Heute, am 7. Oktober, jährt sich der Terrorangriff der Hamas auf Israel zum dritten Mal. Aus diesem Anlass finden in ganz Deutschland (unter anderem in Berlin, Hamburg, Köln und Frankfurt) zahlreiche Demonstrationen und Gedenkveranstaltungen statt. Nimmt man nineeleven, Überfall auf Polen dazu und hintendran Mauerfall und Reichsprogromnacht, könnte man den Herbst direkt zur Zeit des Gedenkens umwidmen.
Einige Demos heute stammen aus dem pro-palästinensischen und anti-kolonialen Spektrum. Dort passiert mittlerweile eine krasse Umdeutung des 7. Oktober als „Widerstand“ wie z.B. beim Bündnis „Global South United“. Auf Werbebildern für die Demos war beispielsweise ein Bulldozer zu sehen, der einen Grenzzaun durchbricht, was unfassbar deutlich eine direkte Anspielung auf das Vordringen der Hamas am 7. Oktober 2023. In den Aufrufen wurde der Tag als „Leuchtfeuer der Standhaftigkeit“ gefeiert und der Terrorangriff als bewaffneter palästinensischer Befreiungskampf umgedeutet. (Die Polizei und LKA ermitteln verständlicherweise teilweise wegen des Verdachts auf Gewaltverherrlichung und Billigung von Straftaten.)
Ich stehe nicht allein fassungslos vor solchen Plakaten, die Terror als Befreiungskampf romantisieren, das geht wahrscheinlich aktuell vielen Menschen so. Und natürlich frage ich mich wie Leute zu solchen Überzeugungen gelangen? Ok, die Frage stelle ich mir im Osten auch, angesichts der AfD, aber da gibt es zumindest schlüssige Erklärungen, siehe Jana Hensel und „Es war einmal ein Land“. Die Comments auf Insta zeigen ein krass binäres Weltbild. Israel wird ausschließlich als westliche, koloniale Besatzungsmacht gesehen, die Palästinenser als das absolut unterdrückte indigene Volk. Der Terror gegen Zivilisten wird als legitimer „Widerstand“ theoretisiert. Klar. So… wie am 1. September 1939 um 5:45 Uhr auch nur zurückgeschossen wurde.
Während für die meisten Menschen der 7. Oktober ein beispielloser, singulärer Terrorangriff ist, betrachten diese Gruppen das Datum scheinbar nur als ein weiteres Kapitel in einem 75 Jahre andauernden Konflikt. (Zur Erinnerung: Die israelitischen Stämmed sind dorte an diesem Orte archäologisch seit dem späten 2. Jahrtausend v. Chr. am Start.)
Die Morde, Vergewaltigungen und Entführungen werden fast völlig geleugnet und lediglich das „Durchbrechen des Zauns“ als heldenhafter Akt gefeiert. Gehts noch? Berichte der Vereinten Nationen, etwa durch die UN-Sonderbeauftragte Pramila Patten haben die sexualisierte Gewalt am 7. Oktober doch klar bestätigt, was übrigens auch die Debatte um die Glaubwürdigkeit und ideologische Selektivität einiger aktivistischer Kreise weiter verschärft hat. Dieses Leugnen steht doch auch im direkten Widerspruch zum Kernanliegen der #MeToo-Bewegung, das besagt, Opfern sexualisierter Gewalt grundsätzlich zunächst Gehör und Glauben zu schenken. Wie mies kann man denn sein, das anzuzweifeln?
Oder… was ich ja glaube, dass diese ganze Nummer letztlich eine ordentliche Industrie geworden ist, und ein massentaugliches Geschäftsmodell, von dem verschiedene Akteure stark profitieren. Influencer, Content Creator und professionelle Aktivisten monetarisieren diese Reichweite ganz direkt durch TikTok-Gifts, Patreon-Abonnements oder bezahlte Vorträge. Die permanente Empörung sichert die Klickzahlen. Die Nachfrage nach Kufiyas (Palästinensertüchern), Flaggen, T-Shirts und Stickern ist seit dem 7. Oktober explodiert. Das ganz große Geld wird von globalen Online-Händlern gemacht, die billig produzierte Massenware aus China über Amazon oder eigene Dropshipping-Stores verkaufen. Der Widerstand wird zum modischen Konsumartikel. Hallo Popkultur!
Es fließen hunderte Millionen an Spendengeldern nach Gaza. Neben den großen, seriösen Hilfswerken gibt es ein riesiges, kaum kontrollierbares Geflecht aus kleineren NGOs, GoFundMe-Kampagnen und privaten Initiativen. Hier ist jede Menge Kohle im Umlauf, wobei oft unklar bleibt, wie viel im Verwaltungsapparat dieser Gruppen hängen bleibt, wer sich daran bereichert oder ob Gelder (bewusst oder unbewusst) in extremistische Strukturen wie die Hamas versickern. Und wir alle wissen: Die echt gut produzierten Memes auf Social Media entstehen nicht wirklich spontan. Dahinter stehen enorme Budgets. Staaten wie Katar finanzieren beispielsweise Mediennetzwerke wie Al Jazeera und dessen auf junge, westliche Zielgruppen zugeschnittenen Ableger AJ+. Solche Plattformen pumpen hochprofessionell aufbereitete Inhalte in die sozialen Netzwerke, was wiederum den Boden für den kommerziellen Aktivismus bereitet. Nein? Doch! OH!
(Wenn man sämtliche Geldströme, also internationale Entwicklungshilfe, humanitäre UN-Mittel, Direktzahlungen von Staaten wie Katar sowie die fortlaufenden Budgettransfers der palästinensischen Autonomiebehörde (PA), für den Zeitraum von 2007 (Hamas übernahm Gaza) bis Oktober 2023 zusammenrechnet, liegt die Gesamtsumme für den Gazastreifen bei geschätzten 30 bis 35 Milliarden US-Dollar.)
Tja… und viele der vor allem jungen Demonstranten informieren sich fast ausschließlich über soziale Medien. Algorithmen auf TikTok, Instagram oder Telegram und und damit Hallo und Willkommen! bein den Lieblingsinformationsquellen des AfD Wahlvolks. Gegenargumente oder das Leid israelischer Opfer dringen in diese Informationsblasen gar nicht mehr durch. Ebenso wenig wie die Info, dass in den Reihen der AfD im Vergleich zu anderen Parteien überdurchschnittlich viele Abgeordnete und Kandidaten polizeibekannt sind oder sich in strafrechtlichen Verfahren verantworten müssen.
Teil dieser Bewegung zu sein, stiftet scheinbar enormen Zusammenhalt. Man fühlt sich als Teil einer globalen Avantgarde, die für die „Guten“ kämpft. Woher kenne ich das bloss? Damals zu meinen Hausbesetzer Zeiten gab es auch immer ein paar richtig stramme Demagogen mit Mao Bible, die auch jeder einfach nur schräg fand. Jede Differenzierung (wie etwa: „Man kann für palästinensische Rechte sein und gleichzeitig die Hamas verabscheuen“) ist in deren Augen definitiv Verrat. So kommen wir sicher weiter.
Ich finde krass wie sich seit Oktober 2023, denn es ging ja nur wenige Tage nach dem Hasas Angriff sofort los, dass sich bei solchen Aufzügen klassischer Antisemitismus nahtlos mit linkem Anti-Imperialismus und islamistischen Weltbildern verbindet. Islamisten sind Nazis. Wie oft denn noch muss man das sagen bitteschön?
Ich sollte mich eigentlich wundern, wie man die die Realität des 7. Oktobers so massiv umdeuten kann, ohne den totalen Ausfall des eigenen moralischen Kompasses wahrzunehmen, aber dann muss ich ja nur nach Sachsen Anhalt schauen. Also wenn Zeit und Muße ist, geht heute auf die Gedenkdemos.
Oh, noch fix ein paar Selbstverständlichkeiten, damit sich niemand genötigt fühlt, diese extra zu erwähnen:
- Jüdische Israelis können nur in Sicherheit und Freiheit leben, wenn auch Palästinenser in Sicherheit und Freiheit leben.
- Die Mehrheit der Israelis fühlt sich von der derzeitigen israelischen Regierung nicht repräsentiert.
- Israelis konnten auch schon vor dem 7. Oktober in Neukölln nicht einfach hebräisch sprechen oder gar mit Kippa rum rennen.
- Auch viele Israelis kritisieren die Politik Netanjahus und die Expansion.
- Benjamin Netanjahu ist genauso ein Arschloch wie Viktor Orban oder Donald Trump.
- Sadistisches Morden hat nichts mit Dekolonialisierung zu tun





