Berlin und seine Kulturförderung – es ist eine Beziehung, die immer öfter in Trümmern liegt. Die Absage des Xjazz-Festivals für diesen Mai ist mehr als nur ein verpasster Termin im Kalender; sie ist das Resultat eines jahrelangen, systemischen Versagens. Wer die Geschichte des Festivals verfolgt, weiß: Dieser Crash hatte Ansage.

Ein Rettungsanker, der zum Mühlstein wurde

Wir erinnern uns: Bereits 2023 drohte dem Xjazz das Licht auszugehen, nachdem eine Jury die Förderung gestrichen hatte. In einem beispiellosen Schritt grätschte der damalige Kultursenator Joe Chialo dazwischen und verankerte das Festival direkt im Berliner Haushalt. Was damals als Triumph für die Szene gefeiert wurde, entpuppt sich heute als bürokratisches Fallbeil.

Anstatt der flexiblen Unterstützung, die ein internationales Indie-Event braucht, landete das Xjazz in den Mühlen der „institutionellen Logik“. Das bedeutet: Starre Regeln, die für staatliche Museen geschrieben wurden, werden auf ein dynamisches Festival angewandt. Das Ergebnis? Ein permanenter Kampf um Hotelrechnungen, Projektleiter-Stellen, die erst nach dem Event genehmigt werden, und Förderbescheide, die so spät eintreffen, dass die Planung längst auf privates Risiko abgeschlossen sein muss.

20.000 Euro gegen 16.000 Fans

Die aktuelle Blockadehaltung der Verwaltung wegen Rückforderungen in Höhe von 20.000 Euro wirkt wie ein schlechter Scherz, wenn man bedenkt, dass hier ein kulturelles Aushängeschild der Stadt mit einem Budget von einer halben Million Euro geopfert wird. Während die Behörden von „konstruktiven Gesprächen“ sprechen, stehen Sebastian Studnitzky und sein Team vor einem finanziellen Scherbenhaufen.

Systemfehler statt Einzelfall

Die Xjazz-Absage ist ein Warnsignal an die gesamte freie Szene Berlins. Sie zeigt, dass selbst politischer Wille nicht ausreicht, wenn der Verwaltungsapparat dahinter nicht in der Lage ist, zeitgemäße Förderstrukturen abzubilden. Wenn wir nicht aufpassen, findet Kultur in Berlin bald nur noch dort statt, wo sie brav in Excel-Tabellen passt – und nicht dort, wo sie die Stadt zum Klingen bringt.

Das Xjazz war die Brücke zwischen Clubsound und Hochkultur. Dass diese Brücke nun unter der Last von Buchungsbelegen und Hotelpauschalen zusammenbricht, ist ein Armutszeugnis für die Kulturmetropole Berlin.

Zuerst zu lesen im TAGESSPIEGEL