Artist Interview: Kay Barton

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1) Hey Kay und danke für deine Zeit. Wir fangen mal ganz locker an. Wie bist du zur elektronischen Tanzmusik gekommen? 

Hallo Stefan, hallo Berlin und danke für die Einladung zum Gespräch! Die Liebe zur elektronischen Musik fing bei mir in den 1980er Jahren an, als ich als Kind durch meine ältere Schwester mit Jean Michel Jarre Aufnahmen in Berührung kam. Musik mit Computern zu erzeugen klang für mich irgendwie irre spannend. Zu meinen ersten Platten im zarten Alter von etwa 9 Jahren gehörten zum Beispiel ‚Acid In My House‘ von Kid Paul, ‚Das Omen‘ von Mysterious Art oder Sachen von OFF, dem damaligen Dance Projekt von Väth, Anzilotti und Münzing, welches auch die legendäre Electrica Salsa hervorgebracht hatte.
Als ich gerade zweistellig war, hatte ich auch immer wieder Phasen, in denen ich mich für Industrial und Wave interessierte, wie Nine Inch Nails, Front 242 oder Depeche Mode. Das hörten die höheren Jahrgangsstufen an meiner Schule, und man tauschte Mixtapes. Tja, und dann kam ziemlich schnell Techno und Rave. Meine Schwester schenkte mir zu Weihnachten meine erste Techno-CD mit Titeln von L.A. Style, Dance 2 Trance und Eskimos & Egypt. Ich hatte noch nicht mal einen Player dafür, der kam erst etwas später. Dann kamen erste Mayday Compilations, und es war um mich geschehen: ich bekam Bock, selbst Techno zu machen. Ich besorgte mir den ‚FastTracker‘, eine DOS-basierte Kompositionssoftware, und los ging’s. Mein absoluter Lieblingskünstler damals war Westbam, der mit seinen verschiedenen Projekten um Mayday und Low Spirit ganz schön viel kreatives Zeug abfeuerte. Auch die Sachen, die auf Urban oder Superstition erschienen, fand ich immer klasse. 1996 ging es auf meine erste Loveparade. Fast schon schade, ich hätte gern noch den Ku’damm miterlebt, insbesondere weil ich 1995 auch im Sommer in Berlin war. Irgendwie aber hab ich es verpasst.

2) Du bist ja aus Heidelberg. Wie sieht dort die Aktivität in der Szene aus? 

Ich komme ursprünglich aus Schleswig-Holstein und bin erst 1997 nach Heidelberg gezogen. Als Teenager waren der Tunnel in Hamburg oder das Kraftwerk in Neumünster meine Tanztempel. Heidelberg war und ist speziell. Ganz ehrlich: ich hatte in Heidelberg immer das Gefühl, dass es hier einige alteingesessene Platzhirsche gibt, um die sich das Clubgeschehen weitestgehend dreht. Mit Move D’s Label ‚Source Records‘, hatten wir damals hier auch eine ziemliche Institution für elektronische Musik am Start in dieser doch eher romantisch-beschaulichen Stadt. Clubtechnisch aber gab es hier anfangs keine Läden, die mich interessiert hatten. Wir sind stattdessen immer nach Hessen ins Prodo X, den Paramount Park oder ins Omen gefahren. Auch das U60311 fand ich gut. Erst mit der Eröffnung der Halle02 in Heidelberg hatte ich meinen lokalen Club gefunden, zumindest bis selbiger von einem Kunst- und Kulturprojekt zu einem durchgetakteten Eventort für alles Mögliche avancierte und damit auch der Spirit verloren ging. Ein paar Mal hatte ich dort auch gespielt, aber die Macher wirkten auf mich leider wiederholt etwas, nunja, wenig zuverlässig. Stattdessen habe ich in den späten 2000er Jahren meine eigene Rave-Reihe ‚The Place To Be‘ gestartet, die es irgendwann zu einem kleinen Kultstatus schaffte. Mit zwei Kumpels haben wir das Ganze einmal im Jahr Open Air im Wald veranstaltet und später auch in Indoor-Locations mit drei- bis vierstelligen Gästezahlen. Wenn ich mich heute entscheide, wo ich feiern gehe, dann ist das immer noch eher nicht in Heidelberg. Ein kleiner Club namens Canoa jedoch, in dem ich auch kürzlich einen Rave hosten wollte, der dann wegen Corona ausfiel, wächst mir zunehmend ans Herz.

3) Was reizt dich am Produzieren? 

Es gibt nichts nervigeres, als eine Idee nicht umsetzen zu können. In der Musik sind die Möglichkeiten trotz einer begrenzten Anzahl an Tonleitertönen unbegrenzt. Und auch diese perkussiv-repetetiven Rhythmen, die einfach nur für sich stehen oder Klangteppiche tragen, machen mit Deinem Körper echt ungeahnte, positive Dinge, die für mich bestenfalls in Euphorie münden. Da liegt es für mich auf der Hand, dass man sowas großartiges auch selbst mitgestalten kann. Ich weiß nicht genau, inwieweit eigene Emotionen in meine Musik fließen. Sicherlich passiert das, aber wenn, dann unbewusst. Fakt ist, dass ich natürlich Tracks in verschiedenen emotionalen Stimmungen produziert habe, aber wenn sich das gegenseitig bedingt, dann läuft das eher unterbewusst. Manchmal setze ich mich einfach an die Technik und lasse Zufälle in der Klangerzeugung zu. Das ist übrigens eine Sache, die ich nicht immer konnte. Ich bin ziemlich strukturiert in vielen Dingen und übertrug das früher wohl auch auf meine Musik. Ein A&R bei Sony Music sagte mal über eine House-Nummer von mir, dass das zu verkopft sei. War mir damals nicht so klar, was er meinte. Heute weiß ich es. 

 

4) Wir erleben ja gerade durch dieses olle Coronavirus schwere Zeiten! Wie bewältigst du deinen Alltag und inwiefern hilft dir die Musik dabei?

Ich bin, wie hoffentlich alle, die das dann hier lesen, zuhause. Das geht ganz gut, weil ich mich dank Maisonette und Dachterrasse schon auch innerhalb der eigenen vier Wände mal bewegen und Sonne tanken kann. Im Gegensatz zu meinen Kolleginnen und Kollegen in der Szene bin ich normalerweise eher etwas hinterwäldlerisch, was meine Social Media Aktivitäten angeht und verbringe normalerweise nicht wirklich viel Zeit in den bekannten Kanälen. Das hat sich mit Corona und den ganzen DJ-Set-Streams ziemlich verändert. Meine Frau und ich genießen aktuell eigentlich täglich mindestens einen Stream. Der Club im Wohnzimmer ist nicht dasselbe, aber eine schöne Alternative. Ich habe das Gefühl, dass ich dadurch auch wieder viel mehr Musik konsumiere als sonst. Und man sieht neben den Club-Streams auch mal die Butzen von Anderen, wenn die in ihren Wohnungen spielen. I like.

5) Wenn man deine Aktivitäten auf Beatport etc. verfolgt, haust du ja ordentlich Tracks mit sehr tanzbaren Grooves raus. Einige deiner Tracks sind von sehr bekannten Künstlern geremixt worden. Wie kam es dazu, das Mijk van Dijk für dich, den wie ich finde, großartigen Remix für Oh God gemacht hat?

Die ‚Oh God‘ hatte ich irgendwie an einem Wochenende durchproduziert. Das lief einfach gut von der Idee, dieser harten Synthi-Hook bis zum Beat. Es war der dritte Titel einer EP, die ich gerade fertigstellen wollte, zusammen mit meinen Tracks ‚Macrowave‘ und ‚Control‘. Ich sprach damals mit den Jungs vom Label Emerald & Doreen, für die ich schon einige Remixe gemacht hatte, ob sie sich vorstellen könnten, die EP zu releasen. Ich hatte da schon die Idee, dass ich ein, zwei Remixer mit an Bord haben wollen würde, die mich in diesen intensiven Jahren während meiner ersten Events in Berlin prägend begleitet hatten. Das Label sagte zu, und ich fragte sowohl Mijk als auch Dr. Motte an. Klar, Motte war für mich Loveparade und Mijk’s Sachen kannte ich durch Superstition. Ich schätze beide als Künstler und Wegbereiter der ganzen elektronischen Musik sehr und dachte mir in meinem naiven Leichtsinn, Fragen kostet ja nix. Für mich immer noch etwas erstaunlich war dann, dass beide letztlich zugesagt hatten, Mijk remixte ‚Oh God‘ und Motte ‚Macrowave‘. ‚Control‘ flog dafür allerdings ganz von der EP. Mijk’s Version ist echt genial. Man hört, wie ich finde, in der ganzen Entwicklung des Titels, dass er sich Gedanken gemacht hat. 


6) Was bedeutet für dich Berlin?

Alles und zu vieles geht! *lacht*
Im Ernst, Berlin wäre die Stadt, in die gerade ich mit meiner Liebe zur elektronischen Musik und inzwischen vielen lieb-gewonnenen Freunden vor Ort eigentlich gehören würde. Berlin, DU bist wirklich so wunderbar, da ist schon was dran. Meine Frau und ich kommen immer wieder gern hierhin. Durch meine Raves in den 90ern, allen voran die Loveparades, hat die Stadt einen wichtigen Platz in meinem Herzen eingenommen. Zugleich aber habe ich auch großen Respekt vor ihr, der Historie und eben vor der Tatsache, dass irgendwie immer was ging und geht. Den Spirit nach dem Mauerfall konnte ich zeitlich gesehen nur noch in Ansätzen spüren, weil ich zu jung war. Aber ich habe ihn Mitte der 90er definitiv noch gespürt und er hat mich verzaubert. Ansonsten bedeutet Berlin für mich noch superharte und unendlich lange Winter.


7) Was planst du als nächstes für Releases?

Am 27.7. erscheint meine neue EP ‚Instant‘ auf dem Berliner Label Ballroom, von den Jungs von Kaiser Souzai. Die ist sehr technoid und wird auch einen sehr fetten Remix von Dominik Vaillant mitbringen, der ja aktuell viel geiles Zeug raushaut. Ansonsten habe ich noch einen Track für die Zug der Liebe Compilation 2020 auf Neuhain Records abgegeben.

 

8) Was würdest du dir wünschen, wenn du einen Wunsch frei hättest?

Dass die Welt entwaffnet wird und alle Menschen einander lieben, egal wer, was oder wie sie sind. Easy as that.

9) Glaubst du unsere Szene ist im Augenblick gefährdet?

Jein. Ich glaube, eigentlich nicht wirklich. Wir, die Szene, waren doch immer das proaktive Glied in der Gesellschaft, was sich nicht nur bei harten Tiefschlägen konstant immer neu, anders und bunter erfunden hat als zuvor. Auch wenn die aktuelle Lage schlimmstes vermuten lässt, so bin ich trotzdem der Überzeugung, dass aus dieser Situation auch etwas Neues, Gutes erwachsen kann. Es hat jedenfalls, denke ich, auf allen Seiten genügend Aktivisten und Interessierte, die elektronische Musik und ihre Message genau wie ich lieben und weitermachen wollen. Oft auch aus Idealismus und einfach Spaß an der Sache und das ist doch etwas Gutes. Ich glaube schon, dass es eine Erneuerung geben wird, der auch Dinge zum Opfer fallen werden. Aber es wird nach der Krise, wie auch schon jetzt innerhalb selbiger, wieder mit viel Liebe, Kreativität und guter Musik weitergehen. Sicherlich auch in neuen Konstellationen. Wir erleben ja auch nicht erst seit Corona, wie sich die Szene gegenseitig stützt und unterstützt in schwierigen Zeiten. Künstler treten auf, verzichten aber auf Gagen, Clubs und Organisatoren sammeln Stimmen für Förderung und Fortbestand, sowie Gelder in diversen Aktionen. Und wir haben in vielen Bereichen jede Menge Freiwilligenarbeit, die jetzt natürlich auch aus Homeoffices weitergeht. Das sind, wie ich finde, sehr positive Zeichen! Zusammen mit finanziellen Hilfspaketen der Regierung und viel Engagement werden wir das irgendwie hinkriegen.


10) Das beste Essen nach einem langen Wochenende ist???

Ein sehr reichhaltiges Frühstücksbuffet, wie im Hotel, mit jeder Menge Cappuccino.