Anzeige: Die taz am Wochenende, die „Wende“ und Fußball.

Die taz. Ich hab sie immer geschätzt. Alleine schon wegen ihres Formates. Klein, handlich und links. Seit 2015 soll es ja vermehrt Leute geben, die links als problematisch empfinden. Oft wird das kombiniert mit „grün“ und dem ganz wunderbaren „versifft“, dass in dieser Kombi eine, allzu lapidare, Grundhaltung zu den wichtigsten Themen auf dieser Welt kritisieren soll. Ich hab allerdings noch nie gehört: Rechts und kritisch. Ich hab noch nie gehört: Mitte und kritisch. Links und kritisch passt jedoch immer. Ob nun Kapitalismuskritik, Kritik wegen mangelnder Gleichberechtigung oder die Klimawandelproblematik.

Wenn Sie das alles nur als Gutmenschengelaber abtun, dann ist es Ihnen wahrscheinlich auch egal, ob Ihr Immobilieninvestor mal eben 800 Euro auf Ihre monatliche Miete drauf packt, Ihre Tochter weniger verdient als Ihr Sohn, oder Sie, um mal wieder Wasser in kristalliner Form zu sehen, ins Gefrierfach schauen müssen, weil Winter von nun an schneefrei sind. Ja, ich lese gerne eine Zeitung aus Weltverbesserersicht. Bei allen anderen frage ich mich immer: Wo hat der Chefredakteur mit dem Aufsichtsrat nochmal beim gemeinsamen Abendessen drüber geschaut oder ist es vielleicht nur eine gute Content Marketing Kampagne, der ich gerade aufsitze. Gesteuert vom Lobbyverband XY. Man muss nicht zu allem die gleiche Haltung haben wie die taz-Redakteure, aber sie sind definitiv kein Fähnlein im Wind wie so manch andere, die sich gern mal Meinungskommentare als Click Bait gönnen, um dann schnell wieder zurück zu rudern. Oder sogar diese Texte mit Gegentexten aus dem eigenen Hause hinterfragen. Das nenne ich journalistische Doktorspielchen mit sich selbst.

Aber zurück zur taz.

 

Sie hat wie alle Zeitungen das Problem der veränderten Lesegewohnheiten. Damit ist nicht gemeint, dass Leute weniger lesen. Keinesfalls. Vergleicht man alte Fotos aus der U2 vor zehn Jahren mit Fotos aus der U2 von letzter Woche, gibt es genauso viele Infoquellen derer sich Leute bedienen, nur haben sich die Anzeigeformen von Papier zum Display geändert. Ein Smartphone nimmt ehrlicherweise auch weniger Platz weg als eine Zeitung.

Die Zeitung ist fast schon eine Art Hilfsgimmick für die Zeit der Kontemplation am Wochenende. (Wie das Buch vor dem Kindle.) Gelesen wird auf der Terrasse. Denn die hab ich zu einem ausgesprochen liebenswerten und erholsamen schönen Fleck gestaltet, um sogenannte Quality Time zu generieren. Wenn der Kaffee mal entspannt in der Filtermaschine durchläuft und nicht to go aus dem Bahnhofsautomaten gepresst wird. Zeitung lesen ist ja fast schon ein Luxus, den man sich trotzdem aber unbedingt gönnen sollte, denn Informationen auf Papier nimmt man besser wahr. (Wirklich, es gibt Studien darüber.) Sie bleiben haften in einer Zeit, wo online fast nur noch tldr snippets überflogen werden. Die taz ist, im Gegensatz zu anderen, auch nicht nur einfach eine Zeitung, sie ist entstanden aus einem selbstverwalteten Projekt und hat für die verlegerische Unabhängigkeit bis heute eine Verlagsgenossenschaft als Herausgeberin, was ich hochgradig kuhl finde.

Die taz kann im News-Geschäft keine anderen Meldungen liefern als die Konkurrenz. Alle speisen sich aus DPA und AFP Tickern. Aber sie kann spannende und wertvolle Sichtweisen liefern, die man beim Axel-Springer-Verlag vergeblich suchen wird. Genau das macht sie bedeutend. In Zeiten von Blogs und Newspages, die mit ihrer zielgerichteten Meinungsmache konkret auf Wahlbeeinflussung und das Erreichen einer kritischen Masse für unbewiesene Gerüchte abzielen, ist fundierter Journalismus wichtiger denn je, da er, obwohl eindeutig links angesiedelt, in keiner Zeile schwammige Formulierungen bringen wird, weil der Verlagschef die Handynummer des Industriebosses abgespeichert hat, um den es in dem kritischen Artikel gerade geht. Zudem werden auch Stories aus dem Weltgeschehen publiziert, die in konservativer ausgeprägter Gazetten höchstens Kurzmeldungslänge hätten.

 

Aber nehmen wir mal was Lokales: Kevin Kühnert.

 

Kühnert hatte in einem Interview mit der Zeit unter anderem gesagt, dass er für eine Kollektivierung großer Unternehmen „auf demokratischem Wege“ eintrete.

 

Das Geschrei war groß und hält auch noch an. (Taktische Empörung jener, die von oben erwähnten Telefonnummern möglicherweise auf einmal Anrufe bekamen.) Sei es von den anderen Parteien, aber auch innerhalb der SPD und vom BMW Betriebsrat, der sicher Gewerkschafter sein dürfte. (Die IG Metall spricht sich in ihrer Satzung übrigens für eine Vergesellschaftung von großen Konzernen aus.)

 

Aus der taz erfuhr ich:

 

Die SPD bekennt sich in ihrem Grundsatzprogramm ausdrücklich zum demokratischen Sozialismus. Bleibt die Frage: Ist die SPD wählbar weil Kevin Kühnert es vielleicht mal nach oben schafft, oder unwählbar, weil er allein auf weiter Flur ist? Die taz bringt es auf den Punkt: „Wer die gesellschaftlichen Visionen junger Menschen als naiv abtut, der braucht sich nicht zu wundern, wenn sich diese Menschen von der Politik abwenden.“ #gretathunberg #fridaysforfuture

 

Ich muss jetzt etwas weiter ausholen, damit verständlich wird, warum ich zu einem Zeitungsabo rate, einem Vorgang, der heutzutage schon fast anachronistisch wirkt. Zum einen wäre da der schlichte Wille für etwas zu bezahlen in das andere Menschen Zeit und Arbeit gesteckt haben. Wir alle haben die Verlockungen des Internets ausprobiert. Musik runtergeladen oder Filme gestreamt. Das hatte zur Folge dass wir in einer Kultur leben, in der junge Menschen um die 20 denken, alles was sie bei Google finden wäre umsonst. Wahrscheinlich haben Sie einfach die erste Abmahnungswelle nicht mitbekommen, weil sie noch zu jung waren. Sie haben diese „for free“ Mentalität vollkommen verinnerlicht, die neben der Musik auch dem geschriebenen Wort den Wert nahm. Copy & Paste. Ich glaube, es wurde jedem gut tun, mal wieder ein paar Zeitungsartikel zu lesen. Wohlgemerkt in ganzer Länge, um sich ernsthaft mit einem Thema auseinanderzusetzen.

Vielleicht sorgt es ja sogar für eine bessere Konzentrationsfähigkeit, wenn mal nicht die Netflix-Serie neben der Kaffeemaschine läuft, während man durch Instagram scrollt. Wir reden hier aktuell von zehn Euro für zehn Ausgaben beim Testabo. Ich weiß nicht ob man das Wort Schnäppchen benutzen sollte wenn es ums Lesen geht. Dafür ist mir das geschriebene Wort an sich zu heilig, aber nichtsdestotrotz, ist es das wirklich. Denn die taz am Wochenende kostet sonst 3,20 € am Kiosk und 15,90 €/Monat im Abonnement.

 

Nach diesem kleinen Ausflug in die Welt der emotional gehaltenen Sales-Texte zum aktuellen Aufmacher, dem Ost Ost Konflikt, abgehandelt am BFC Dynamo und FC Union. Mit beiden Vereinen verbindet mich viel, wenn auch nicht als Fußball-Fan. Letztlich war im Osten nichts unpolitisch. Und so steckte hinter den DDR Fußballclubs noch eine ganze Menge mehr als nur Fußball.

 

Im Großraum Berlin gab es zwei Arten von Fußballfans. BFC-Anhänger und die Eisern Union Fans. Letzterer war sozusagen der Underdog Verein. Manchester United oder Borussia Dortmund des Ostens. Selbst im „Arbeiterstaat“ DDR bezeichneten sich manche als Arbeiter, um sich abzugrenzen. Eisern Union zog dementsprechend auch Zuschauer ins Stadion, die mehrheitlich mit dem real existierenden Sozialismus nicht sonderlich viel anzufangen wussten, und sich bei den Derbys mit dem Stasiklub BFC Dynamo oft gegenseitig ins Gesicht sprangen. Junge Talente oder gereifte Spieler wurden nämlich ausschließlich zum BFC delegiert, ein Punkt, der die Rivalität natürlich zusätzlich anheizte, denn Union erhielt nicht ein paar Mille Ablösesumme, das beinhaltete diese „Delegation“ leider nicht. Wie weit sich dieses fanatische Fan-Gebaren auswirken konnte, erlebte ich in der sechsten Klasse, als auf dem Nachhauseweg einer der Klassenstreber namens Jörg, einem Typen mit Aufnäher leise hinterher sagte:

 

„Union, Union – Schande der Nation!“

 

Wenn nicht durch Mathezensuren, fand Jörg eben andere Wege sich vor seinen Schulkameraden zu profilieren, und wenn es zu Schnabeltasse und etwas Draht im Kieferknochen führte, sei’s drum. Der BFC Dynamo war das genaue Gegenteil von Eisern Union. Hätte Jörg den Spruch in ähnlicher Form für den BFC gebracht, wären er und seine Eltern bestimmt heimlich verschleppt, und nach Sibirien deportiert worden.

Der BFC war Parteiliebling und nebenbei Tummelplatz für Hooligans und Skinheads, was im Osten ein und dasselbe war. Eigentlich gab es sie offiziell gar nicht, aber sie wurden eher geduldet als Punks. Nach außen hin wurde das Problem der Neonazis im Fußball durch das Zentralkomitee einfach negiert. Gelangten dennoch Berichte an die Öffentlichkeit, wurde von “westlicher Infiltration” und “reinem Rowdytum” gesprochen, wie immer. Die Stasi nutzte dieses „Potenzial“ auf ihre Weise: Im Herbst 1987 überfielen mehrere BFC-Skins eine Versammlung von Oppositionellen in der Berliner Zionskirche, und machten alles nieder. Die Stasi war schon früh über die “Umtriebe” genauestens informiert, und schritt absichtlich nicht ein. Die am Zionskirchplatz aufgezogenen Volkspolizisten schauten einfach zu bzw. weg. Wegen dieses Überfalls wurde damals interessanterweise ein gewisser André Riechert verurteilt, der Sohn eines Stasi-Majors, der in der Stasi-Verwaltung Berlin für “Rechtsextremismus” zuständig war.

 

1990-91 zogen die BFC Hools auch öfter mal vom Helmut Jahn Stadion die Schönhauser Allee hoch, und machten Stop vor dem besetzten Haus am Senefelder Platz, wo ich zu dieser Zeit wohnte. Dazwischen die Polizei mit Hunden und Schlagstöcken. Dass der BFC so tief gestürzt ist und in der vierten Liga rumdümpelt, find ich super.

 

Das ist meine Geschichte mit beiden Vereinen. Wenn sich also jemand dieses Themas annimmt, dann sollte er oder sie richtig recherchiert haben.

 

Die Taz Autorin Alina Schwermer beschreibt in der Wochenendausgabe die ungewöhnliche Geschichte beider Vereine, piekt auch in die ungern genannte Tatsache, dass 30 Jahre nach dem Mauerfall, die Denke immer noch in Ost und West unterteilt ist. Diese Situation, die sich seit 2015 noch weiter verschärft und beide Deutschlands erneut trennt, wenn auch mit Mauern, die nur im Kopf existieren. Der Zug der Liebe hat nicht umsonst für 2019 das Motto: 30 Jahre Mauerfall – Weg mit den Meinungsmauern in den Köpfen! Wirklich spannend finde ich die Zeitzeugen, die von der Zeit vor den 80ern erzählen, vom Wandel, gerade im Hinblick auf die Fankultur und deren politische Ausrichtung. Ebenso erfahre ich, dass der DFB genau wie die Treuhand agierte und letztlich den DDR Fußball zerstörte. War mir neu, auch wenn es mich nicht allzu überrascht. Die erzählten Geschichten sind ein wunderbar geschriebener Beweis für die Tatsache, dass Schwarz/Weiß Denke nicht funktioniert und Leben Veränderung ist. Das beim BFC der Fanblock aus Pegida Anhängern besteht, während die Jugendteams voller Migrantenkinder sind, zeigt das nur zu gut.

 

Alina Schwermer hat mit diesem Artikel in der taz Wochenzeitung vieles geschafft. Sie hat aufgeklärt und Hintergrundwissen vermittelt. Vor allem hat sie mich unterhalten an diesem Sonntag auf der Terrasse. Da sei ihr auch verziehen, dass sie Bayern Fan ist, denn Bremen ist die einzig wahre Mannschaft.