Berlin und seine Clubs. Eine Bestandsaufnahme für 2018

2018 neigt sich dem Ende. Es wird Zeit für eine Bestandsaufnahme.

Neue Clubs und vor allem musikalische Neuerfindungen erleben einen massiven Durchhänger. Man kann fast sagen, die Clubszene ist aktuell eher Verwalter als Gestalter.
Es kommt nichts neues, was sicher auch damit zusammen hängt, dass in den über 25 Jahren Techno auch schon so ziemlich alles mehrmals durchgekaut wurde, und das repetitive Element, das elektronische Tanzmusik nun mal ausmacht, sich auch im  Aufwärmen ihrer älteren Spielformen wiederholt. Rave und Chicago sind zurück. Gut so.

Aber neue Clubs wagen kaum Experimente und eine Förderung von Subkultur ist gar nicht möglich in Zeiten von Spotify. Denn ohne Jugendkulturen, die es nicht schaffen sich abzugrenzen in Musik, Kleidungsstil und Habitus braucht es auch keine Freiräume für diese Gruppen, um sich zu entfalten. Neues wird heute schneller von der Industrie inhaliert und mit gefälligem Geschmacksaroma versehen, als sich jeder Musikjournalist vorstellen kann, und wenn alle Alles ok finden, wie soll da Reibung enstehen?

Darf man Abgrenzung eigentlich noch sagen? Wie schafft man Rebellion heutzutage als Jugendlicher? Das Versprechen einer grenzenlosen Freiheit ist heute der Nüchternheit von Kommerz gewichen und die Bemühungen von Locations, geheim zu bleiben (oft weil man Brandschutz, Gewerbeamt, Schank Lizenz und all den anderen Kram nicht am Start hat) wirken teilweise schon fast naiv im Instagram Zeitalter.

Genauso wie es ein musikalisches Angebot mit Riot Potential heute nicht mehr gibt, oder zumindest mal was neues wie Triphopdrumandbassnujazzgrungebigbeatelectroclash, gibt es auch Räume, die dafür benötigt würden, also Brachflächen, leerstehende Häuser und tote Fabriken nicht mehr. Denn im etablierten Club kann es sich dank steigender Gewerbemieten nicht jeder Besitzer leisten, mal eben ein halbes Jahr Experimente zu wagen. Wer denkt, das Drama des finanziellen Verlustes bliebe nur beim Veranstalter an der Kasse wegen der geringen Gästezahlen, sollte auch bedenken, dass die wirkliche Kohle in der Bar steckt. Eine leere Party trifft also auch den Club.

Aber das ist auch wieder das Gequatsche eines älteren Typen, der sich daran erinnern sollte, dass 1989 bis 1991 eine spannende Zeit war, weil Berlin quasi rechtsfrei war, und zum Beispiel niemand von der Polizei ein Open Air gecrasht hätte oder sonstwas. Zwar mies aber wahr: Als genervter Anwohner die Polizei anrufen ging auch nicht. Es war nicht nur eine Zeit ohne Smartphones, es gab nicht mal Festnetz.

Und wenn wir ehrlich zu uns selbst sind… während wir feierten und die neue Freiheit genossen haben, waren andere schon dabei, ebenjene Häuser zu kaufen. Es war schon damals eine Utopie auf Zeit.

Das ist Fakt:

Der Senat hat seit der Wiedervereinigung im Bezirk Mitte 85 Prozent der städtischen Liegenschaften verkauft. Alles klar? Tja und nun?

Berlin braucht den subkulturellen Nährboden dringend, einfach als Standort-Anreiz. Wir haben zwar seit ein paar Jahren die Start up Szene, aber die kann nicht wirklich mit den Summen, die über 30 Millionen Touristen jährlich in die Kassen spülen, konkurrieren. Diese „subkulturelle“ Szene ist aber mittlerweile mehr mittelständischer Betrieb, ihr fehlt das Wilde, woher also Subkultur nehmen? Und wie begegne ich dem Problem, dass institutionelle Förderung der Tod jeder Kultur ist?

Geschlossen wurden ab den Nuller Jahren eine ganze latte an Clubs wie Eimer, Maria am Ostbahnhof, Pfefferbank, Subground, Ostgut, Deli, WMF, 103, Rechenzentrum, Deep, Horst Krzberg, ZMF, KingKong, Morlox, M.I.K.Z., Magdalena, Cookies, Stattbad, Magnet, Brunnen70 und viele andere.

Das Clubkataster kam aber erst 2015 und ganze zwei Jahre später stellte der Senat endlich eine Million EUR zur Verfügung, um Clubs und Locations mit besserer Lärmschutzdämmung auszustatten. Ersetzt man Clubs durch Mietwohnungen, wird offensichtlich, dass die Politik immer wieder hinterher hängt. Dabei haben wir jede Woche 10.000 Technotouristen in Berlin. Und denen killen wir so langsam den Grund, nach Berlin zu kommen.

Wo stehen wir jetzt?

Die Zeichen sehen nicht gut aus. JK ist weg von der Lohmühleninsel und jetzt mit anderen wie Wild Waste neben dem von Greifswald. 5 Jahre könnten es dort wohl werden., aber ob das Projekt als richtiger Club wieder aufleben kann, ist eher fraglich. Das Rosis macht Ende des Jahres dicht, es war ja bereits abzusehen auf der anderen Straßenseite, was da hoch wächst. Das R19 erwischte es sogar noch weitaus früher. Das Bassy musste ebenfalls weichen und wenn wir den Bebauungsplan Ostkreuz im worst case Szenario betrachten, dann wäre sicher auch die Rummels Bucht in Gefahr und irgendwann die „Wilde Renate“ und das „About Blank“ bedroht. Nicht zu vergessen: Lummerland, Panther Ray“ und Anarche.

2018 war auch das Jahr in dem AfD angriff: Die AfD-Fraktionsvize in Friedrichshain-Kreuzberg forderte, Berlins berühmtesten Club Berghain dicht zu machen. Berlins derzeit berühmtester Club war dann aber doch größer und man kapitulierte. Desweiteren ging die AfD geht gegen Kulturprojekte vor. Speziell das, seit 1995 stattfindende „Nation of Gondwana“-Festival im Havelland, sei hier genannt.

Also… gibt es sie denn noch diese verdammt Independent-Kultur? Klaro, Schrippe Hawai, Internet Explorer, Heideglühen, Jackie O und Gr_und zum Beispiel. Ganz vorbei ist das Game also noch nicht, und es warten unendliche Weiten in den Außenbezirken. Den Innenstadtbereich dürften wir aber wohl in maximal 10 Jahren verloren haben.