Start BERLIN Voll von gestern – verpennt die Clubszene die Digitalisierung?

Voll von gestern – verpennt die Clubszene die Digitalisierung?

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Die Digitalisierung macht auch um die Clubszene keinen Bogen. Die Clubs nehmen diese jedoch nur zögerlich an. Viele der gebotenen Möglichkeiten sind zwar keineswegs essentiell für den Clubbetrieb, für die Gäste könnte so manche Veränderung allerdings ein noch besseres Clubbing-Erlebnis bedeuten. Hier ein paar Beispiele, wie Clubs die Digitalisierung für sich und ihre Gäste nutzen können.

Geschlossene Türen – auch für die Digitalisierung? Bild © asab80/Adobe Stock

Elektronische Veranstaltungstickets

Die meisten Clubs bieten mittlerweile E-Tickets im Vorverkauf an. Das ist auch gut so, schon alleine, weil dadurch beträchtliche Mengen an Papiermüll eingespart werden. Aber auch für Clubs und Gäste bietet der E-Ticket-Vorverkauf große Vorteile. Clubbetreiber können sich etwa schon lange vor der Party ihre Gäste sichern und dadurch auch besser abschätzen, wie groß der Ansturm am Abend der Party sein wird.

Die Gäste hingegen können sich vorab ein Ticket besorgen und damit vermeiden, die halbe Nacht lang wegen eines Einlassstopps in der Warteschlange ausharren zu müssen. Zudem werden elektronische Tickets dank Speicherung am Smartphone weniger leicht vergessen als jene in Papierform. Dadurch erspart sich das Personal an der Kasse auch so manche Diskussion mit tollpatschigen (und oft schon nicht mehr nüchternen) Gästen.

Besonders auch mit Blick auf die Wiedereröffnung der Clubs nach dem Lockdown sind elektronische Tickets empfehlenswert. Dadurch werden Warteschlagen im Eingangsbereich sowie auch unnötige Kontakte zwischen Personal und Gästen bei der Bezahlung reduziert. Somit stellen E-Tickets gleich zwei potentielle Ansteckungsherde weitgehend kalt.

Zahlen im Club: Ist Cash wirklich noch King?

In vielen deutschen Clubs lautet die Devise nach wie vor „Bares ist Wahres“. Doch in den Clubs anderer Länder erweist sich ein mit Scheinen und Münzen prallgefülltes Portemonnaie als ziemlich wertlos. Wer etwa versucht, in einem schwedischen Club bar zu bezahlen, wird lediglich schief angelächelt und gebeten, entweder die Kreditkarte rauszurücken oder per App zu bezahlen.

Tatsächlich bringt ein Clubbesuch ohne Bares einige Vorteile mit sich. Wer kein Geld bei sich trägt, kann auch keines verlieren oder es unwissentlich an langfingrige Fremde abtreten. Auch hat uns COVID-19 vor Augen geführt, wie wichtig Hygiene ist – wer weiß schon, welche Spuren und Rückstände die Hände, durch die das Geld zuletzt ging, hinterlassen haben.


Mit Bargeld um sich werfen? Nein, danke. Bild © deagreez/Adobe Stock

Natürlich kann auch eine Kreditkarte gestohlen werden, sauberer ist diese jedoch allemal, zumindest wenn die Zahlung kontaktlos erfolgt. Der Schaden bei einem Diebstahl ist zudem stark begrenzt. Denn die Inhaber gestohlener Kreditkarten haften nur bis zu einem Betrag von maximal 50 Euro, zumindest sofern ihnen kein grob fahrlässiges Verhalten nachgewiesen werden kann.

Ebenso ist das Mobile Payment, also das Bezahlen per Handy, eine saubere, kontaktlose Zahlweise. Voraussetzung für die Nutzung von Diensten wie Apple Pay, Google Pay und Samsung Pay ist, dass die Daten einer Kredit- oder Girokarte auf dem Smartphone hinterlegt werden und das Smartphone kompatibel mit dem entsprechenden Zahldienst ist.

Bei den meisten Mobile-Payment-Diensten wird übrigens, wie auch bei kontaktloser Kreditkartenzahlung, per NFC bezahlt. Samsung Pay bietet darüber hinaus auch die Möglichkeit, Zahlungen per MST zu tätigen – eine Technik, bei der das Smartphone den Magnetstreifen einer Kreditkarte imitiert. Aber auch hierbei wird das Smartphone ganz einfach in die Nähe eines handelsüblichen Kartenterminals gehalten.

Neue Zahlungsmöglichkeiten wird auch Apple bald bieten. Bald schon soll etwa die Apple Card in Deutschland verfügbar sein. Ein Girokonto bei einer Bank wird dann keine Voraussetzung mehr für Mobile Payments sein. Zudem arbeitet Apple an einer Code-Payment-Funktion, die ermöglichen soll, per QR-Code zu bezahlen. Theoretisch könnte also schon bald ein einfaches Stück Papier das fehlende Kreditkartenterminal in Clubs ersetzen.

Apps für Getränkebestellungen

Das Bestellen per App scheint für den normalen Clubbetrieb auf den ersten Blick nur wenig geeignet. Doch es ist naheliegend, dass die ersten Lockdown-Lockerungen, die für Clubs von Bedeutung sind, vorerst die Außenbereiche betreffen werden und die Tanzflächen noch eine gesperrt bleiben müssen.

Soll bedeuten: Gefeiert wird womöglich auch kommenden Sommer nur mit Abstand und sitzend am Tisch. Da trinkende Gäste jedoch gelegentlich dazu tendieren, den bestehenden Regeln keine Beachtung mehr zu schenken (ob aus Euphorie oder Widerwille sei hier mal dahingestellt), können Bestell-Apps und Tischservice vorsorglich etwas Ordnung schaffen – und somit sowohl zur Sicherheit der Gäste als auch des Clubs beitragen.

Kostenfreies WLAN und Ladestationen

Clubpersonal kennt und hasst sie, die immer wiederkehrenden Fragen nach dem WLAN-Passwort und einem Steckplatz für das Ladekabel. Der Grund, warum die meisten Clubs dennoch weder Wifi noch Ladestationen anbieten, liegt auf der Hand. Smartphones stören leider allzu oft den Party-Vibe. Die Leute sollen schließlich im Hier und Jetzt feiern – und nicht auf Social Media nur so tun, als ob.

Nichtsdestotrotz wäre vielen Clubbesuchern ein Gefallen getan, würden WLAN und Ladestationen angeboten. Nicht jeder, der Feiern geht, hat es auch dicke auf dem Konto. Da kann es schon vorkommen, dass das Prepaid-Guthaben leer ist oder das Geld nicht reicht, um sich ein neues Smartphone, mit zuverlässigem Akku zu besorgen.

Geht man auf einer Party in der Menge verloren, kommt eine Ladestation oder kostenloses Gäste-Wifi durchaus gelegen, wenn das Handy lahmgelegt ist, man sich mit seiner Feier-Kompanie aber wieder vereinen möchte. Besonders dann, wenn man es mit der Party übertrieben hat und nicht mehr ganz klar bei Verstand ist.

Für den Club im eigenen Wohnzimmer: DJs im Livestream

Die Clubs sind leer, aufgelegt wird trotzdem. Bild © pabl0gallard0/Adobe Stock

Boiler Room wurde einst mit öffentlichen Live-Streams aus den Clubs dieser Welt zu einem globalen Erfolgskonzept. Nun haben die Lockdown-Zeiten abermals bewiesen, dass im Live-Streaming viel Potential steckt. Denn so groß wie während der Pandemie waren das Angebot und die Nachfrage in der Clubszene noch nie.

Die Initiative United We Stream wurde beispielsweise ins Leben gerufen, um auf die heikle Situation der Berliner Clubkultur aufmerksam zu machen und diese während des Lockdowns finanziell zu unterstützen. Das einfach erklärte Angebot: Livestreams gegen einen freiwilligen Solidaritätsbeitrag. Das Konzept war ein riesen Erfolg, mehr als eine halbe Million Euro wurden durch die Spendenaktion gesammelt.

Natürlich ist das Interesse am Livestreaming aufgrund von COVID-19 durch die Decke geschossen. Wie sich der Trend nach der Pandemie entwickelt, bleibt daher vorerst unklar. Viele DJs und Clubbetreiber sind sich jedenfalls sicher, dass das Streaming auch in Zukunft vermehrt angeboten werden wird. Denn auch wenn es einen Clubbesuch nicht ersetzen kann, stellt es doch ein ergänzendes Angebot mit vielen Einsatzmöglichkeiten dar.

Besonders für kleine Clubs und international noch weitgehend unbekannte DJs könnten Streams durchaus ein effektives Mittel sein, um sich im wahrsten Sinne des Wortes, mehr Gehör zu verschaffen. Live-Streams können etwa zu günstigen Preisen wie beispielsweise in Abonnement angeboten werden und somit als zusätzliche Einnahmequelle genutzt werden.

Auf Prepartys könnten sich die Clubbesucher etwa schon vorab ein Bild davon machen, was in puncto Musik später im Club auf sie wartet. Und so mancher an der Tür abgewiesene Gast könnte den Stream zumindest als Trostpflaster nutzen, wenn er sich schon vor Ort die Füße nicht blutig tanzen darf.

 

„Instagrammability“ statt Fotoverbot?

Wer kennt sie nicht, die Fotos von DJs und Clubbesuchern, die vor dem Berghain posieren, Momente bevor sie die heiligen Hallen betreten. Selbst Menschen, die kaum elektronische Musik hören und das Innere des legendären Clubs nie gesehen haben, kennen dennoch oftmals zumindest die Außenansicht des Technotempels – vor allem von sozialen Medien.

Natürlich hat das Berghain aus ganz anderen Gründen weltweiten Ruhm erlangt – und positioniert sich mit dem verhangenen Fotoverbot sogar deutlich gegen das Fotografieren im Club. Diesem Beispiel folgen mittlerweile immer mehr heimische Clubs, auch außerhalb Berlins. Wer knipst, fliegt raus.

Die meisten Raver freut das. Denn laut einer Studie sind rund 70% aller Partygäste genervt davon, wenn auf der Tanzfläche das Handy gezückt wird und das Blitzlicht angeht. Das Problem mit Fotos: Clubs verstehen sich als Safe Space, der Gelegenheit bietet, sich für eine Weile aus der „echten Welt“ zurückzuziehen. Was im Club passiert, soll auch im Club bleiben. Die Foto-Verbote dienen in diesem Sinne also dem Schutz der Privatsphäre.

Fotos und Selfies in Clubs: Ein Dorn im Auge? Bild © Astarot/Adobe Stock

Doch nicht alle Clubs und Partygäste folgen diesem Trend. Für manche Clubbesucher gehört ein Selfie mit Freunden, das mit der Welt beziehungsweise der eigenen Bubble geteilt werden kann, ganz einfach zu einer guten Party dazu – frei nach dem Motto „sehen und gesehen werden“ – und viele Clubs freuen sich über die kostenlose Publicity.

Kursieren Unmengen an Fotos aus dem eigenen Club im Netz, vermittelt dies schließlich, dass der Laden auf irgendeine Weise angesagt sein muss – und das lockt wiederum neugieriges Publikum aufs Parkett. Einige Clubs gehen sogar so weit, dass sie die Instagrammability in der Gestaltung ihrer Räumlichkeiten berücksichtigen.

Dabei werden etwa Teilbereiche eines Clubs gezielt für das Schießen von Selfies eingerichtet beziehungsweise auf eine Weise gestaltet, dass sie sich perfekt als Kulisse für Fotos anbieten. Über die Notwendigkeit eines Instagram-konformen Looks für Clubs lässt sich natürlich streiten. Die Möglichkeit, Aufmerksamkeit zu erregen, eröffnet sich damit aber zweifellos.