Mit dem DYSTOPIE-Festival werden klangkünstlerische Positionen in einer Ausstellung zusammengeführt, die sich mit dystopischen Momenten sowohl unserer Zeit als auch einer imaginierten Zukunft auseinandersetzen. Nicht nur in der Fiktion haben Dystopien in den letzten Jahren immens an Bedeutung gewonnen. Auch in der Realität häufen sich Anzeichen dystopischer Szenarien, ob in autoritär geführten Staaten, in der Bedrohung durch globale Internet-Konzerne, durch drastische klimatische Entwicklungen – oder ganz aktuell durch die Corona-Pandemie. Aber gerade die fiktionale, künstlerische Dystopie trägt immer auch den Keim der Utopie in sich, und sei es nur als Warnung, es nicht so weit kommen zu lassen – was uns zuletzt auch in der Corona-Zeit bewusst wurde, als Venedigs Kanäle für kurze Zeit wieder klar wurden wie auch der Himmel über Peking. KlangKunst im binationalen Austausch

Nach der ersten Doppelausgabe des Festivals DYSTOPIE Berlin Istanbul (2018/2019) ist das diesjährige Gastland Brasilien. Das Festival erweitert sich so durch den interkulturellen Austausch und bietet zudem brasilianischen Klangkünstlern eine  Plattform, was gerade angesichts des jüngsten politischen Umbruchs eine wichtige Rolle spielt. Das Festival ist in Kooperation mit der Universität UNIRIO und dem brasilianischen Netzwerk Sonora Músicas e Feminismos entstanden und soll mit den hier für Berlin produzierten Werken 2021 in Brasilien fortgesetzt werden.

Im Programm des DYSTOPIE-Festivals 2020 zeigen sich im Gegensatz zur ersten Ausgabe im Jahr 2018 weniger technische Utopien/Dystopien sondern vor allem soziale Dystopien, die zum Teil stark auf die gegenwärtige Weltlage Bezug nehmen: Die brasilianische Künstlerin Vivian Cacurri – Teilnehmerin auf den Biennalen São Paulo, Kochi-Muziris Indien und Venedig – reitet mit Gustavo von Ha durch die Kultur des „Sertanejo“, brasilianische Cow-Boys und Girls, und nimmt das Verhältnis dieses Musikgenres zur aktuellen Politik der Naturausbeutung ins Visier. Der ebenfalls aus Brasilien stammende Bruno Gola macht die Besucher über ihre Smartphones zu Mitspielern in seiner partizipativen Klanginstallation „Bruto“ zur brasilianischen Polizeigewalt, die nur mit Hilfe von Handys dokumentiert werden konnte – die Parallelen zu den Anlässen der Black Lives Matter Bewegung sind unverkennbar. In sehr viel abstrakterer Weise nutzt Thom Kubli dystopische Klangaufnahmen (field recordings) aus São Paulo, analysiert mittels Machine Learning  software akustische Meme, Texturen und Rhythmen, um sie dann mit dem Ensemble Adapter auf rein akustischen Instrumenten erklingen zu lassen. Den zweiten Teil dieses wegen Corona auf einen ganzen Nachmittag gestreckten Konzertevents (25.10.) im ehemaligen Maschinenraum der Alten Münze bestreiten die Composer-Performer Chico Mello und Fernanda Farah mit musikalisierten Textfragmenten des brasilianischen Schriftstellers André Sant’Anna: eine Mischung aus Witz, Ironie und political incorrectness.

Die verschiedenen Keller- und Tresorräume der Alten Münze mit ihrer spezifischen Atmosphäre bieten ideale Bedingungen für den großen Ausstellungsteil des DYSTOPIE-Festivals. Darunter zu sehen und zu hören ist Marco Barottis neueste Arbeit „The Egg“ als visuelle Sonifikation der zunehmenden Weltbevölkerung, Giuliano Obicis „ScreenUtopia“, eine raumfüllende Installation, die die Besucher in eine pure Klang-Licht-Welt führt, oder Justin Bennetts endzeitliche Doku-Fiktion über das Kola Super-Deep Borehole bei Zapolyarny im verlassenen Nordrussland, die mit einer akustischen Fahrt ins tiefe Erdinnere endet. Mit dem Open Call zum Festival wurde auch jungen, unbekannten Klangkünstlern eine Möglichkeit gegeben, sich zu präsentieren, darunter der Südkoreanerin Hyunju Oh, die in einer hörspielartigen Rauminszenierung in der unterirdischen Säulenhalle mit den psychischen Auswirkungen des Eingeschlossenseins spielt. Auch Mario de Vega – Professor für Klangkunst in Kassel – zielt mit seiner Performance „El Intruso“ auf dieses Thema, führt jedoch in tiefe, klangliche Abgründe als Materialisation von Unterdrückung und körperlicher Aversion in einer geheimnisvollen Inszenierung. Der Ausstellungsteil setzt sich fort im öffentlichen Raum mit Kerstin Ergenzingers Klanginstallation „Whistleblowers“, für die sie zusammen mit den Sonochoreographic Collective Windhörner gebaut hat, die von
Saiten und induzierten Stimmen angeregt werden (unter der SBahn Jannowitzbrücke) Zwei Sound Walks von Marina Mapurunga und von Milena Kipfmüller (in Kooperation mit Klaus Janek und Lukas Matthaei) markieren nicht nur den physischen Weg von der Alten Münze zum Errant Sound Galerieraum sondern bilden auch ein mediale Brücke nach Brasilien: Mapurunga mit einem persönlichen Bericht aus Brasilien in der Corona-Pandemie, Kipfmüller mit live aus Brasilien dazugeschalteten Musikern. Mit der Coronasituation spielt auch die Vokalperformance von Ute Wassermann, die sich damit auseinandersetzt, wie sie als Stimmkünstlerin noch auftreten kann, wenn jedes Ausatmen gefährlich für die Zuhörer zu sein könnte (17.10.).

Ein besonderes Event im öffentlichen Raum wird Laura Leiners Konzertperformance „Dor de Árvore (Baumschmerz)“ am Spreeufer gegenüber der brasilianischen Botschaft, bei der sie
Klänge aus einer von ihr aus dem Amazonas mitgebrachten Baumwurzel mittels Körperschallaufnehmern hervorholt und mit Live-Elektronik transformiert (22.+29.10.). Der Errant Sound Projektraum wird vor allem als diskursives Zentrum genutzt,
mit einem Online-Symposium und einem Showing zur brasilianischen Klangkunst, an dem man auch über die
Festival-Website teilnehmen kann. Daneben dient der Raum als Präsentationsraum u.a. für die ungarischen Künstler Bence György Palinkas und Kitti Gosztola, die der xenophobischen Stimmung in ihrem Land ein „Wild Garden Utopia“ entgegensetzen, indem sie aus eingewanderten, invasiven Pflanzenarten Musikinstrumente bauen, auf denen dann ungarische Melodien gespielt werden.

Hauptspielort des Festivals ist die ALTE MÜNZE in Berlin-Mitte, die mit ihren Keller- und Tresorräumen vielfältige künstlerische wie historische Bezüge bietet. Daneben dient der ERRANT SOUND Projektraum als Ausstellungsraum für Präsentationen und Diskussionen, und auf dem Weg zwischen diesen beiden Orten, am Ufer der Spree und vis-a-vis zur brasilianischen Botschaft, werden klangkünstlerische Interventionen im öffentlichen Raum stattfinden. Aus dem europaweiten Open Call mit 382 Bewerbungen wurden 15 Projekte ausgewählt. Daneben wurden international renommierte Künstler aus Brasilien eingeladen, so dass insgesamt 22 Werke ausgestellt bzw. aufgeführt werden, unter Beteiligung von mehr als 40 Künstlern. Das Festival versteht sich als Produktionsfestival, so dass die Werke überwiegend Neuentwicklungen sind – teilweise speziell für diese Orte.

DYSTOPIE 2020 Künstlerliste:

Marco Barotti (ITA) "The Egg", Klangobjekt
Justin Bennett (GBR) "Vilgiskoddeoayvinyarvi", 
Klang-Video-Installation
Joana Burd (LIT/BRA) "The Box", Klangobjekt
Roberta Busechian (ITA) "Obscure Clairvoyance", 
Installation mit Webstream
Vivian Caccuri / Gustavo von Ha (BRA) "Vivian & Gustavo", 
Klang-Video-Installation
Stefanie Egedy (BRA) "Bodies and Subwoofers", 
Subbass-Installation
Kerstin Ergenzinger (GER) mit Sonochoreographic Collective:
"Whistleblowers", Klanginstallation Jannowitzbrücke
Bruno Gola (BRA) "Bruto", partizipative Klanginstallation
MSA (Milena Kipfmüller et.al., BRA/GER) "Zero. 
Land der Zukunft", Audio Walk Spreeufer
Thom Kubli (CHE) "Brazil Now", Auftragskomposition, Konzert
Torben Laib (NOR) "inflazione in flagranti", 
interaktive Klanginstallation
Laura Leiner (BRA) "Baumschmerz", Performance am Spreeufer
Marina Mapurunga (BRA) "Dystopian Path", Audio Walk Spreeufer
Chico Mello / Fernanda Farah (BRA) "De-consolation", 
Auftragskomposition, Konzert
Ricardo Moreno (COL) "La Radio Criolla", 
Radio Lounge (Galerie)
Giuliano Lamberti Obici (BRA) "Screen Utopia", 
Audiovisuelle Installation
Hyunju Oh (KOR) "Breath", immersive Hörspiel-Installation
Christian Diaz Orejarena (COL/GER) "Fronteras Visibles", 
Klang-Video-Installation/Lecture
Bence G. Palinkas / Kitti Gosztola (HUN) 
"Wild Garden Utopia", Installation (Galerie)
Bartira + Caetano (BRA) "Sonic Life / Social Death", 
Installation
Mario de Vega (MEX) "El Intruso", performative Intervention
Ute Wassermann (GER) "Aus Atem", Performance 
mit installativer Doku
Ensemble Adapter (Kristj. Helgadóttir, Ingó. Vilhjálmsson, 
Gun. Einarsdóttir, Matth. Engler)

 

Einzeltermine:

Live-Soundwalk Kipfmüller: Sa 17.10., 16.30 Uhr (Ersatztermin bei schlechtem Wetter: So 18.10., 16.30 Uhr) von Errant Sound nach Alte Münze

Vokalperformance Wassermann: Sa 17.10., 18 Uhr – Alte Münze

Präsentation Palinkas: So 18.10., 14-16 Uhr – Errant Sound

Klangperformance Leiner: Do 22.10. und Do 29.10., 17-20 Uhr, am Spreeufer (Rolandufer)

Konzert mit Ensemble Adapter: Mello/Farah + Kubli: So 25.10. um 16 Uhr und um 19 Uhr

Symposium Listening as a tool to blow out the bubble: Sa 31.10. + So 1.11.
15-18Uhr – Errant Sound und online (zoom)
Performance de Vega / Invernon: So 1.11., 19 Uhr

Adressen:
Alte Münze, Haus 3 (Eingang bei Café The Greens)
Molkenmarkt 2 / Mühlendamm
10179 Berlin

Errant Sound
Rungestraße 20
10179 Berlin

Spreeufer zwischen Mühlendammbrücke und Jannowitzbrücke / Rungestr.
Rolandufer
10179 Berlin

Offnungszeiten:

Eröffnung: Fr 16.10., 16 bis 20 Uhr
Ausstellung: 17.10.-1.11., Montag bis Don. 14-18 Uhr – Freitag bis Sonntag 14-20 Uhr

Eintritt:

10 € (inkl. Katalog, Ausstellungsticket gilt auch für Perform./Konzert)