Members of Mayday und WESTBAM steigen bei MAYDAY aus!

Members of Mayday und WESTBAM steigen bei MAYDAY aus!

WESTBAM, Gründer der Mayday – der „Mutter aller Raves“ – gibt heute seinen Ausstieg aus Deutschlands ältester Rave-Veranstaltung bekannt. Dies gilt für seine Beteiligung als DJ und auch für das Projekt Members of Mayday.

Members of Mayday und WESTBAM steigen bei MAYDAY aus!

OFFIZIELLES STATEMENT VON WESTBAM

Hallo,
hiermit gebe ich meinen Rücktritt von allen Mayday Veranstaltungen bekannt.
Dies gilt für meine Beteiligung als DJ und auch für das Projekt Members of Mayday.
Grund ist meine über die letzten Jahre immer tiefer werdende menschliche und
künstlerische Entfremdung mit den jetzigen Betreibern von Mayday, der Firma
I-Motion und der Veranstaltung Mayday selbst. Oder besser: Mit dem, was I-Motion
aus Mayday gemacht hat.

Seit meine Partner (Low Spirit und Frontpage) und ich 1991 Mayday gegründet
haben, habe ich als einziger Künstler an allen ca. 60 Mayday-Events teilgenommen,
die es bis heute in Deutschland, Polen, Russland, Weißrussland, Ungarn, Spanien,
Mexiko, Belgien gab. Zusammen mit meinem Projekt Members of Mayday stand ich,
auch in den Jahren, als das Event nicht mehr von meiner eigenen Firma veranstaltet
wurde, sondern von I-Motion übernommen worden war, für eine fortlaufende Linie,
die das Event von den frühen Jahren der Techno/House/Rave Kultur bis in die
Jetztzeit verband.

In den letzten Jahren hatte ich zunehmend das Gefühl, dass diese Tradition von der
I-Motion weder besonders geachtet wird, noch das man sich bemüht etwas von
dieser Tradition fortzuführen.

Ich hatte das Gefühl, dass meine Präsenz und das Weiterführen des Members of
Mayday Projektes der Firma I-Motion vor allem dazu dient, den Anschein zu wahren,
dass die original Mayday-Idee noch weiterlebt, weil man geschäftliche Nachteile
befürchtete, wenn deutlicher zu Tage träte, was in Wahrheit los ist.
Mir kam die Rolle zu, ein Alibi zu liefern. Ich habe keine Lust mehr, diese Alibirolle zu
spielen.

Dass I-Motion nun die Mehrheit ihrer Geschäftsanteile an Mayday an einen
amerikanischen Konzern verkauft hat, wie in der Presse zu lesen war, macht mir die
Sache nicht sympathischer. Denn: dass der amerikanische Konzern für irgendwelche
Werte eintritt oder gar eine größere Sensibilität für Mayday bzw. die europäische
Technokultur mitbringt als I-Motion, ist nicht zu erwarten.

Jetzt, zum Abschluss, möchte ich meine Kritik an I-Motion und ihrer Mayday Politik
noch einmal konkretisieren. Nicht um Nachzutreten, sondern weil es das Letzte ist,
was ich für einen Event tun kann, der viel für Technokultur getan – und in meinem
Leben eine wichtige Rolle gespielt hat.

Musikpolitik:
Ich hatte aber bei Weitergabe von Mayday an I-Motion gehofft, dass neben dem
Trademark und der Mayday Rakete auch etwas von der Mayday Idee, nämlich: das
Neueste von „House und Techno“ an einem Abend aufeinander prallen zu lassen,
übrig bleibt. Stattdessen wurden die Hallen nach dem Nature One-Prinzip
„flurbereinigt“. Was mehr oder weniger hieß:

Halle 1: Trance. (Großraumdisco-kompatibler „melodiöser“ Sound)

Halle 2: Schranz (harter, perkussiver Techno)

Da die meisten Neuerungen im Land der elektronischen Tanzmusik der letzten 10
Jahre aber weder in das eine noch das andere Format passten, fanden diese
Neuerungen, für die die Veranstaltung mal gegründet worden war und die den Kern
der Mayday Idee ausgemacht haben, einfach nicht mehr statt.
Stattdessen schien das ewige Motto zu sein: „Augen zu und weiter so.“. Zur
Ergänzung des formatierten Musikkonzepts der Hallen 1 und 2, wurden noch zwei
weitere Formate hinzuaddiert: eine Hardcorehölle und eine Classicshalle. Was
sicherlich eine „Weiterentwicklung“ im Sinne einer perfekten
Technoabfütterungsmaschine darstellt, aber bestimmt keine Weitentwicklung im
Sinne von: neuen Platz für musikalische Innovation zu schaffen. Und die Mayday
Tradition heißt: „Forward Ever, Backward Never“.

Artwork
Ich möchte kurz daran erinnern, dass es zu unserer Zeit sogar geglückt ist
weltbekannte Künstler wie Andreas Gursky für ein Layout mit ins Boot zu holen.
Wenn ich das mit den heutigen Layouts vergleiche, ist das nicht eine Frage von
unterschiedlichem Geschmack, sondern von objektiv gesunkenem Niveau.
Mottos

Bei den Mottos war das ein oder andere, das man wohl ok, allemal lustig finden
könnte (z.B. das Clint Eastwood-Zitat „Make My Day“) Aber vieles klang auch hier
uninspiriert und nach „Dienst nach Vorschrift“. Als einen Tiefpunkt empfand ich das
Motto „Made In Germany“. Ich habe Technokultur im Allgemeinen und Mayday im
speziellen auch immer im Auftrag von Völkerfreundschaft gesehen.
Wenn man bedenkt, das Mayday in Russland jahrelang mit den Feierlichkeiten zum
Ende des zweiten Weltkriegs zusammenfiel, war dieser Rahmen für eine
Veranstaltung aus Deutschland eine große Ehre. Man sollte sich dieses
Zusammenhangs bewusst sein und sich dessen würdig zeigen.
In Polen fällt Mayday jedes Jahr auf den polnischen Unabhängigkeitstag.
Mayday findet in Katowice nur wenige Kilometer entfernt von den Ruinen des
Vernichtungslagers Auschwitz statt. Wie wirkt es, wenn man dort mit „Made in
Germany daherkommt? Ich empfinde es als großkotzig und unangemessen.
Zuletzt:

Rebels of Mayday
Ich höre gerade, dass das neue Mayday Plakat im Moment schon verbreitet wird und
dass es statt der Members of Mayday nun „Rebels of Mayday“. Ich denke, dieser
Notfallplan lag schon etwas länger in der Schublade des Zentralbüros von I-Motion.
„Die Rebels“, wer immer sie sind, werden die Hymnen schreiben als Auftragsarbeit
für einen Veranstalter und eine Veranstaltung, die mit „Rebellion“ gar nichts zu tun
hat.

Tut mir einen Gefallen: Vergreift euch nicht an der Musik der Members of Mayday!.
Jeder Abschied ist auch ein Neubeginn.

Mit allem, was in den letzten Jahren aus dieser Party geworden ist, ist auch bei mir
wieder ein Wunsch geweckt worden, mich in ein neues Projekt einzubringen. Mit
alten und neuen Freunden arbeiten wir an der Idee eines neuen Raves, der wieder
interessant ist für alle, die aus genannten Gründen schon lange nicht mehr zu
Mayday gehen.

Peace Out. Westbam