Berlin liebt dich

Diese Stadt ist. Diese Stadt hat meine Liebe. Lassen wir hier mal die Außenbezirke weg und kleine Yuppie Inseln, die ja leider auch existieren. Bleiben die mysteriösen Bergkieze und die Mitte dazwischen. In diesen Biotopen suchen die Weibchen sich die Männchen nach den Farben der Trainingsjacke und der Geschichte seiner Turnschuhe (Adidas Retro Store) aus. Und die Männchen passen sich an. Möglichst schlaksig, mit Parkas die einen Fellkragen (saisonbedingt) haben sollten, gut platzierten Achtzigeranleihen in Form von Basecaps (unbedingt mit Gaze), ab und zu Schweißbändern (denn es könnte ja sein, dass sich ganz spontan ein Tennismatch auf der Tanzfläche entwickelt) und struppigem Bartwuchs sowie T-Shirts mit Adlern oder Heavy Metal Band Logos. (Mädchen kombinieren möglichst viele Klamotten in schreienden Farben, die sie vor einem Jahrzehnt noch abgrundtief hassten und jetzt schweineteuer bei Jungdesignern, die noch nicht mal eine gerade Naht hinkriegen, erstehen, zu Pornodarstellerinnenbrillen und schräg aufgesetzten Hüten.)

Beta-Männchen erhalten so auch die Chance zur Fortpflanzung und die kleinen Babys werden perfekt im Mitte Schick gestylt von Mami um den Kollwitzplatz geschoben, während Papi eben noch mal ein paar Biomöhren beim Donnerstagsmarkt ersteht. Manchmal ist diese Stadt ziemlich schwer zu kapieren. Eigentlich ist es der gleiche scheißnormale Trott wie in jeden x-beliebigen Kuhdorf (Hamburg, Köln etc.) auch. Geschäft ist schließlich Geschäft, aber hier kommen die Leute immer mit den absolut spinnerten Ideen und ziehen das durch. Nicht immer erfolgreich aber immer liebenswert.

Berliner stellen Ideen auf die Beine, die im Rest Deutschlands vielleicht mal als lustige undenkbare Fortführung einer klar definierten und schon bekannten Geschäftsgrundlage in geselliger Runde belacht werden. Kram, der bei Tageslicht bzw. finanziell betrachtet, das Allerletzte ist, wird mit der unvermeidlichen ironischen Brechung gesehen, zum Hit. Wobei ich feststellen muss, dass sich diese Brechung in letzter Zeit zu einem Zwang entwickelt hat, der abgesehen von Kaminers „Russendisko“ sicherlich eine gewisse zeitliche Begrenzung beinhaltet. Und Berliner haben noch eigene Meinungen. Haben sie je eine andere Stadt gesehen in der die Menschen in der U-Bahn so viel lesen? Sicher dient das auch dem Zweck seine BVG-Umwelt nicht registrieren zu müssen, gerade auf so illustren Strecken wie nach Rudow oder Friedenau. Und ein paar BZ-Leser sind auch darunter. Aber nirgendwo werden so viele Wörter verschlungen wie in unseren Hundescheiße-Parks, BVG-Bananenwagen und Sperrmüllsofa-Cafes.

Fakt ist: Eigene Meinungen sind selten geworden. Es labern einen alle Leute mit den gleichen abgelesenen Meinungen zu. Man weiß sogar ob sie Bild, Spiegel oder FAZ gelesen haben. Das ist hier anders. Danke, Berlin… und schlaf gut.