben den Ball auf dem Elfmeterpunkt liegen, aber anstatt ihn einfach ins Tor zu schießen wie Kloppo, der einfach nur zwei Pressetermine benötigt, um gottgleich (zu Recht) gefeiert zu werden, fangen sie an, sich auf dem Platz über den Nahostkonflikt zu zerfleischen, bis SPD und GRÜNE irgendwann die Sondierungsgespräche abpfeifen und die anderen Parteien lachend den Platz übernehmen. Inklusive der CDU.

Nehmen wir das Offensichtliche, das Giftigste: Den israelbezogenen Antisemitismus. Ein außenpolitisches Thema, das aber wie eine Bombe in die Lokalpolitik kracht, wo es eigentlich um Mieten und den BVG-Horror gehen sollte. Es ist da, vor allem auf Instagram und beim Nachwuchs. Sogar die taz rechnete Ende 2025 hart mit der Parteijugend Linksjugend solid ab. Die Kolumnistin Erica Zingher konstatierte desillusioniert, dass von dem 2015 gefassten Leitsatz der Jugendorganisation, „Gegen jeden Antisemitismus“, schlichtweg nichts geblieben sei. Wer heute bei den Linken Antisemitismus suche, müsse laut der taz nur nach den Wörtern Apartheid, Siedlerkolonialismus oder Genozid Ausschau halten.

Die ganzen neuen Mitglieder seit 2023 scheinen da ein echtes Israel-Problem in die Partei getragen zu haben, und der Wahlkampf kokettierte gefährlich damit, sich genau diese lauten Stimmen zu holen. Die FAZ beobachtete diesen Spagat auf dem Landesparteitag genau: Elif Eralp wies dort die Antisemitismusvorwürfe zwar als undifferenziert zurück, sah sich aber gleichzeitig genötigt, Gewaltaufrufe von linken Bühnen scharf zu verurteilen. Zuvor hatte der Rapper Dahablex auf einer Wahlparty der Neuköllner Linken „Yalla Yalla Intifada“ und Todeswünsche für die israelische Armee ins Mikrofon gebrüllt. Wie soll man eine Stadt regieren, wenn auf den eigenen Partys solche Typen feiern?

Und dann gibt es diese Personalien, bei denen man das Gefühl hat, der Verstand sei in den Neunzigern geblieben. Da ist Ferat Koçak, Bundestagsabgeordneter der Linken aus Neukölln. Wie Spiegel und Tagesspiegel detailliert nachzeichneten, pflegte Koçak Chatkontakt zu Firas Rammo, dem Sohn des Clan-Chefs Issa Rammo. Als dieser ihn zur Hochzeit eines Bruders einlud, sagte Koçak per Sprachnachricht ab: „Ich küsse Dein Herz, Bruder. Grüße an die Familie.“. Im Tagesspiegel rechtfertigte er diese anbiedernde Wortwahl später allen Ernstes mit „Umgangsformen in der migrantischen Community“. Er hat seinen Sitz im Innenausschuss des Bundestags räumen müssen, aber der peinliche Fleck bleibt. Apropos peinlich. Martha Kleedörfer trat als Direktkandidatin für den Wedding an. In der Studierendenzeitung UnAufgefordert war ihr großer Slogan zu lesen: „Sex ist geil, aber bist du schon mal so lange gekommen wie der Wedding?“. Das ist kein politischer Kampf, das ist einfach nur platt. DE FACTO hat jede Partei ihre schwarzen Schafe. Bei der CDU nennt man es Masken-Deals oder fragwürdige Lobbykontakte, bei der SPD Cum-Ex oder Altkanzler-Seilschaften, bei den Grünen ideologische Verreißer oder peinliche Nebeneinkünfte. (ist das nicht auch whataboutism?) Die AfD hat nur braune Schafe.

Doch bei all dem Frust: Die Linke hat viele gute Leute, zum Beispiel Maria Bischof und René Pérez Domínguez. Elif Eralp wäre eine verdammte Chance, es in dieser Stadt endlich besser zu machen. Und man muss fair bleiben: Bei dem bestimmenden Wahlkampfthema, den verdammten Wohnungen, ist die Doppelmoral der Konkurrenz unerträglich. Die Linke hat die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne zur zwingenden Bedingung für eine Koalition gemacht. Sie haben das Thema durchgedrückt, während die anderen Parteien während des Wahlkampfes einfach ungeniert auf den fahrenden Zug der linken Mieterrettung aufsprangen.

Eine Anmerkung…

Ein Kommunikationsmuster prägt aktuell private Gespräche extrem. Die ständige Verschiebung der Verantwortlichkeiten und Ebenen, oft auch Whataboutismus genannt.

Wenn ich in Gesprächen sage: „Leute, wir haben hier in Berlin bei der Linken ein Problem mit Antisemitismus, und das wird sie vielleicht den Wahlsieg und die Regierungsfähigkeit kosten“, dann adressiere ich ein lokalpolitisches Problem.

Die Reaktion darauf ist dann aber oft keine Auseinandersetzung mit dem Hier und Jetzt der Partei, sondern ein Ausweichen auf die globale Ebene. Die Diskussion wird sofort gekapert: Es geht nicht mehr um den Rapper, der auf einer Wahlparty der Linken Neukölln Gewaltaufrufe ins Mikrofon schreit. Es geht plötzlich um die israelische Kriegsführung im Gazastreifen. Es wird suggeriert, dass die Empörung über die Ereignisse in Nahost so groß ist, dass man sich doch jetzt nicht mit „Kleinigkeiten“ wie dem Verhalten auf Berliner Demos aufhalten dürfe. Der Hinweis auf Waffenlieferungen Deutschlands an Israel wird genutzt, um Antisemitismus zu relativieren. Das Argument lautet dann unausgesprochen: „Wie kannst du dich über ein antisemitisches Sharepic auf Instagram aufregen, wenn gleichzeitig Waffen geliefert werden?“

Für eine Partei, die in Berlin regieren will, muss das Verhalten ihrer Mitglieder, ihrer Jugendorganisation und das Auftreten auf ihren Demos das primäre Thema sein. Eine Partei, die den Anspruch hat, die Stadt zu gestalten, muss zuerst ihren eigenen Raum sauber halten. Wenn auf Berliner Straßen antisemitische Parolen gerufen werden, wenn jüdische Berliner sich nicht mehr sicher fühlen, dann ist das ein massives Berliner Problem.

Sich dann auf die (sicherlich legitime und notwendige) Kritik an der israelischen Regierung zurückzuziehen, ist ein Ausweichmanöver. Es enthebt die Partei der Verantwortung, sich mit den radikalen Tendenzen in den eigenen Reihen auseinanderzusetzen. Die taz hat dies in einer Analyse treffend zusammengefasst: Kritik an der israelischen Regierungspolitik ist natürlich möglich und legitim. Aber wo antikoloniale Haltungen antisemitisch aufgeladen werden, etwa wenn der israelische Staat per se delegitimiert oder der Hamas-Terror romantisiert wird, da überschreitet die Kritik eine rote (hahaha) Linie.

Wenn Elif Eralp und die Parteispitze (wie Kerstin Wolter, die Antisemitismus als „rote Haltelinie“ definiert) diese Trennschärfe nicht konsequent in die Basis und vor allem in Strukturen wie die Linksjugend solid und bestimmte Bezirksverbände (wie Neukölln) kommuniziert bekommen, wird die politische Konkurrenz dies als Beweis für Regierungsunfähigkeit nutzen. Die globale Situation darf nicht als Schutzschild für lokales, antisemitisches Fehlverhalten missbraucht werden.

Amen.