Pünktlich zum Internationalen Frauentag liefert uns die Wissenschaft einen ordentlichen Realitätscheck: Junge Männer der Gen Z werden wieder konservativer, teilweise sogar regressiv. Oder schlicht rückständige Arschlöcher. (Konservativ wäre in diesem Fall wohl schlichtweg ein Euphemismus und unfair gegenüber konservativen Ansichten.)

Die Kernergebnisse der Studien

Es ist wohl tatsächlich so, dass in einigen Bereichen der „Gender-Gap“ zwischen jungen Frauen und jungen Männern größer wird. Während junge Frauen immer liberaler werden, tendiert ein Teil der jungen Männer wieder zu traditionelleren Rollenbildern. Seit Jahren bekannt ist das Phänomen rund um Berlin durch die Stadtflucht junger Frauen, während die Jungs fröhlich „arbeitsloser Neonazi“ spielen. Sie hatten da wirklich eine Vorreiterrolle.

  • In Studien wie der des King’s College kam heraus, dass Gen Z Männer (ca. 16–26 Jahre) in Fragen der Gleichberechtigung teilweise skeptischer sind als die Generation ihrer Väter oder Großväter. (Das daher vielleicht die, Äonen währende, Skepsis der Väter oder Großväter gegenüber ihren Söhnen und Enkeln rührt… man weiß es nicht.)

  • Ein signifikanter Teil junger Männer hat scheinbar das Gefühl, dass die Förderung von Frauen zu Lasten der Männer geht. Manche empfinden den Fokus auf Feminismus sogar als Bedrohung für ihre eigene Zukunft. Ja und? Selbst wenn… sehe es als Wiedergutmachung du Honk. Es ist so ein bisserl wie die Nummer, man wäre man als junger Deutscher ja nicht schuld an den Verbrechen der Nazis. Und als junger Mann natürlich ebenfalls nicht in der Verantwortung es besser zu machen als die Witwenverbrenner, Hexenverfolger, Mittgiftmörder, Ehrenmörder oder Mädchentöter vergangener Zeiten. Frauen sind einfach die größte marginalisierte Gruppe aller Zeiten. Also get over it.

  • Experten machen ebenfalls sogenannte „Manosphere“-Influencer (wie Andrew Tate) mitverantwortlich, die traditionelle Männlichkeit als Rebellion gegen den modernen Zeitgeist inszenieren. Das ist zwar ganz schön traurig, aber diesen Schwachmaten zu sagen, wie erbärmlich sie sind, löst leider nicht das Problem.

Währenddessen debattieren wir in der Technosphere über weibliche Influencer-DJs in durchsichtigen Tops und die Frage: Ist das eigentlich noch sexuelle Befreiung oder nur der Likes bringende feuchte Traum des jungen SchranzSchwanzes im 4K-Gewand? Ein Erklärungsversuch der aktuellen Club-Widersprüche ist hier „ein Minenfeld“ (wie meine Frau dazu sagt), in das ich, wie immer gerne reinlatsche (wie ich dazu sage). Nun denn:

Liest man sich die Daten des Global Inventory of Attitudes durch, könnte man meinen, wir haben uns im Jahrzehnt geirrt. Ein wachsender Teil junger Männer empfindet Feminismus als Bedrohung und sehnt sich nach traditionellen bzw. eher patriarchalen Rollenbildern zurück. Gleichzeitig spülen mir die Algorithmen von Insta und Co. DJ-Sets und sonstige Reels in die Feeds, deren visuelle Ästhetik erschreckend an die Sex-Hotline-Spots im Privatfernsehen der 2000er Jahre erinnert. Altbacken ja. Aber eben auch junge männliche Meinungen formend. Alles zu irgendwie zu low budget um Sexiness durch Cleverness zu stützen. Sorry, es fällt mir schwer das zu formulieren.

Also wie passt das alles zusammen? Ich hatte einige Widersprüche im Kopf und gehe die nun peu à peu durch.

Billie Eilish vs. Bikini-DJ: Das Paradoxon der Sichtbarkeit

Die Techno-Szene war mal historisch gesehen ein Raum, in dem das Geschlecht hinter der Kickdrum verschwinden sollte. Inklusive politischer Ansichten, Alltag… die Realität im Allgemeinen. Zumindest damals vorm Krieg. YKWIM… Heute erlebe ich eine Visualisierung, die mich an diese alten 90er Flyer erinnert, wo immer irgendwelche Bikinimädchen abgebildet wurden. Nur nimmt man dazu jetzt 3D Model Grafiken mit übergroßen Brüsten. Sexpositive und KINK scheinen derzeit ähnlich inflationär prominent wie Barber Shops und Craft Beer Läden. Wo ist nochmal diese ganze Awareness Welle abgeblieben? Der Feminismus Run, die offene Diskussion. Die Ansage, dass der Scheiss so nicht mehr läuft? Wir haben Künstlerinnen nach dem „Billie Eilish“-Prinzip: Übergroße Baggy-Klamotten als Schutzschild gegen die Objektifizierung. Die Message: „Ich entziehe euch meinen Körper, ihr müsst meiner Kunst zuhören.“ Und auf der anderen Seite steht die Influencer-DJ, die Nacktheit und Hypersexualisierung als gezieltes Marketing-Tool nutzt, weil der Algorithmus genau das mit Reichweite belohnt. Das Problem ist nicht die nackte Haut. Das Problem ist der männliche Blick (heutzutage Male Gaze) und das völlige Unvermögen vieler junger Lappen, mal diese Komplexität auszuhalten. Die Ansage der Awareness-Bewegung lautet eigentlich: Eine Frau darf sich sexy anziehen und ist trotzdem kein Freiwild. Ist ja nicht so schwer. Doch genau an diesem Punkt scheitert definitiv ein beträchtlicher Teil der männlichen Clubgänger. Wer sexuelle Selbstbestimmung mit einer Einladung zur Belästigung verwechselt, hat den Grundkonsens unserer Kultur nicht verstanden.Geschweige denn Kultur an sich. Aber wir müssen ehrlich zu uns selbst sein. Wenn das erfolgreichste Karriere-Modell für junge Frauen im Netz wieder heißt „Zieh dich aus“, füttern wir genau jene Gen-Z-Männer, die Frauen nur als käufliches Accessoire für ihr eigenes Ego betrachten.

Ich werde das Gefühl nicht los, wir waren da mal weiter. Die Pop- und Subkultur fühlte sich in den 90ern extrem frei an, die Gesetzgebung machte die ersten wichtigen Schritte bgzl. Frauen und Schwulenrechte. Es ging voran. Ich weiß zwar, dass wir heute eine rechtlich gerechtere und pluralistischere Gesellschaft als vor 30 Jahren. Und das der aktuelle Anti Woke „Backlash“ wesentlich krasser ist, weil marginalisierte Gruppen heute sichtbarer sind und lauter Gleichberechtigung einfordern können. Nur haben diese unfassbar harten, oft aggressiven Gegenreaktionen derjenigen, die den Status quo bewahren wollen, haben keine Anstandsgrenzen in der Tonalität mehr. Früher haben die Leitmedien immer einen gewissen Konsens vorgegeben. Heute prallen die extremsten Shithole Meinungen ungefiltert aufeinander, was den Eindruck erweckt, die Gesellschaft bestünde nur noch aus unversöhnlichen Rändern. Und genau da scheint sich die männliche Gen Z eingegraben zu haben und schlägt verbal reaktionäre Feuersteine zu antifeministischen Speerspitzen. (Anmerkung: Ein dogmatischer Teil der Woke Bewegung warf ehrlicherweise vor ein paar Jahren Speere in jede Richtung, die nicht 100% mit ihrer übereinstimmte, und vergraulte so viele Menschen, die sich eher als Unterstützer sahen. Actio und Reactio…)

Eine Frau darf sich sexy anziehen und ist trotzdem kein Freiwild. Punkt. Das kritisch sehen? Ok. Das anzusprechen? Ok. ABER die Lösung für dieses Dilemma darf niemals lauten: „Dann zieht euch halt dicker an, damit die Männer nicht durchdrehen.“ Das wäre der direkte Weg zurück in ein rückständiges, reaktionäres (religiöses) Frauenbild, das den Männern die Verantwortung für ihre Schwanzsteuerung abnimmt.

Die 60er-Jahre vs. Hyper-Kapitalismus: Ist OnlyFans die neue Befreiung?

In den 60er Jahren war die sexuelle Revolution eine handfeste politische Forderung: Die Entkopplung des weiblichen Körpers von Scham, Fortpflanzung und kirchlicher Kontrolle. Mein Körper gehört mir. (Erschreckenderweise wird das beim Thema Abtreibung ernsthaft wieder in Frage gestellt.)

Wenn heute weibliche DJs ihre Reichweite durch freizügige Inhalte monetarisieren oder OnlyFans als Inbegriff der sexuellen Selbstbestimmung gefeiert wird, bin ich ratlos. Ist das wirklich Befreiung? Oder ist es schlicht Hyper-Kapitalismus? Wenn die angebliche „Freiheit“ darin besteht, sich exakt so zu verhalten, wie es das Typen seit Jahrhunderten von Frauen fordern, also hübsch aussehen und Männer zu befriedigen (wenn auch nur virtuell gegen Bezahlung), zementiert das am Ende doch genau das Bild, das wir eigentlich zerschlagen wollten. Die Frau bleibt das Objekt, das Männchen der Konsument. Die Digitalisierung des alten Machtgefälles oder so. Diese kommerzielle Selbst-Objektifizierung kritisieren ist ja eigentlich schon wieder Kapitalismuskritik. Soweit wollte ich damit garnicht gehen. Anyway…

Was bedeutet das für den Dancefloor?

Tja…. Wahre Freiheit bedeutet, dass man sich nicht ausziehen muss, um gebucht zu werden. Wahre Freiheit bedeutet, dass man sich ausziehen kann, ohne dass der Respekt vor den DJ Skills und als Person auch nur einen Millimeter schrumpft. Wahre Freiheit bedeutet, dass die Frau im XXL-Hoodie genauso als Headliner gefeiert wird wie die Frau im Bikini. Und wir brauchen Männer, die endlich lernen, ihre eigene proletenhafte Macker Konditionierung zu hinterfragen. Wer das nicht kapiert, sollte nicht zu Hause bleiben, sondern ausgehen, sich und andere ändern.

Wie das geht mit dem „sich ändern“?

Es gibt verschiedene Theorien, warum diese Entwicklung gerade jetzt stattfindet:

Da wäre der wirtschaftliche Druck. Ja, wir killen grad die soziale Marktwirtschaft. Wir waren echt lame bei den sogenannten Change Prozessen und wurden während Corona von der Wirtschaft schlichtweg belogen, die uns was von Diversity, Equity & Inclusion, Corporate Social Responsibility, Psychological Safety, Empowerment und Purpose erzählen wollte. In der Krise wirst du gefeuert. Es gibt keine Family in einem Unternehmen. Und in eben solchen Krisenzeiten suchen Menschen oft Halt in „bewährten“ (traditionellen) Strukturen, was in diesem Fall besonders absurd ist, denn wird der Mann arbeitslos, liegt die finanzielle Rettung des gemeinsamen Haushalts in der Arbeitstätigkeit der Frau.

Fakt ist, es gibt eine Korrelation zwischen Zukunftsangst und konservativen Werten. Wenn junge Typen das Gefühl haben, auf dem Arbeitsmarkt oder bei der Partnersuche „abgehängt“ zu werden, flüchten sie sich oft in patriarchale Machtfantasien, um wieder Kontrolle zu spüren. In traditionell religiösen Gesellschaften sind diese Werte stabiler, aber das Erschreckende an den neuen Studien ist ja gerade, dass dieser Trend auch in hochgradig säkularen, westlichen Ländern (wie Südkorea, Deutschland oder den USA) extrem zunimmt. Es ist also kein reines „Religions-Problem“, sondern ein gesellschaftliches.

Während Frauen durch den Feminismus ein klares Zielbild gewonnen haben, fühlen sich viele junge Männer in ihrer modernen Rolle unsicher oder „orientierungslos“. Das ist ja sooo sad. Deswegen laufen die jungen Männerske dann in ihrer Identitätssuche auch zu den Identitären und wollen Dörfer in MeckPomm mit strammen blonden Frauen errichten. Ein Kernergebnis des GIA ist ernsthaft die Wahrnehmung, dass Rechte für Frauen ein Verlust für Männer seien. Viele junge Männer verstehen so Gleichberechtigung nicht als Fortschritt für alle, sondern als Bedrohung ihrer eigenen Privilegien, was ganz klar bedeutet, dass sie Frauen untergeordnet haben wollen. (Ich möchte euch wirklich in den Hals kotzen.)

Ein echtes Problem sind definitv die Echokammern auf Plattformen wie TikTok / Insta. Diese verstärken extreme Ansichten oft schneller als moderatere Töne. Was mir in der S-Bahn auf den Smartphones von Jugendlichen begegnet (Ja, ich bin neugierig) ist erschreckend. Die Studien und Experten sind sich einig: Social Media ist ein Haupttreiber. Sexismus ist ja fast ein Lifestyle. Teure Autos und Frauen als Accessoires. Das wirkt auf junge Typen wahrscheinlich einfach anziehender als komplexe Gleichberechtigungsdebatten.

Ich hab nicht wirklich ein sinnvolles Fazit. Ich wollte dazu einfach was schreiben. Es geht mir wirklich Hardcore auf den Sack und ich finde es beschämend. Wenn ich etwas Gutes daraus ziehen soll, und für einen Witz würde ich ja bekanntlich alles opfern, dann:

Die Rückständigkeit der Ansichten von Gen Z Typen in puncto Frauen gegenüber den Ansichten von Boomern, macht das Bild vom „alten weißen Mann“ zu etwas Positiven :-)