Ich habe euch vor Kurzem in einem ziemlich vernichtenden Artikel über die heutige Instagram-DJ-Generation als eines der wenigen positiven Beispiele für echten Indie Dance genannt. Wie schwer ist es gerade, diesen Sound am Leben zu halten, wenn um euch herum ‚Dark Disco‘ oft nur noch als cooler Filter für belanglosen Business-Techno missbraucht wird?
Wir haben den Artikel gelesen und uns riesig darüber gefreut! Du triffst da einen wunden Punkt: In den letzten Jahren wurde gefühlt alles, was nicht bei drei auf den Bäumen war und weder nach reinem Peak-Time-Techno noch nach klassischem House klang, einfach als „Indie Dance“ oder „Dark Disco“ gelabelt. Das hat das Genre musikalisch ganz schön verwässert. Immerhin tut sich gerade etwas: Beatport hat inzwischen eine neue Kuratorin für den Bereich, die mit „Indie Tech“ ein eigenes Subgenre geschaffen hat, um die Genres wieder sauberer voneinander zu trennen und dem echten Indie Dance wieder Luft zum Atmen zu geben. Das neue Genre soll bald online gehen!
Schwer fällt es uns eigentlich nicht, den Sound am Leben zu halten – im Gegenteil, die Szene fühlt sich lebendiger und hungriger an als je zuvor. Man sieht immer mehr Acts aus unserem Kosmos als Headliner auf großen Festivals und in legendären Clubs. Der Sound schwimmt vielleicht nicht auf dieser extremen Hype-Welle mit wie der 150+ BPM Hardtechno, den viele Kids gerade auf TikTok und Rave-Events abfeiern, aber genau das ist seine Stärke: Er hat Substanz, Groove und Seele statt nur stumpfe Kicks. Wenn wir ins Studio gehen oder an den Decks stehen, denken wir sowieso nicht in starren Genregrenzen. Wir lassen uns treiben und schauen, was passiert. Dass am Ende dieser wilder Mix herauskommt, passiert ganz organisch.
Euer neues Album zitiert Bela Lugosi und die Promo nennt euch ‚Nocturnal Creatures‘. Gleichzeitig habt ihr diesen EBM-Einschlag. Ist dieses ganze Goth- und Vampir-Packaging ein notwendiges Übel, um in der visuell getriebenen Szene noch stattzufinden, oder feiert ihr dieses Klischee wirklich unironisch? Weil, sein wir ehrlich, wer von euch war mal Grufti, oder tanzte grad auf dem The Cure Konzert?
Unser neues Mini-Album heißt Children of the Night – benannt nach meinem absoluten Lieblingszitat von Bela Lugosi aus dem 1931er Dracula: „Listen to them, the children of the night. What music they make!“ Bei uns ist daran absolut gar nichts aufgesetzt oder reines Marketing-Packaging.
Was du aber richtig erkannt hast: Innerhalb der Band ist der Goth-Faktor sehr unterschiedlich verteilt. Max und Jakob waren nie Vollblut-Gruftis, auch wenn beide natürlich The Cure, Depeche Mode oder DAF lieben und deren Sound tief in ihrer musikalischen DNA steckt. Bei mir sieht das ganz anders aus: Ich war im Grunde schon immer Goth, lange bevor ich das Wort überhaupt kannte. Als Kind habe ich „Der kleine Vampir“ verschlungen, später kamen Filme und Serien wie Interview with a Vampire, Dracula, Friday the 13th und alles Düstere, Paranormale von Akte X über Twin Peaks bis Arthur C. Clarke dazu.
Musikalisch war ich als MTV-Kind der 90er anfangs total breit aufgestellt – von Madonna über Guns N‘ Roses, Sisters of Mercy, NIN, The Prodigy, Chemical Brothers bis Nirvana. Aber mit 18 ging die echte Grufti-Phase so richtig los: Ich habe Bands wie Dead Can Dance, Cocteau Twins, This Mortal Coil und Die Form für mich entdeckt, meine Schwester in Thessaloniki wo sie studiert hat besucht und da auf Goth- und Dark-Wave-Partys durchgetanzt. Samt, Lack, schwerer schwarzer Eyeliner, tiefschwarzer Lippenstift, knallbunt gefärbte Haare – das volle Programm. Aus dieser Zeit stammt auch mein DJ-Name Vamparela, den ich mir mit 19 zugelegt habe und bis heute trage.
Ich war damals tatsächlich der einzige Goth in meiner kleinen Universitätsstadt. Niemand sonst lief auch nur ansatzweise so herum – außer zwei Punk-Mädels, die dort genau wie ich eine absolute Minderheit waren. Ich erinnere mich noch genau, wie die beiden eines Tages auf mich zukamen und meinten: „Punks und Goths sind doch verwandt, wir Außenseiter müssen zusammenhalten und Freundinnen werden.“ Das sind wir dann tatsächlich auch geworden!
Goth ist kein Kostüm, das ich für ein Pressefoto überstreife, sondern ein integraler Teil von mir. Ich liebe Fledermäuse, schwarze Katzen, Kreuze und all diese herrlich morbid-romantischen Klischees unironisch: Guilty as charged! Trotzdem bin ich eher Part-time-Goth, da ich sehr offen bin und mich nicht in Schubladen stecken lasse.
In der Presseinfo werdet ihr als ‚Supergroup‘ angekündigt. Dabei seid ihr doch eigentlich im Berliner Underground verwurzelt. Frittenbude, Local Suicide… das war immer eher verschwitzt als glamourös. Wie sehr muss man heute in Berlin solche großen Begriffe auffahren, um sich gegen die Masse an neuen Projekten durchzusetzen?
Der Begriff fiel zum ersten Mal in einer Review über uns, und unsere Promo-Agentin fand ihn offenbar so charmant und passend, dass sie ihn direkt in den Pressetext gepackt hat. Als wir das zum ersten Mal gelesen haben, mussten wir auch erst mal schlucken – „Supergroup“ klingt ja eher nach Cream, Traveling Wilburys oder anderen Rockstars im Seidenhemd, die mit dem Privatjet zum Festival fliegen.
Aber rein definitorisch bezeichnet der Begriff eben ein Projekt von Musikern, die vorher schon mit ihren eigenen Bands oder Projekten unterwegs waren und ihren eigenen Sound mitbringen. In einer Stadt wie Berlin, wo gefühlt an jeder Straßenecke drei neue Live-Acts und zehn DJs gegründet werden, musst du in Promotexten natürlich irgendwie den Kopf aus dem Rauschen strecken. Wenn das Label „Supergroup“ den Leuten klarmacht, dass hier keine Newbies ihre ersten Gehversuche machen, sondern geballte Erfahrung aus Local Suicide und Frittenbude / Kalipo aufeinandertrifft, können wir mit einem leichten Augenzwinkern sehr gut damit leben.
Vom Wave Gotik Treffen bis nach Südamerika: Ihr bespielt bald fette Bühnen. Echter Indie Dance lebt eigentlich vom Frontalzusammenstoß im kleinen, dunklen Club. Wie transportiert man diese Post-Punk-Attitüde auf ein riesiges Festival, ohne dass es zu einer glatten Bühnenshow verkommt? Ich find das ja krass, manchmal wird man da hardcore überrascht und plötzlich rennen alle vor der Bühne mit Siouxsie and the Banshees oder Anne Clark Shirts rum. Japaner haben da ja ebenfalls eine heftige Fankultur.
Für uns ist Indie Dance nie an eine bestimmte Raumgröße gebunden gewesen – es ist vielmehr ein State of Mind. Es ist Clubmusik für Menschen mit einem Indie- oder Rock-Hintergrund, die Songs mit einer greifbaren Struktur, Kanten und Punk-Attitüde wollen. Menschen, die keine Lust auf sterile DJ-Sets haben, bei denen drei Stunden lang derselbe Beat ohne Anfang und Ende durchläuft, sondern die Dynamik, Riffs und Instrumenten-Energie spüren möchten.
Genau das funktioniert auf einer Festivalbühne vor ein paar tausend Leuten genauso intensiv wie im feuchten Kellerklub, solange du die rohe Energie nicht wegbügelst.
Was uns auf Tour immer wieder umhaut, ist genau das, was du ansprichst: Ob in Bogotá, Mexico City, Leipzig oder Paris – plötzlich stehen da Reihen von Kids und Szene-Veteranen in Front 242-, NIN-, The Cure- oder Siouxsie-Shirts und singen jede Zeile mit. Diese weltweite Subkultur ist extrem vernetzt, treu und passioniert. Man merkt sofort, wenn ein Publikum den Schmerz und die Energie in der Musik wirklich fühlt.
Euer Album erscheint unter anderem auf ‚blood red/black marbled vinyl‘. Als jemand, der selbst noch Platten kauft und spielt, muss ich aber fragen: Ist das am Ende nicht reiner Merch? Kauft eure Crowd das wirklich noch, um es auf den Plattenteller zu legen, oder verstaubt das blutrote Vinyl im Regal, während am Wochenende eh alle nur noch eure Spotify-Links streamen? Also wie bei mir, allerdings ohne Spotify. Alles unter Album-Länge ist einfach zu mühsam für den 1210er.
Es ist ganz sicher eine Mischung aus beidem. Natürlich gibt es Sammler, die eine limitierte, marmorierte Pressung wie ein Kunstwerk behandeln, sie ungeöffnet ins Regal stellen oder an die Wand hängen, um das Projekt zu unterstützen. Daran ist auch nichts verwerflich – Vinyl ist heutzutage eben auch ein haptisches Sammlerstück und ein visuelles Statement gegen die reine Verflüchtigung von Musik im Stream.
Gleichzeitig wissen wir aber ganz genau, dass unsere Platten auf echten Plattentellern landen. Wir werden ständig auf Instagram in Stories getaggt, in denen Leute morgens beim Kaffee oder nachts bei einer Pre-Party den Tonarm auf unser Vinyl senken. Und auch bei vielen unserer befreundeten DJs und Musiker dreht sich die Scheibe regelmäßig auf dem 1210er. Für uns als Band war Vinyl von Tag eins an essenziell. Die Musik auf einem physischen Tonträger in der Hand zu halten, das Artwork im Großformat zu sehen und das sanfte Knistern vor dem ersten Basston zu hören – dieses Ritual kann keine Playlist der Welt ersetzen, egal wie bequem Streaming im Alltag sein mag.
Wenn man sich euren Sound anhört, klingt das sehr nach Steinberg, feuchtem Keller und echten Synthies. Lasst uns mal ins Studio schauen: Wie viel davon ist wirklich Hardware und gibt es Fotos für das Interview?
Fotos von unserem Studio gibt es, die sind allerdings von 2023. Seitdem hat sich zwar ein bisschen was verändert, aber you get the picture! Was den Keller angeht: Wir sitzen zum Glück bei Tageslicht, aber beim Synth-Fuhrpark liegst du goldrichtig. Wir arbeiten mit zwei getrennten Studios – Jakob hat sein Reich, Max und ich unseres, das wir uns mit T Raumschmiere und Italo Brutalo teilen. Beide Räume sind bis oben hin vollgepackt mit analogen Schätzen, Drumcomputern, Verzerrern und Effektpedalen. Dieser druckvolle, dreckige analoge Biss lässt sich rein digital einfach schwer faken. Gleichzeitig sind wir keine Dogmatiker: Wir lieben die Wärme und den Eigensinn von Synths, nutzen aber auch Ableton.

Italo Disco der 80er, New Wave, EBM, früher 00er Electroclash… eure Einflüsse lesen sich wie ein Best-of der letzten Jahrzehnte. Warum klammert sich die elektronische Szene aktuell so an die Vergangenheit? Ist musikalisch einfach alles gesagt, oder warum muss heute jeder ’neue‘ Sound so klingen, als wäre er schon vor zwanzig Jahren produziert worden? Also erst 80er, dann 90er… jetzt ist es grad irgendwie 2000er plus 90er.
Ich glaube nicht, dass musikalisch alles gesagt ist, aber Musik bewegt sich nun mal in Zyklen. Jede Generation von Produzenten greift instinktiv auf die Klänge zurück, die sie in ihrer Jugend geprägt oder emotional berührt haben, und rekontextualisiert sie. Die Einflüsse, die wir im Pressetext nennen, dienen natürlich auch als Wegweiser für Hörer: Wenn du den Bass-Drive von EBM, die Melancholie von New Wave und die rotzige Unbekümmertheit des frühen Electroclash magst, bist du bei uns zu Hause.
Für uns geht es aber nie darum, die Vergangenheit sklavisch zu kopieren. Wir wollen kein nostalgisches Reenactment machen. Wenn wir im Studio sitzen, versuchen wir nicht, wie eine Band aus dem Jahr 1984 zu klingen, sondern eher retrofuturistisch zu denken: Was passiert, wenn man diese rohe Energie, diese markanten Bassläufe und die New-Wave-Ästhetik nimmt, sie aber mit heutigem Bassdruck, moderner Produktionstechnik und unserem ganz eigenen Songwriting auflädt? Musikgeschichte ist kein Museum, in dem man nichts anfassen darf, sondern eine riesige Farbpalette und wir bedienen uns einfach, wie wir gerade Bock haben.
Ihr seid ein Trio, bestehend aus einem griechisch-deutschen Ehepaar und einem bayerischen Electro-Punk-Produzenten. Das klingt auf dem Papier nach einem flotten Setup. Dina hat wahrscheinlich den Hut auf, oder macht ihr manchmal auch Vorschläge?
Haha, schön wär’s! Ich wünschte manchmal, ich könnte einfach durchregieren! Im Ernst: Ich bringe natürlich sehr viele ein, aber am Ende des Tages sind wir eine echte Demokratie. Bei uns treffen griechisches Temperament und bayerischer Dickschädel aufeinander – das sorgt im Studio für unglaublich spannende Reibung, aber genau daraus entsteht die Energie unserer Tracks. Jeder von uns hat seine klaren Stärke, alle finalen Entscheidungen treffen wir aber immer zu dritt und so sollte es auch sein!
Danke für das schöne Interview!





