Es war eine Schlagzeile, die in der Berliner Blase für hochgezogene Augenbrauen sorgte: Ein neuer Großclub eröffnet. Nicht in Lichtenberg, nicht in Neukölln und erst recht nicht im Mitte-Gürtel. Sondern in Spandau. Am Brunsbütteler Damm, dort, wo Berlin sich langsam in Richtung Staaken und Falkensee auflöst, wollte der AM Club das Unmögliche wagen: Den Techno-Vibe aus dem S-Bahn-Ring in die „tiefste Provinz“ des Westens exportieren.
Lange bevor der Name „Alte Meierei“ offiziell wurde, kannten viele die Venue als Alte Molkerei. In dieser Zeit war sie eine feste (wenn auch abgelegene) Größe in der Goa- und Psytrance-Szene. Die Partys liefen sehr unbeständig. Es gab zwar legendäre Nächte gab, aber auch totale Flops. Um 2015 änderte sich alles. Ein Investor steckte rund vier Millionen Euro in das Gebäude, um die „Alte Meierei“ als hochwertige Event-Location für bis zu 800 Personen zu etablieren.
Die Events: Ab diesem Zeitpunkt liefen dort eher Corporate Events, Agentur-Sommerfeste und After-Work-Partys unter dem Namen „Spandau tanzt“. Die Zielgruppe: Es ging weg vom „Schmuddel-Image“ des Untergrunds hin zu einem schicken Warehouse-Look mit Industrie-Charme. Das Publikum war lokal geprägt oder kam für geschlossene Veranstaltungen aus der ganzen Stadt. Der Ort verlor seine „Seele“ als Club. Er wurde zu einer Miet-Location, die zwar toll aussah, aber keine feste Community mehr hatte.
Und nun war nach nur 76 Tagen und zwei Partys einafch Schluss. Das Experiment ist Geschichte. Was bleibt, ist die Frage: War Spandau einfach nicht bereit, oder war das Projekt von Anfang an ein „Fremdkörper“?
Die Vision: Techno hinter der Wildschwein-Grenze
Die Ausgangslage klang auf dem Papier fast logisch. In einer Stadt, in der Traditionsläden wie das Watergate die Segel streichen und Mieten innerhalb des Rings astronomisch steigen, muss die Clubkultur wandern. Mit rund 250.000 Einwohnern ist Spandau eigentlich eine eigene Großstadt, also ein potenzieller Markt, den man nicht unterschätzen sollte.
Das Team hinter dem AM Club versprach eine Brücke zwischen „Oldschool und Newschool“. Das Setting: Ein Warehouse-Look in der Alten Meierei, eine Location, die manchen noch von Psytrance-Partys bekannt war. Doch schon bei der Ankündigung regte sich der Berliner Hochmut. In den Foren (RR) wurde gewitzelt: Ist das noch Nord-Berlin? Braucht man für den Weg ein Visum? Und wird man am Morgen nach der Party von Wildschweinen im Forst begrüßt?
Der Zielgruppen-Check: Dahlem vs. Brunsbütteler Damm
Das Hauptproblem des AM Clubs war vermutlich ein fundamentales Missverständnis der lokalen Geografie. Wer sollte hier tanzen?
- Die Ringbahn-Raver: Für sie fühlte sich der Weg nach Spandau an wie eine Weltreise. Warum 45 Minuten in den Westen fahren, wenn man in 20 Minuten im RSO oder Sisyphos sein kann?
- Die lokale Jugend: In Spandau, Staaken und Falkensee gibt es zwar eine riesige junge Bevölkerung, doch die Identifikation mit dem „Underground-Techno-Gedanken“ der Berliner Mitte ist hier oft weniger ausgeprägt. Und seien wir ehrlich, sie nimmt auch weiter ab seit Corona.
Das Ergebnis beim Opening am 29. November war eine weirde Mischung: Studenten aus Dahlem, die den Weg als „Exkursion“ begriffen, trafen auf lokale Gäste im „Jeans-und-Hemd“-Style. Es funktionierte kurzzeitig, aber die Chemie stimmte nicht dauerhaft. Der Club wirkte wie ein Implantat, das vom Körper Spandau nicht richtig angenommen wurde.
Der Clash: Kommerzielle Eventhalle vs. Underground-Ideal
Hinter den Kulissen scheint es zum klassischen Bruch gekommen zu sein. Die Macher und die Location-Betreiber waren sich offenbar uneinig, was der AM Club eigentlich sein sollte.
„Unsere jeweiligen Visionen und Ziele waren nicht vollständig aufeinander abgestimmt“, hieß es im Abschieds-Statement.
Es steht die Vermutung im Raum: Die Betreiber der Alten Meierei wollten vielleicht einfach nur eine gut gebuchte, profitable Eventhalle, die das Publikum aus dem Umland (Falkensee/Staaken) abgreift. Das Kollektiv hingegen wollte einen „echten“ Underground-Club mit Kuratierung und Szene-Anspruch etablieren. Zwischen dem Druck, die Fixkosten einer riesigen Location einzuspielen (Kommerz), und dem Wunsch, „cool“ zu bleiben (Underground), zerbrach vielleicht das Projekt.
Das Ende der „Gerontenparty“
Auch der Generationen-Konflikt spielte eine Rolle. Während die „alten Hasen“ der Berliner Szene in ihren Foren hämisch beobachteten, wie junge Kollektive versuchten, Spandau zu „gentrifizieren“, fehlte dem Projekt die nötige Zeit, um eine eigene, loyale Crowd aufzubauen. In einer Zeit, in der Clubs Monate oder Jahre brauchen, um eine Seele zu entwickeln, war nach zwei Nächten bereits die Luft raus.
Das Team zieht nun weiter, nennt sich auf Social Media bereits AM:PM und sucht nach neuen Off-Locations. Spandau hingegen bleibt das, was es vorher war: Ein Bezirk mit viel Wald, viel Wasser und, zumindest vorerst, einer sehr überschaubaren Auswahl an Techno-Floors.
Aber ganz ehrlich… seit ich in Hermsdorf wohne, schätze ich Wald und Wasser sehr.





