Von Jessie Schmidt
Das Fusion-Wochenende ist vorbei, doch de letzte Fusion-Ausgabe vor der angekündigten Pause 2027 war keine einfache.
Brände in der Umgebung führten zu Unterbrechungen, die Hitze legte sich über das Gelände wie eine zu schwere Samtdecke, und plötzlich war nicht nur die Frage: „Wo spielt gerade wer?“, sondern auch: „Wo ist Schatten, wo ist Wasser, wo ist mein Kreislauf?“
Die Bedingungen waren fordernd. Burning-Man-artig wäre übertrieben, wegen dem norddeutschem Staub und Lärzer Flugplatzromantik. Doch Menschen, die sehr ernsthaft versuchten, ihren Fächer nicht als Accessoire, sondern als lebenserhaltende Maßnahme einzusetzen, gab es so definitiv nicht in der Vergangenheit.
Wer schon einmal bei knapp 40 Grad versucht hat, zwischen Zelt, Stage, Dixi und Duschschlange seinen Körper und Psyche stabil zu behalten, weiß: Festival können Grenzerfahrungen sein.
Und ja: Natürlich darf man kritisch fragen, ob Veranstaltende in einer solchen Situation noch mehr hätten tun können. Mehr Spielpausen. Mehr Schatten. Mehr Rückzugsorte, in denen Menschen, die vor der Sonne fliehen, um nicht ausgerechnet auf den Floors schlafen zu müssen, während der Bass ihnen noch die letzten Elektrolyte aus der Seele massiert. Solche Fragen sind berechtigt. Solches Feedback wichtig. Und die Diskussionen drumherum gehören zu einer Club- und Festivalkultur, die nicht nur feiern, sondern auch lernen und sich weiterentwickeln will.
Aber – und das ist mir wichtig – die Verantwortung liegt nicht nur bei den Veranstaltenden, nicht nur beim Gelände, nicht nur bei den Strukturen. Sie liegt auch immer bei uns selbst. Festival ist kein betreutes Erwachsensein mit Nebelmaschine. Es ist eine Einladung. Eine Einladung zur Freiheit, ja. Zur Ekstase, zur Begegnung, zum Kontrollverlust im besten Sinne. Aber eben auch zur Selbstwahrnehmung.
Denn manchmal ist die radikalste Entscheidung auf einem Festival nicht, noch drei Stunden weiterzutanzen. Manchmal ist sie: Wasser trinken. Pause machen. Bremsen, den Gang rausnehmen. Sich in den Schatten legen. Freund:innen sagen: „Ich bin drüber.“ Oder sogar: „Ich muss nach Hause fahren.“
Das klingt unromantisch, ich weiß. Niemand will die Person sein, die beim Festival innerlich Excel-Tabellen zum eigenen Flüssigkeitshaushalt führt. Aber Eigenverantwortung ist nicht das Gegenteil von Freiheit. Sie ist ihr Sicherheitsgurt. Sie ist der kleine Anker am Luftballon. Sie ist das Geländer an der Treppe, während du mit Plateauschuhen, Sonnenstich und großem Sendungsbewusstsein versuchst, deine Crew wiederzufinden.
Wer an körperliche oder mentale Grenzen stößt, hat nichts falsch gemacht. Aber wer diese Grenzen ignoriert, nur weil „man doch jetzt endlich mal abschalten wollte“, verwechselt Loslassen mit Selbstüberforderung. Und genau da wird es interessant: Vielleicht müssen wir Festivalreife künftig nicht daran messen, wer am längsten wach bleibt, sondern wer am besten spürt, wann genug genug ist.
Gleichzeitig werden solche Extrembedingungen auch etwas mit dem Ticketvorverkauf machen. Das ist keine gewagte These, sondern bereits Fakt. Wenn Festivals zunehmend zwischen Hitzewarnung, Unwetterrisiko, Waldbrandgefahr und Matschlotterie stattfinden, werden Menschen vorsichtiger. Viele warten länger mit dem Ticketkauf, bis Wetterprognosen greifbarer sind. Das betrifft nicht nur die Fusion, sondern die gesamte Festivallandschaft. Planbarkeit wird schwieriger, während Produktion, Infrastruktur und Risiko teurer werden.
Eine Freundin von mir, die ihre ersten Festivalerfahrungen in England gemacht hat, hat dazu etwas sehr Kluges gesagt. Sie meinte: Die Engländer:innen rechnen gar nicht erst damit, dass ein Festival regenfrei verläuft oder das Wetter auch nur annähernd gut wird. Sie tun nicht so, als hätte ihnen das Universum persönlich ein trockenes Wochenende versprochen. Sie packen Gummistiefel ein, nehmen Nässe als Teil des Deals und kommen trotzdem. Nicht wegen des Wetters. Sondern wegen der Musik, der Menschen, der Erfahrung.
Vielleicht können wir uns von diesem Mindset etwas abschauen. Nicht im Sinne von „Stell dich nicht so an“, sondern eher: Stell dich darauf ein. Auf Hitze. Auf Regen. Auf Staub. Auf Schlamm. Auf Chaos. Auf den Umstand, dass Festivals keine All-inclusive-Resorts mit Bassline sind, sondern temporäre Städte auf wackligem Fundament. Kleine Gesellschaftsexperimente mit Campingkocher, Awareness-Team und sehr vielen Menschen, die nachts um vier noch immer über Alternativen zum Kapitalismus austauschen.
Und genau deshalb sind Festivals wie die Fusion so wichtig. Für alle, die noch immer glauben, dass es dabei nur um stumpfes Feiern geht: Nein. Wirklich nicht. Natürlich wird gefeiert. Viel. Laut. Ausdauernd. Manchmal mit Outfits, die aussehen, als hätte ein Flieger einen Kostümfundus über Mecklenburg verloren. Aber darunter liegt etwas Größeres.
Festivals sind temporäre Gesellschaften. Mikrokosmen. Probeläufe. Für ein anderes Miteinander. Für Diversität, Toleranz, Gleichberechtigung, kollektive Selbstentfaltung. Für die Frage: Wie könnten wir zusammenleben, wenn wir uns nicht permanent an Misstrauen, Besitzdenken, Konkurrenz und Alltagsverhärtung festklammern würden?
Und hier kommt eine Erfahrung, die mich sehr berührt hat. Auf dem Weg zum Festivalgelände wurde ich wegen meines Outfits mehrfach von Männern angesprochen. Nicht freundlich. Nicht interessiert. Sondern so, wie viele Frauen es kennen: ungefragt, sexualisiert, übergriffig. Mein Körper als öffentliche Kommentarsektion. Für mich ist das leider keine neue Erfahrung, sondern mein Alltag. Im Sommer bekomme ich an vielen Tagen sogar zehn bis zwanzig solcher Kommentare. Nicht von allen Männern, aber immer von einem Mann, der glaubt, ein weiblicher Körper im öffentlichen Raum sei eine Einladung diesen zu kommentieren und bewerten.
Auf dem Festivalgelände? Kein einziger.
Kein Spruch. Kein Hinterherrufen. Kein schmieriges „Kompliment“, das eigentlich Besitzanspruch im Glitzerkostüm ist. Nichts.
Und bevor jetzt jemand sagt: „Ja gut, das ist halt eine Bubble“ – 65.000 bis 70.000 Menschen sind keine Wohnzimmerparty. Das ist keine kleine WG-Küche mit vier politisch korrekten Freund:innen und einem Hafermilchvorrat. Das ist eine Stadt. Eine temporäre Stadt. Und diese Stadt zeigt: Ein anderes Verhalten ist möglich. Ein anderer öffentlicher Raum ist möglich. Ein anderes Miteinander ist möglich.
Nicht perfekt. Natürlich nicht. Auch Festivals sind keine magischen Utopie-Automaten. Auch dort gibt es Probleme, Grenzüberschreitungen, Überforderung, blinde Flecken. Aber es gibt eben auch diesen spürbaren Unterschied: Menschen achten mehr aufeinander. Körper dürfen Körper sein, ohne sofort kommentiert zu werden. Outfits dürfen Ausdruck sein und keine Einladung. Nähe darf entstehen, ohne Anspruch zu werden.
Das ist kein kleiner kultureller Erfolg. Das ist riesig.
Vielleicht ist genau das der eigentliche Zauber der Fusion: Sie ist nicht nur ein Festival. Sie ist ein Beweisstück. Ein staubiges, verschwitztes, übermüdetes, manchmal chaotisches Beweisstück dafür, dass soziale Normen nicht in Stein gemeißelt sind. Dass wir Räume bauen können, in denen Menschen freier atmen. Dass Haltung nicht nur auf Podien, in Panels oder Instagram-Slides existiert, sondern auf Dancefloors, an Wasserstellen, in Schlangen vor Essensständen und in dem Moment, in dem jemand Unbekanntes dich ehrlich interessiert fragt: „Geht’s dir gut?“
2027 legt die Fusion Pause ein. Vielleicht braucht auch ein Festival, das so vielen Menschen Erholung, Rausch und Erkenntnis schenkt, selbst einmal einen langen Moment zum Sortieren. Zum Weiterdenken. Zum Reparieren. Zum Träumen.
Und wir? Wir können diese Pause nutzen, um uns zu fragen, was wir eigentlich aus solchen Orten mitnehmen wollen. Nicht nur neue Freundinnen und Freunde und neue Banger für die Playlist oder die Erkenntnis, dass Staub wirklich überall hinkommt. Sondern Werte. Praktiken. Umgangsformen. Eine Ahnung davon, dass Freiheit und Fürsorge vereinbar sind. Dass Community nicht bedeutet, dass andere alles für uns auffangen. Und dass Eigenverantwortung nicht spießig ist, sondern solidarisch.
Ich bin immer sehr dankbar für diese Erfahrungen. Für diese temporären Gesellschaften, in denen kurz sichtbar wird, wie es auch gehen könnte. Und ich bleibe hoffnungsvoll, dass wir die besten Teile davon irgendwann aus dem Feierkosmos heraustragen: in Städte, Straßen, Clubs, Arbeitsplätze, Beziehungen, Alltage.
Denn eigentlich sollte jeder Tag ein bisschen Fusion sein – vor allem außerhalb von Lärz.





