Medienpartner gesucht? Garnicht so einfach. Denn viele sind einfach verschwunden. Und das ist auch schon das Thema, um das es geht. Der Verfall der Musik Medien. Der Abgesang einer Ära. Wer glaubt, das Verschwinden von De:Bug oder Kultmucke sei reines lokales Missmanagement, liegt falsch. Der angloamerikanische Raum blutet genauso aus. Die Einstellung der Print-Ausgabe des NME (New Musical Express) 2018, das Ausdünnen von Bandcamp Daily, die Demontage von Pitchfork durch Condé Nast Anfang 2024 zeigen, dass selbst die „Giganten“ fallen.
Wie das Analyse-Institut MIDiA Research in ihrem Bericht „The crumbling of music media is a disaster for the music industry“ feststellt, bricht der Branche gerade ein wichtiges Werkzeug weg, um überhaupt noch echte Subkulturen aufzubauen. Was da gern mal als Konsolidierung des Marktes verkauft wird, ist in Wahrheit der Verlust jeglicher institutioneller Autorität in der Musikkultur. Und nein, sie wird nicht ersetzt durch andere Medien oder Social Media. Meinungen sind keine Fakten. Das muss immer Grundkonsens sein. Wer sich für seine Nasen OP von einem TikTok Influencer beraten lässt, hat es fast nicht besser verdient.
Die Mediensoziologie liefert eine ziemlich bittere Erklärung dafür, warum echter Musikjournalismus stirbt: Er hat seine kulturelle Autorität verloren. In der aktuellen Forschung (wie etwa in Essays zur „Domestication of Music Criticism“) wird deutlich, wie sehr Social Media die Distanz zwischen Künstler, Kritiker und Fan zerstört hat.
Molly Phelan schreibt in “Music Criticism & Consumption In The Digital Age” (Final Research Paper)
Der Übergang von Printmedien zu digitalen Foren und Content-Influencern hat die Rhetorik der Musikkritik grundlegend verändert. Was früher eine journalistische Einordnung war, ist heute eine aggressive Form der Bewertung, die darauf abzielt, soziale Hierarchien zu etablieren. Künstler, die in das Raster von einflussreichen „Tastemakern“ passen, werden zu Symbolen eines „gehobenen Geschmacks“, während andere ignoriert oder abgestraft werden.
Musikkonsum ist im digitalen Zeitalter zu einer Performance geworden. Indem Nutzer spezifische, oft obskure Playlists oder Alben auf sozialen Netzwerken teilen, signalisieren sie ihre Zugehörigkeit zu bestimmten Subkulturen. Das Ziel ist die „Hyper-Differenzierung“: Man will um jeden Preis vermeiden, als „Mainstream“ wahrgenommen zu werden, um sich durch die eigene, angeblich exklusivere Musikauswahl vom „Herdentrieb“ abzuheben.
Die moderne Kritik neigt dazu, Musik von Künstlern mit psychischen Problemen oder Traumata (Outsider Music) als intellektuell überlegen zu framen. Dies ist eine Form der Ausbeutung: Das Leid des Künstlers wird ästhetisiert und als „authentisch“ vermarktet, während der Konsument sich moralisch überlegen fühlt, weil er „schwierige“ Kunst „versteht“. Ich musste schmunzeln.
Quantifizierte Bewertungssysteme (wie die 10.0-Skala von Pitchfork) haben die Musikbranche so weit standardisiert, dass Künstler ihre Arbeit bewusst auf diese Metriken zuschneiden. Diese „Kultur der Kritik“ schafft eine Atmosphäre, in der künstlerische Bedeutung nicht mehr intrinsisch entsteht, sondern durch die Akzeptanz in anonymen Foren und algorithmischen Empfehlungen validiert wird. Letztlich bestätigt sich hier Bourdieus These: Geschmack ist kein freier Wille, sondern die Zurschaustellung der eigenen sozialen Klassenzugehörigkeit.
Dalla Riva nutzt in „How Music Criticism Has Changed“ die Plattform Pitchfork als eine Art „Modellorganismus“ für den gesamten Musikjournalismus.
Er hat über 22.000 Rezensionen der Plattform aus den Jahren 1999 bis 2021 ausgewertet. Die Ergebnisse zeigen, wie eine einflussreiche Plattform ihre Strategie an den Markt angepasst hat (vom Indie-Rock-Zine zum breiteren Kultur-Magazin unter Condé Nast). Man kann nicht blind davon ausgehen, dass sich zum Beispiel Rolling Stone, Resident Advisor oder kleinere Blogs exakt identisch entwickelt haben. Dennoch sind die beobachteten Verschiebungen, also der Fokus auf Produktion, das „Vibe-Schreiben“ („feels like“) und die genre-technische Ausweitung, Phänomene, die man aktuell fast überall im digitalen Musikjournalismus beobachten kann.
Seine Ergebnisse:
Die Musikkritik ist nicht „snootiger“ geworden. Sie war schon immer auf diesem Niveau. Wir bilden uns nur ein, dass die Texte früher anspruchsvoller waren. In Wahrheit hat sich die Sprache lediglich an die moderne Art und Weise angepasst, wie wir Musik konsumieren: Wir hören nicht mehr auf das Songwriting, sondern auf die „Vibes“ und die Produktion.
Pitchfork hat seine indie-rock-zentrierte Identität geopfert, um relevant zu bleiben. Der drastische Rückgang bei Rock-Besprechungen zeigt, dass auch die „unabhängigen“ Gatekeeper sich dem massenwirksameren Hip-Hop und Pop beugen mussten, um in der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie nicht zu verschwinden.
Dass Kritiker heute ständig schreiben, wie sich Musik „anfühlt“ („feels like“), ist ein Eingeständnis der Kapitulation. Da Musikproduktion heute so komplex und technologiegetrieben ist, fällt es den Schreibern schwer, die handwerkliche Qualität (Komposition) zu benennen. Also flüchten sie sich in subjektive Metaphern, um den Klang eines Tracks halbwegs greifbar zu machen.
Damit wären wir rein zufällig auch beim letzten Thema:
„The Domestication of Music Criticism“ von Emily Knoeppel kommt zu der Erkenntnis:
Musikkritik ist nicht tot, sie ist nur kastriert. Um zu überleben, haben sich die Medien der „Influencer-Ökonomie“ unterworfen. Wer heute noch echtes Urteilsvermögen beweist, gilt als arroganter Eindringling in die „Safe Spaces“ der Fan-Identitäten. Resultat: Die meisten Rezensionen sind heute nur noch verkappte Pressemitteilungen.
Da echte Rezensionen nur noch zu Shitstorms und Kontaktverlusten zu den Labels führen, haben sich Magazine wie Rolling Stone auf Interviews verlegt. Diese sind intellektuell wertlos, dienen aber perfekt als PR-Instrumente für die Künstler-Persona. Es findet keine Auseinandersetzung mehr statt, weder mit der Musik noch mit den moralischen Abgründen.
Die goldene Ära der Kritik basierte auf der klaren Trennung zwischen Künstler und Schreiber. Heute sitzen alle im selben Internet-Graben. Wenn ein Kritiker den Künstler „kennt“ (oder von dessen PR-Team abhängig ist), ist es unmöglich, die Arbeit ernsthaft zu sezieren. Kritiker sind heute Teilnehmer der Fan-Bubble, nicht mehr deren Korrektiv.
Dank der Stan-Kultur sind Künstler wie Taylor Swift zu Repräsentanten ganzer Subkulturen geworden. Ein schlechtes Review ist kein Urteil über ein Album mehr, sondern ein Angriff auf die gesamte Community. Die Branche reagiert darauf mit vorauseilendem Gehorsam und einer „positiven Berichterstattung“, die so glattgelutscht ist, dass sie in jedes Werbe-Deck für Investoren passen würde.
Wenn jeder ein „Kritiker“ ist, ist niemand mehr einer. Wir bewegen uns in einer Kultur der gegenseitigen Affirmation, in der man sich nur noch traut, das zu feiern, was den eigenen sozialen Status im digitalen Raum nicht gefährdet. Wahre Kritik ist in dieser ökonomischen Struktur kein notwendiges Instrument mehr, sondern ein Störfaktor, der systematisch weggefiltert wird.
„How Music Criticism Lost Its Edge“ von Kelefa Sanneh kommt zu ähnliche Schlüssen:
Früher war der Verriss eines schlechten Albums eine Kunstform (siehe Greil Marcus oder Lester Bangs). Heute ist es ein soziales Risiko. Wer heute schreibt, dass ein Album „Müll“ ist, erntet keine intellektuelle Debatte, sondern Morddrohungen. Die Branche hat kapituliert: Die meisten Kritiker haben gelernt, dass „the juice ain’t worth the squeeze“, der Ärger lohnt den Aufwand nicht.
Kritik an der Musik wird als Angriff auf den Fan-Stamm wahrgenommen. Wenn eine Rezension nur noch darauf zielt, niemanden zu beleidigen, ist sie wertlos. Wir leben in einer Ära der „Sweet, bland commendations“, die alles überziehen, bis keine Aussage mehr übrig bleibt.
Die Industrie produziert „Algorithm-Trash“, der darauf ausgelegt ist, konsumierbar zu sein. Die Kritik, die eigentlich als Korrektiv dienen sollte, traut sich nicht, das anzusprechen, aus Angst, als „elitär“ zu gelten. Das Ergebnis ist eine musikalische Landschaft, in der alles „irgendwie okay“ ist.
Während wir uns also ernsthaft einbilden, durch das Internet „aufgeklärter“ zu sein, haben wir in Wahrheit das Urteilsvermögen gegen Konformität getauscht. Wie Sanneh richtig bemerkt: Die Zeit der „süßen 2010er-Jahre“ der Kritik ist vorbei, aber ob wir den Mut finden, wieder mit „Essig“ (echter, beißender Kritik) zu schreiben, bleibt abzuwarten.
………
Früher war der Kritiker mal ein unabhängiger Filter, eine echte Instanz sozusagen. Heute teilen sich alle denselben digitalen Raum. Die Folge? Echte, harte Kritik wird gesellschaftlich sanktioniert. In einer Zeit, in der das Bewerten von Kunst von der Generation TikTok als „Gatekeeping“ und damit fast schon als moralisches Versagen gebrandmarkt wird, wollen Konsumenten keine kritische Auseinandersetzung mehr. Sie suchen lediglich Bestätigung für ihre eigene Identität. Wenn ein Kritiker heute ein mittelmäßiges Album verreißt, wird er nicht als Experte respektiert, sondern von toxischen Fan-Armeen gedoxxt.
Die logische Konsequenz: Redaktionen kapitulieren, kühlen ihre Sprache runter und weichen in eine weichgespülte Gefälligkeitsberichterstattung aus, die niemandem wehtut.
UND VERLIEREN GANZ NEBENBEI IHRE EXISTENZBERECHTIGUNG.
Die großen Release Verrisse in der De:Bug o. Frontpage von DJ Bleed waren damals nicht bloßes „Hatespeech“ oder destruktives Rumgehacke. Sie waren eine Form von Qualitätssicherung. Wenn ein Redakteur eine Platte in der Luft zerrissen hat, dann meistens, weil er die Szene respektiert hat. Er hat erwartet, dass da Substanz kommt, und wenn der Künstler nur lieblos produzierte Konserven abgeliefert hat, wurde das eben offen adressiert.
Das hatte zwei Funktionen:
Erstens natürlich als Messlatte: Es gab einen Standard. Wer Musik veröffentlichte, musste damit rechnen, dass jemand mit Ahnung unter die Motorhaube schaut. Das hat eine gewisse Demut erzwungen und verhindert, dass jeder zweite mittelmäßige Sound-Entwurf als „Innovation“ durchgewunken wird.
Und zwietens als Filter. Als Orientierungshilfe. In einer Zeit, in der das Angebot explodierte, war die vernichtende Kritik der Dienst am Leser. Sie hat dir Zeit beim Plattenkauf erspart.
Ein Verriss generiert natürlich keinen Traffic von glücklichen PR-Agenturen. Wenn du ein Release verreißt, kriegst du beim nächsten Mal keine exklusiven Interviews mehr, keine Premieren, keine Einladungen. Die Branche hat sich ein System aus „Access Journalism“ aufgebaut: Wer nett zum Label ist, darf exklusiv über den Release berichten. Eine Hand wäscht die andere, oder wie auch immer. Wie wir vorhin besprochen haben: Heute ist Kritik ein „Angriff“. Wenn du heute ein Release oder auch Genre Erfindungen (was hatte ich Spaß beim letzten Artiklel….) hart kritisierst, kommen die Fans aus ihren Echokammern und fluten deine Kommentare mit Unterstellungen von Gatekeeping oder Elitarismus. Oder Unwisen. Mein definitives Lieblingsgemecker.
Ein veriss könnte dabei so wunderbar klingen:
„Man muss es fast bewundern, mit welcher konsequenten Erfolglosigkeit hier versucht wurde, Musik zu komponieren. Das vorliegende Release ist keine künstlerische Äußerung, sondern eine Ansammlung von Software-Fehlentscheidungen. Schon nach vier Takten diagnostiziert das geschulte Ohr eine klangliche Anämie, die ihresgleichen sucht: Die Kickdrum – falls man das schwammige, frequenztechnisch völlig undefinierte Wummern überhaupt so nennen darf – besitzt weder den notwendigen Punch in den unteren Mitten, noch eine definierte Transiente, die den Raum im Club überhaupt erst akquirieren könnte. Es ist ein physikalisches Trauerspiel.
Der harmonische Aufbau ist ein Lehrstück in musikalischer Bankrotterklärung. Wir hören hier nicht etwa das Resultat einer durchdachten modalen Komposition, sondern die rein zufällige Überlagerung von Presets, die in einer klinisch toten DAW-Umgebung zusammengeschustert wurden. Die Modulation? Nicht existent. Die Filter-Fahrten wirken, als hätte man das Cutoff-Potentiometer einem unbeteiligten Zufallsgenerator überlassen, der jegliches Gespür für die rhythmische Phrasierung vermissen lässt. Es gibt hier keinen Aufbau, keine Dramaturgie, keinen Spannungsbogen – nur eine monotone, ermüdende Aneinanderreihung von Datenpaketen, die das Ziel verfolgen, den Hörer durch schiere Einfallslosigkeit in einen Zustand der geistigen Apathie zu versetzen.
Das ist keine Produktion für den Dancefloor; das ist die akustische Entsprechung einer sterilen Wartezimmer-Beschallung, die sich fälschlicherweise für ‚minimalistisch‘ hält. Dass man so etwas überhaupt unter dem Label ‚Techno‘ veröffentlicht, ist ein Affront gegen jeden, der jemals begriffen hat, wie man durch den gezielten Einsatz von Obertönen und phasenkorrekten Bässen eine wirkliche klangliche Architektur erschafft. Man kann dem Produzenten nur raten: Entweder man setzt sich hin, lernt die Grundlagen der harmonischen Progression und der Frequenzselektion – oder man hört einfach auf, die ohnehin schon überfüllten Kanäle mit solchem klanglichen Sondermüll zu fluten. Es ist handwerkliche Bankrotterklärung, garniert mit dem unerträglichen Hochmut derer, die für ‚Content‘ halten, was in Wahrheit nur akustischer Abfall ist.“
Nun ja, der Mensch ist gone und Algorithmen sind die neuen Chefredakteure. Ein weiterer zentraler Punkt aus der Medienforschung ist nämlich die Verschiebung der Kuration. Formate wie Pitchfork oder eben auch früher die Frontpage basierten auf einer redaktionellen Prämisse: Eine Gruppe von Leuten mit massiv viel Fachwissen (allgemein als Nerds bekannt) sagt dir, welche Platte wichtig ist und warum. Heute wird diese redaktionelle Auswahl durch Distribution ersetzt. Spotify-Playlists und der TikTok-Algorithmus (alleine das schon „rithmus“ in diesem Wort steckt… erzeugt Hassgefühle) übernehmen die Rolle des NEXT BIG THING Propheten. Blöderweise hat ein Algorithmus hat keine Haltung. Er erklärt dir nix und spielt das aus, was deine bisherigen Hörgewohnheiten bestätigt. Wie unfassbar öde ist das denn bitte? Deine musikalische Entwicklung ist also exakt NULL. Wenn der „Kurator“ also durch Code ersetzt wird, stirbt die Subkultur, weil es keinen Raum mehr für das Unbekannte, Sperrige oder Unbequeme gibt. Kommt dir bekannt vor? Ja, es ist soweit.
Die Ökonomie dahinter ist erschütternd simpel und wird von Marktbeobachtern immer wieder zitiert: Die Werbung folgte dem Publikum auf die digitalen Plattformen, und das Publikum folgte der Musikentdeckung ins Streaming. Oder auf Deutsch: Ende Gelände.
Die klassischen Refinanzierungsmodelle sind von mehreren Seiten gleichzeitig implodiert. Früher hatten Musikmedien ein Monopol auf die Aufmerksamkeit der Hörer. Heute konkurriert ein 10.000-Zeichen-Interview über modulare Synthesizer mit Millionen von Katzenvideos und Rage-Bait-Postings auf Meta. Das Kuriose dabei: Selbst hochgradig engagierte Nischen-Communitys retten dich nicht mehr. Dass Pitchfork letztlich eingestampft und in das Lifestyle-Ressort von GQ integriert wurde, lag nicht an mangelnder Reichweite, sondern daran, dass die Konzernführung keinen Weg fand, tiefgründigen Journalismus in der heutigen Aufmerksamkeitsökonomie noch profitabel zu monetarisieren. Tiefgründig ist einfach so 90er… ganz ehrlich: Wer soll den ganzen Scheiß denn lesen und warum? Du lässt heutzutage ja auch die KI für dich denken, bist du dann im Bewerbungsgespräch so richtig hart versagst, weil du irgendwie verinnerlicht hast, dass prompten ja schon Wissen ist. Ja sorry, aber nein.
Ich könnte jetzt den Bogen schlagen und behaupten dass das Berliner Club-Sterben und das Medien-Sterben zwei Seiten derselben Medaille sind. Es ist nicht einfach nur „Pech“ es ist die logische Folge eines Marktes, in dem Bequemlichkeit und Anpassung die Kontrolle übernommen haben. Aber nee, das schreibe ich gern ein anderes Mal runter.
Dass diese ganze Medienlandschaft weggestorben ist, war ein schleichender Prozess, bei dem ein paar sehr konkrete Entwicklungen zusammenkamen. Ganz nüchtern betrachtet sind es folgende Punkte, die dem Musikjournalismus das Genick gebrochen haben:
Die fatale Umsonst-Kultur. Wir erinnern uns. Alles musste im Netz umsonst sein. Bis uns die Abo Modelle der großen Konzerne so richtig hart … na ihr wisst schon. Anfang der 2000er dachten alle Verlage, man könne redaktionelle Inhalte im Netz einfach verschenken und das Ganze über Banner finanzieren. Print-Magazine hatten sich durch den Heftverkauf und sündhaft teure Anzeigen getragen. (Ohne die Chance auch nur ansatzweise den Erfolg messen zu können.) Als die Leute merkten, dass sie News, Reviews und Termine online gratis abgreifen können, war die Bereitschaft, für Musikjournalismus zu zahlen, von heute auf morgen tot. Naja und Print war irgendwann ab 2011 eben auch tot.
Es ist immer wieder spannend wie alles miteinander verbunden ist. Eine kurze Unterbrechung für eine historische Betrachtung der Ursachen des Untergangs:
- iTunes und das Ausbluten der Kassen (ab 2003) Bevor das iPhone überhaupt auf dem Markt war, hat iTunes (zusammen mit Napster und Co. davor) das physische Produkt entwertet. Der iTunes-Store hat das Album entbündelt und die Leute darauf trainiert, für Musik im Netz nur noch Centbeträge zu zahlen.
- Bis zur Finanzkrise 2008 hielten viele Magazine ihre Anzeigenpreise künstlich hoch. Als die Budgets der Musikindustrie und der Event-Veranstalter durch die Wirtschaftskrise weggingen, brachen die Anzeigen weg, und es gab es kein Auffangnetz mehr. Und die Abos reichten nie, um die Redaktionsstrukturen weiter zu finanzieren.
- Der „iPhone-Moment“ (ca. 2009–2011) änderte die Nutzungsgewohnheiten radikal. Mit dem Smartphone hast deine Infos aus Blogs, Foren und den ersten sozialen Netzwerken gezogen. Die Zeitschrift wurde vom „Begleiter durch die Szene“ zum „veralteten Wochenrückblick“. Wer will noch eine Rezension von ner Platte lesen, die man vor drei Wochen schon über einen illegalen Rip gehört hat?
Das Sterben der „Laden-Kultur“ (ca. 2010–2012)
Die Plattenläden und die Clubs, die früher die Auslage für die Magazine waren, veränderten sich. Das Print-Magazin lag nicht mehr auf dem Tresen, weil der Plattenladen selbst durch den digitalen Wandel (MP3s) in die Pleite getrieben wurde. Ohne die physische Präsenz an den kulturellen Hotspots verschwand das Print-Magazin aus dem Bewusstsein der Leute.
Um 2012 herum hat sich das Narrativ der „kostenlosen Information“ final durchgesetzt. Die Generation, die mit dem Smartphone in der Hand zur Welt kam, sah ein Magazin nicht mehr als ein Objekt an, für das man Geld ausgibt, sondern als ein Werbeblatt, das man bestenfalls kostenlos im Club mitnimmt. Sobald die Zahlungsbereitschaft für Journalismus auf Null gesunken war, war Print, zumindest im Sinne eines tragfähigen Geschäftsmodells, in der Nische tot.
Alles, was danach kam, also die Schließungen von Intro, Groove (Print) oder die Umstrukturierung von Spex war nur noch die formelle Bestattung eines Körpers, dessen Amplitude schon Jahre vorher aufgehört hatte zu vibrieren…. oszilieren, zu schwingen… ach egal.
Weiter geht’s…
Früher hat ein Club oder ein Label sein Budget direkt in die De:Bug, die Zitty oder auf Portale wie Nachtagenten gepumpt. Heute wandern 90 Prozent dieser Kohle automatisiert zu Meta, Google oder TikTok. Algorithmen sind für Unternehmen effizienter als eine handgemachte Kampagne auf einem Nischen-Blog. Die Finanzierungsgrundlage der Magazine ist schlichtweg ins Silicon Valley abgewandert. Auch, und das ist auch eine Wahrheit: weil sie MESSBAR waren.
PR ersetzte Journalismus
Journalismus ist anstrengend, weil er auch mal ein beschissenes Album verreißt oder unangenehme Fragen stellt. Die Musikindustrie und die großen Festival-Veranstalter hatten darauf irgendwann keine Lust mehr. Warum sich von einem Redakteur kritisieren lassen, wenn man einfach ahnungslose Influencer einkaufen kann, die für ein VIP-Bändchen jeden Pressetext unreflektiert abtippen? Reichweite hat schlichtweg inhaltliche Qualität abgelöst. Dann hampeln da irgendwelche Leute rum, und berichten wie AWESOME das doch alles ist. Sicher Digga.
Die Eventisierung der Szene tut ihr übriges. Aus einer überschaubaren, nerdigen Subkultur ist eine gigantische Freizeitindustrie geworden. Wie die Borg, nur das sie Tomorrowland heißen. Es geht nur noch um schnelle Infos. Wer da noch den kulturellen Erklärbär spielen will, sendet gnadenlos am Bedarf der Masse vorbei.
Tja und nun? Keine Ahnung. Der Text ist definitiv dem Video gewichen. Das verkürzt die ganze Sache natürlich enorm. Deshalb ist eher Meinung am Start, denn Analyse. Irgendwo auch verständlich. Es kostet echt Zeit und Mühe sowas langes wie das hier zu fabrizieren.





