Es sollte eigentlich eine simple Promo-Aktion sein: Ein FESTIVAL sucht über Instagram einen Newcomer für den letzten verbleibenden DJ-Slot auf der Mainstage. Die Aufgabe an die Community: „Schreib in die Kommentare, welchen Sound du mitbringen würdest.“
Was sich dort in der Kommentarspalte abspielte, war allerdings keine Leistungsschau kreativer musikalischer Visionen. Eher ein Zeugnis von absoluter Uniformität und das absolute Endstadium des musikalischen Identitätsverlusts.Das begann ja alles bereits vor einiger Zeit als Eurodance plötzlich als Trance verkaft wurde und mit der hardcore bekackten Definition von Genres in Beatport.
Zeit für eine notwendige Begriffsklärung. Was die DJs schreiben und was es in der Realität eigentlich bedeutet:
Die „Indie Dance“-Illusion und das Beatport-Warenkorb-Syndrom
Der Kommentar-Wahnsinn: DJs bewerben sich mit einer „Symbiose aus Indie Dance und Tech House“ und servieren als Referenzen Artists wie DON’T BLINK, Stil vor Talent oder Temple Tears.
Die Realität: Das oben erwähnte Beatport-Warenkorb-Syndrom schlägt hier in voller Härte zu.
Was es NICHT ist: DON’T BLINK ist lupenreiner, auf Funktion produzierter Tech House. Stil vor Talent steht seit Jahren für den gefälligen Melodic-Sound für den Sonntagnachmittag. Und Temple Tears ist organisches Tulum-Downtempo für den Chillout-Floor. Das hat alles absolut null mit Indie Dance zu tun.
Was es WIRKLICH ist: Echter Indie Dance ist der dreckige Frontalzusammenstoß von Gitarrenmusik und Clubkultur. Das sind rohe Post-Punk-Attitüden, schmutzige 80s-Synths und analoge Maschinen. Wer Indie Dance sagt, muss Label-Klassiker wie DFA Records (LCD Soundsystem) oder Ed Banger meinen. Heute lebt das Genre im Dark Disco weiter, mit EBM-Anleihen von Acts wie Damon Jee, Curses oder Italodisco á la Dina Summer.
Die „Bounce“-Pandemie
Der Kommentar-Wahnsinn: Von „Bouncy Psy-Tech“ über „HardTechno Bounce“ bis hin zum physikalisch völlig unmöglichen „Melodic bounce down tempo“. Der absolute rhetorische Totalschaden: „Sound für heiße Waffeln mit dem nötigen drip drop bounce“.
Die Realität: „Bounce“ ist das aktuelle Unwort der elektronischen Szene und ein Sammelbecken für musikalische Belanglosigkeit.
Was es NICHT ist: Es ist kein echtes, gewachsenes Subgenre. Klassischer Chicago House und Jackin‘ House (man denke an Cajual Records, Derrick Carter oder DJ Sneak) „bounced“ wie Hölle. Aber dieser Bounce entsteht durch Swing.
Was es WIRKLICH ist: Es ist ein schwammiger Begriff für hyperaktive, TikTok-optimierte Hard-Dance-Tracks. Es reduziert sich auf einen penetranten Offbeat-Bass, bei dem die Menge nicht grooven, sondern wie auf einem Trampolin auf und ab hüpfen soll. Wer „Bounce“ fordert oder anbietet, sucht meist keinen Tiefgang, sondern plumpe Reizüberflutung für eine Aufmerksamkeitsspanne von drei Sekunden.
„Peaktime“ ist kein Genre (und Acid braucht keine Räucherstäbchen)
Der Kommentar-Wahnsinn: „Melodic Peaktime Techno“, garniert mit „sphärischen Acidtracks“ und „schönen Trance-Elementen“.
Die Realität: Hier wird einfach blind aus dem Festival-Baukasten gegriffen, ohne die Bedeutung der Worte zu kennen.
Peaktime: Beschreibt exakt eines: Das Energielevel und den Spannungsbogen auf dem Floor. Es ist kein Genre.
Acid: „Sphärische Acidtracks“ sind ein akustisches Oxymoron. Die Roland TB-303 kratzt, ätzt und bohrt sich ins Hirn. Das ist kompromisslose Energie und ganz sicher kein weichgespülter Räucherstäbchen-Ambient.
Trance: Das, was heute oft als „Trance“ gelabelt wird, ist strukturell eigentlich nur aufgewärmter, beschönigender Eurodance aus dem Jahr ’94. Unfassbare beschissene Musik.
Minimal House und die Ü50-Zeltparty
Der Kommentar-Wahnsinn: „Bouncy Minimal House“ kombiniert mit „frechen Rap Elementen“, die sofort ins „Tanzbein“ gehen.
Die Realität: Ein Totalausfall auf allen Ebenen.
Was es NICHT ist: Minimal und „bouncy“ schließen sich gegenseitig aus. Entweder man reduziert auf das hypnotische Wesentliche, oder man baut eine Hüpfburg.
Was es WIRKLICH ist: Echter Minimalismus orientiert sich an der Blaupause von Robert Hoods Minimal Nation. „Frech“ ist ein Adjektiv für unlustige Morgenradio-Moderatoren. Im Club-Kontext bedeutet „freche Rap Elemente“ meistens nur, dass jemand ein völlig ausgelutschtes 90er-Jahre-Hip-Hop-Acapella lieblos über einen Loop geklatscht hat. Und wer das Wort „Tanzbein“ bemüht, hat sich rhetorisch endgültig für die Ü50-Zeltparty auf dem Dorfplatz qualifiziert.
Die Endgegner der Konzeptlosigkeit
Wenn die musikalischen Argumente komplett fehlen, wird es dadaistisch. Die absolute Kapitulation vor dem Anspruch, einen roten Faden zu haben, zeigt sich in Kommentaren wie: „Nudisco/downmid Tempo Deep organic melodic house Fasttempo!“ Wie man gleichzeitig „downmid“ und „Fasttempo!“ in ein und demselben Vibe spielen will, bleibt das exklusive Geheimnis dieses Kommentators. „PeakTime Reggaeton“ Für die Mainstage. Mehr muss man dazu nicht sagen. Ein DJ-Pult ist kein Safe Space für fehlende musikalische Hausaufgaben. Und kann keine Generalamnestie für musikalisches Buzzword-Bingo erwarten. Wer mal eben durch trendy Keywords plus Emojis, statt mit einer eigener musikalischer Identität auf eine Bühne will, hat Clubkultur schlichtweg nicht verstanden.





