Dienstags Welt zur Berlin Music Week

Hier ein ganz wunderbarer Text zur Berlin Music Week! 

Der September ist ja doch nicht so langweilig, wie wir immer dachten! Roger Waters, bevor er vor halbleeren Rängen sein pubertäres „Wall“-Spektakel im Olympiastadion aufführte, kam noch schnell an der echten Mauer an der East Side Gallery vorbei. Ganz werbewirksam ließ sich der Profi vor dem Cover seiner Wall-Platte ablichten, um anschließend noch schnell ein paar Allgemeinplätze über die Notwendigkeit der Mauer als Mahnmal der Geschichte rauszuhauen. Dann stieg er wieder in seine Limo(sine, nicht -nade). Allerdings hatte B- (besser: F-) Promi David Hasselhoff an selber Stelle unlängst weit mehr Schaulustige angelockt, als unser silberhaariger Stadionrocker. Naja, was zählen schon 45 Jahre Musikgeschichte, wenn man den Night Rider singen hören kann?

Apropos Schaumschlägerei: Die Berlin Music Week ist ja nun auch zu Ende gegangen – mit dem allseits gehypten Berlin Festival. Der Clou ist, dass dem Berlin Festival neben den Eintrittsgeldern und Gastroerlösen auch noch Hundertausende Euro Steuergelder über die intransparente Geldverteilungskrake Kulturprojekte GmbH hinten rein geblasen werden. Klingt unappetitlich? Ist es auch..! Dafür gibt’s ein paar VIP Karten und noch ein üppiges Selbstbedienungsbudget für VisitBerlin, ein weiteres Steuer-Umverteilungsinstrument, dass das junge, hippe Berlin vermarkten soll. Entsprechend nehmen die Berlin-Werber das als wilde Club- und Musiklandschaft ganz ohne Vermarktungsbudgets entstandene Image der Stadt und drucken Hochglanzbroschüren, die nun das Berlin Festival als Speerspitze dieses Universums darstellt. Stellvertretend stehen so nun die Urberliner Pet Shop Boys, Blur, Björk und Casper als Headliner für die Berliner Musik anno 2013. Merkt ihr was? Nein, wir wollen hier niemanden hinter die Berliner Nachtleuchte führen, das tun die Kulturbonzen eines Senats, der es sich immer noch leistet, Königin Wowi die Leichtfüssige neben seiner gelangweilt runtergespielten Rolle eines Regierenden Bürgermeisters sowie der beschämenden Nummer als Aufsichtsratschef des Berliner Flughafengemurkse auch noch die Nebenrolle als Immitator eines Kultursenators zuzuschustern. Und alles nur, weil er in seinen wilden Jahren mal Schampus aus Pumps getrunken hat. Pft…

Nächste Dienstagswelt Party

Das können wir auch. Wir verprechen hiermit feierlich: wer am Dienstag in Pumps kommt, der darf daraus eine ganze Schuhfüllung Sekt auf unsere Kosten trinken. Wir machen dann davon ein Photo und fordern gemeinsam Wowis Abdankung als Kulturbanause. Ansonsten wissen wir ja ohnehin (seit Jim Morrison): No One Gets Here Out Alive..! Demenstprechend haben wir auch das Motto des heutigen Abends gewählt. Na gut, auch wegen des Wortspiels mit No(r)way – der Heimat der meisten unserer heutigen Gäste. Live spielt Terje Rypdal-Fan Mudman (After Jazz Comes Techno), dazu gesellen sich seine (Label-)freunde Carina Helen und Eric Small (aufgrund aktueller Probleme bei Soundcloud müssen wir die Links nachreichen) mit unerschütterlichen Deep- und Techhouse-Tunes aus dem hohen Norden. L Kubic von Black Fox Music komplettiert den Abend als alter Bekannter und immer wieder aufregender Schallplattenunterhalter der Dienstagswelt. Dienstags woanders feiern? No(r)way!

UND HIER NOCH EIN NACHTRAG!

die kulturprojekte gmbh ist eine landeseigene gmbh, die vom senat im jahr 2012 mit 8,2 millionen euro ausgestattet wurde (neben weiteren zuschüssen vom bund, von sponsoren u.a. – zahlen veröffentlich durch kulturprojekte gmbh auf anfrage der grünen fraktion). 

https://www.parlament-berlin.de:8080/starweb/adis/citat/VT/17/KlAnfr/ka17-10581.pdf

die gmbh, als privatrechtliche gesellschaft, entscheidet ohne (formelle) rückkopplung mit der politik, was sie mit dem geld machen will. natürlich gibt es vergabekriterien, diese formalien sind aber eben „nur“ formalien – und nicht wirklich ein ernsthaftes mittel der steuerung, was warum mit wieviel geld gefördert wird. das entscheidet die gmbh alleine. 1,95 mio (16%) von dem batzen gehen etwa für personalkosten drauf – da ist der ganze infratsrukturelle überbau (büro, spesen, kommunikation, sachmittel usw.) noch nicht enthalten. aus ihrem wirtschaftsplan geht in keinster weise hervor, in welche projekte tatsächlich wieviel geld geht. lediglich die haushaltsposten müssen offen gelegt werden – und das auch erst zeitverzögert mit dem jahresabschluss zum ende des darauffolgenden kalenderjahres. laut döring („die wichtigsten geschäfte passieren morgens um drei an der bar“) erhält die bmw dieses jahr eine förderung von 588.234 (700.00 abzüglich steuern) euro – davon gehen m.w. nur 100.000 an die !word conference, noch kleinere summen an die berlin music awards sowie die first we take berlin newcomer-shows. und der rest? 

die kulturprojekte gmbh entwickelt sich zudem zunehmend zu einer institution, die nicht etwa geld in bestehende oder neue projekte und/oder strukturen pumpt, sonden die die kulturellen aktivitäten der von ihr unterstützen projekte kannibalisiert – d.h. dass sie durch ihre finanzmittel erst eine abhängigkeit schafft – um schrittweise das ganze projekt an sich zu ziehen. ich empfehle dazu auch einen bereits 5 jahre alten artikel von der freien szene in berlin: https://www.habenundbrauchen.de/2012/10/die-kulturprojekte-gmbh-vom-kulturstaat-zur-staatskultur/

einen teil der kritik an dem künstlichen gebilde formulierte ein kommentator im inforadio (allerdings schon 2012) als „seelenloses großspektakel zwischen autoscooter, kandierten äpfeln und werbe-overkill“. watergate-stoffel nennt das einfach „disneyland“. seine kritik hat er letzte woche in der morgenpost untergebracht, wo er dieses völlig sterile und an der lokalen szene vorbei organisierte festival (mit anschließendem aftershow-clubbing) mit den worten kritisiert: „Stattdessen werden den Besuchern Lokalitäten als Clubs verkauft, wo sonst antike Ausstellungen und Flohmärkte stattfinden, etwa in der Arena Berlin. Weitere „Clubadressen“ laut Programmheft: der Flughafen Tempelhof und die Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Telekom AG.“

https://www.morgenpost.de/kultur/berlin-kultur/article119658955/Warum-angesagte-Clubs-keine-Lust-auf-die-Music-Week-haben.html

als die cdu noch in der opposition war, haben sie wowereit immer wieder vorgehalten, kulturprojekte arbeite nicht transparent – bspw. beim projekt „städtische kunsthalle“, wo die gmbh kurz vor der letzten landtagswahl mal eben 600.000 euro in wowis damaliges lieblingsprojekt investierte. die grünen sprachen offen von „wahlkampfhilfe“ durch kulturprojekte. verhindern kann das keiner – die gmbh ist ja privatwirtschaftlich aufgestellt. eine politische steuerung der gmbh durch die abgeordneten des landes ist quasi unmöglich. einfluss auf das geschehen haben nur einzelne senatoren, vor allen natürlich der kultursenator. (kleiner exkurs: ganz ähnlich ist es übrigens mit einer anderen 100%igen tochter des landes, der messe berlin gmbh. da wird von ihr die (in den meisten augen komplett verbrannte) marke der insolventen messe „popkomm“ „aufgekauft“ – was nichts anderes ist als den gescheierten machern (dieter gorny u.a.) noch ein finanzielles geschenk mit auf den weiteren weg zu geben. was will das land berlin mit der marke? warum wurden dafür steuergelder investiert?)

franziska hofmann hat dieses jahr eine wissenschaftliche studie veröffentlicht, in dem sie die berlin music week und die berlin music days miteinander vergleicht: (hier mal die kurzversion, ich kenne und habe auch die vollständige arbeit…):

https://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=13&ved=0CEMQFjACOAo&url=http%3A%2F%2Fberlin-mitte-institut.de%2Ffiles%2FUnterschiede_BMW_BMD_Hofmann_2013.pdf&ei=tAUtUuzYN8KXtAavmoGIAw&usg=AFQjCNH1QqWJnq03tTHWe7M335qj52771w&sig2=lbaV3-VdoyQWrX0JQinBWQ&cad=rja

sie kommt zu dem schluss, dass die bmw „stadtpolitisches top-down-phänomen“ darstellt, in dem „kritik an der stadtpolitik unerwähnt bleibt“. das „weist darauf hin, dass es sich (beim modell bmw) nicht unbedingt um eine bessere zusammenarbeit zwischen der politik und den lokalen kreativen akteuren handelt.“ weiter heißt es wörtlich:

„Auf die Probleme und Sorgen der ansässigen Akteure wird dabei wenig eingegangen. Es sieht eher so aus, als würde die Politik die vorhandene Infrastruktur der Musikwirtschaft benutzen, um noch mehr Nutzen daraus zu ziehen. Anstatt unterstützend einzugreifen, wird die vorhandene Infrastruktur der Musikbranche national und international vermarktet, um die leeren Haushaltskassen zu füllen. Von Zusammenarbeit kann also nicht wirklich die Rede sein. Es handelt sich eher um eine unter dem Deckmantel des Festes lautlose Integration in die neoliberalen Regulationsweisen und marktwirtschaftlichen Praktiken einer sich vermarktenden Stadt. Hinzu kommt, dass Stadtmarketing von einer Expertenelite betrieben wird, die globalen Marktansprüchen gehorcht und nicht an dem „echten“ Eigenleben der Stadt interessiert ist. Im Zuge dessen wird Berlin als Musikhauptstadt auf ein professionell produziertes Image reduziert. Geworben wird mit dem bereits existierenden kreativen Humus genauso wie mit den, im Verhältnis zu anderen Städten, billigen Arbeitskräften der Musikbranche. Dadurch wird ein wirtschaftsförderndes Klima auf Kosten der angeblich integrierten kreativen Akteure geschaffen. Das Integration auch das Aushandeln bestehender Unzufriedenheit mit einschließt, fällt hierbei unter den Runden Tisch.“