Dr. Motte & Rave The Planet: Mögliche neue Parade im Anmarsch

Am 13. Januar war die Pressekonferenz von Dr. Motte und Rave The Planet gGmbH. Angekündigt wurde die PK so:

„Nachdem Deutschland im vergangenen Jahr 30 Jahre Mauerfall und 30 Jahre Loveparade feierte, ist die Zeit reif für ein neues Kapitel, das Dr. Motte mit „Rave The Planet“ jetzt aufschlägt. Eine Initiative, die elektronische Tanzmusik- und Clubkultur ins Licht der Weltöffentlichkeit stellt, gemeinnützige Projekte fördert und ein sinnstiftendes Element der elektronischen Tanzmusikkultur neu definiert. Wir laden Sie zu diesem Anlass am 13. Januar 2020 um 11 Uhr zur Pressekonferenz im Ex-Tresor Garten.“

Ich hab etwas auf RAVE THE PLANET recherchiert und auch Vergleiche zum Zug der Liebe gezogen. Aber fangen wir mit einem Gespräch an.

Letztes Jahr hatte Jürgen Laarmann, (in den 90ern der Macher des Technomagazins FRONTPAGE) zum „Paraden Gipfel“ geladen. Dafür trafen sich Dr. Motte (der Vater der Loveparade) Martin Hüttmann (Gründer Zug der Liebe/früher Hate/Fuck-Parade) und Jens Schwan (Pressesprecher Zug der Liebe) zum Gespräch. Nachzuhören HIER. Zentrale Fragen waren: Ist der Zug der Liebe der Loveparade Nachfolger? Würde es die Loveparade mit dem Konzept des Zugs der Liebe noch geben?

Gerade die letzte Frage ist interessant, wenn man sich die Rave the Planet Webseite anschaut. Vieles von dem was dort steht, kommt mir sehr vertraut vor, ist es doch fast das Konzept des Zug der Liebe minus Vereine. Sehe ich aber eher als Kompliment.

Zug der Liebe Page 2015

„Der Zug der Liebe setzt ein Zeichen für mehr Nächstenliebe und soziales Engagement. Wir protestieren friedlich aber lautstark gegen rechtspopulistische Triebe und die anwachsende Gleichgültigkeit in unserer Gesellschaft. Toleranz und Menschlichkeit, als wichtige Werte einer liberalen Gesellschaft, sollen im Alltag wieder mehr in den Vordergrund rücken. Wir haben keine Werbebanner, keine Promotion-Teams, kein Getränkeverkauf, keine Sponsoren, kein Merchandising, keine Hymne. Wir wünschen uns eine mehr cluborientierte Senatspolitik, denn wie kann es sein, dass die Stadt ein hippes Image verkauft, dass sie gleichzeitig durch unsensible Bebauungspläne extrem zurechtstutzt.“

Rave the Planet Page 2020

„Wir sind gemeinnützig. Das unterscheidet uns schon im wichtigsten Punkt erheblich von den Paraden der Vergangenheit, denn wir stellen uns finanziell unabhängig von Sponsoren auf. Eine grundsätzlich werbefreie Umsetzung der Parade ist uns wirklich wichtig.“

 

WIRD ES DIE NEUE LOVEPARADE?

Nein. Die Neuauflage wird einen anderen Namen tragen, denn die Namensrechte gehören jemand anders. Es dürfte eine neue Wortkreation werden, wie bei der „Love World Peace Parade“. Interessant ist, das CANAL + bereits Widerspruch beim DPMA eingelegt hat. Für die Marke „Rave the Planet„. Das klappt also auch nicht.

 

FINANZIERUNG und SPENDEN

Finanziert werden soll das Projekt per Fundraising, das hier Fundraving heißt. Dazu steht in der zweiten Pressemeldung:

„Ab dem 13. Januar 2020 steht in der Mall of Berlin ein Modell der zunächst leeren Straße des 17. Juni (Ernst-Reuter-Platz – Siegessäule – Brandenburger Tor) im Maßstab 1:87 mit einer Gesamtlänge von 48 Metern. Vor Ort und über einen Online-Spendenshop können Unterstützer verschiedene Miniatur-Raver*innen-Figuren spenden, die auf dem Fundraving-Modell Platz finden. Insgesamt sollen 1,5 Millionen Figuren aufgestellt werden, die ab 5 Euro Spende verkauft werden.“

Ärgerlich ist, dass man an der ausgewählten Figur keine Rechte erwirbt – insbesondere kein Eigentum. Das sollte auf der Page deutlicher hervorgehoben werden.

1,5 Millionen Figuren a 5 Euro. Das wären 7,5 Millionen Euro. Für eine Demo. Das ist viel Geld. Zum Vergleich: Die maximale Summe in der Zug der Liebe Kalkulation bei 25 Musik Trucks inklusive aller Kosten liegt bei 150.000 Euro. Natürlich wird das bei Motte alles etwas größer dimensioniert sein. Keine 8 Tonner, sondern 40 Tonner, auf denen hundert Leute tanzen können. Dazu bezahlte Security und ein teures Line Up an der Siegessäule.

7,5 Millionen Euro sind trotzdem sehr viel Geld. Auf der Webpage heißt es:

„Ist das Spendenvolumen für die Durchführung der Demonstration in spätestens 2021 nicht ausreichend, werden die Spenden für andere gemeinnützige Satzungszwecke der Gesellschaft verwendet.“ 

Das finde ich eher unschön, das Geld sollte zurück an die Spender fließen, wenn die Demo nicht stattfindet, denn dafür werden diese zu 99% ihr Geld geben. Achtet auch auf das 2021. Spendenquittungen werden von Rave the Planet erst ab 200 Euro ausgestellt. Jeder gemeinnützige Verein macht das auch für Mini Spenden.

Die anderen gemeinnützige Satzungszwecke der Gesellschaft sind:

  1. WELTKULTURERBE: Anerkennung der elektronischen Tanzmusikkultur bei der UNESCO.
  2. Installation aus Armeepanzern vor dem Deutschen Bundesrat

Okey… Punkt 1 klingt super. Die Schweizer haben es vorgemacht. Die Zürcher Technokultur ist mit der Street Parade nun Teil des immateriellen UNESCO-Kulturerbes.

ABER…

Damit geht aber kein direkter Subventionsanspruch einher. Vielmehr kostet die Mitgliedschaft als Weltkulturerbe sogar Geld. So bringt Dresden immerhin 160.000 Euro im Jahr für die Finanzierung zweier Welterbe-Büros auf, wobei ich nicht weiß, ob das auch bei einem immateriellen Weltkulturerbe der Fall ist. Die Politik verpflichtet das zu was genau?

Wenn man sich informieren will: Alexander Pritzkow hat 2017 dazu eine Masterarbeit geschrieben. „Die Berliner Clubkultur als immaterielles kulturelles Erbe der Bundesrepublik Deutschland“.

 

Zu Punkt 2: „Panzer-Skulptur vor dem Deutschen Bundesrat.…“ heißt es auf der Page. Fakt ist aber: Der Panzer wird in der Mall of Berlin stehen. Da wo früher mal der Tresor war, der für das Shopping Center weichen musste. Sich an einem Ort des Verlustes der Clubkultur durch Investoren für den Erhalt der Clubkultur einzusetzen, demontiert das Anliegen der Akteure.

Was wir in Berlin von East Side Mall, Mall of Berlin, Alexa und Co. halten, ist hinlänglich bekannt. Und dann auch noch ein Panzer? Echt jetzt? Im Jahre 2020? Wo wir uns die Köpfe heiß reden über deutsche Rüstungsexporte. Wo Syrien brennt, der Iran und die USA hochkochen, Putin immer noch die Krim besetzt… hätte es da nicht irgendwas anderes sein können? Türen zum Beispiel.

Warum wurde statt eines gemeinnützigen Vereins eine gGmbH gegründet? Wegen der Gehälter der Geschäftsführer?

 

WAS IST ANDERS ALS BEI DER ALTEN LOVEPARADE?

„Durch die Spenden wird eine finanzielle Unabhängigkeit von Sponsoren erreicht, welche die werbefreie Durchführung der Parade ermöglicht.“

Finde ich gut, eine Vereinnahmung durch Red Bull und Konsorten wäre auch vollkommen unpassend.

 

ZU DEN MACHERN:

Auf der Rave The Planet Page tauchen neben Motte auch Florian Löhlein und Quirin Graf auf. Man kann das auch einfach recherchieren. Nämlich HIER bei Nothdata.

(North Data analysiert Handelsregisterbekanntmachungen, um Wirtschaftsinformationen zu gewinnen.)

LÖHLEIN ist laut Company House:

Geschäftsführer – Urbanus Bau GmbH
Geschäftsführer – Schneckenburg GmbH
Geschäftsführer – FL Friedrichshain Consult UG
Geschäftsführer – Stayclean Carwash 10X GmbH
Geschäftsführer – Muson GmbH
+ 3 weitere Tätigkeiten

QUIRIN GABRIEL NIKOLAUS SIEGFRIED ADELMANN VON ADELMANNSFELDEN

Geschäftsführer – Auto Herbst GmbH
Geschäftsführer – DDR Museum Berlin GmbH
Geschäftsführer – I.Q. Projektmanagement GmbH
Geschäftsführer – StayClean CarWash 101 GmbH
Geschäftsführer – DDR Museum Verlag GmbH
+ 31 weitere Tätigkeiten

Wenn es darum geht wie man ein Business aufzieht, dürften beide Akteure genügend Know How mitbringen. Beide arbeiten zusammen bei Rumford Partners einem Risikokapitalgeber. Was die sie allerdings mit der Techno Subkultur Berlins verbindet, weiß ich nicht.

FAZIT: Das Motte was machen wird, hat sich schon länger abgezeichnet. Der Boden ist fruchtbar für Musikdemos; das zeigen die diversen Projekte in den letzten Jahren: Zug der Liebe, Wem gehört die Stadt, Space Parade, Love World Peace Parade etc.

Manche Sachen wie das „Berlin-Street-Parade Project“ auf Facebook, dass sich „Für eine neue Parade der elektronischen Musik in Berlin“ einsetzte, kamen aber überhaupt nicht voran. Ist es also ein Projekt der Alten? Mich überkommt dabei das gleiche Gefühl wie bei Star Wars. Früher war es undenkbar, dass jemand die alten Filme nicht kannte. Frag mal heute einen Zwanzigjährigen. Es ist traurig. #jedifürimmer

Die Sehnsucht nach Partyprotest ist in dieser politischen und hedonistischen Stadt definitiv da. Mit dem richtigen Marketing könnten durchaus Zehntausende mobilisiert werden.

Der Zug der Liebe hatte im ersten Jahr mit dem Loveparade Vergleich zu kämpfen. Zu politisch den einen, zu partymäßig den anderen. Zu viele Themen für die Behörden, zu divers, zu anders als normale Demos. 2016 zweifelte niemand mehr am Konzept. So kann das auch mit Motte laufen. Schaun wa mal.

Beim Zug der Liebe stand nie ein vermeintliches Jubiläum oder der Wunsch Geld zu verdienen dahinter, sondern ein konkretes politisches Anliegen. Deswegen beteiligen sich auch nur Initiativen und Gruppen an der Demo, die mehr als nur ihre Veranstaltungen promoten, die sich einmischen in die gesellschaftliche Diskussion, die viel mehr in ihre Anliegen investieren, als unter kommerziellen Aspekten zu rechtfertigen ist.

Das wurde 2015 klar benannt.

FÜR eine menschliche Lösung der europaweiten Flüchtlingsproblematik
FÜR eine kulturorientierte Senatspolitik
FÜR den Erhalt von Grünflächen
FÜR Leben statt Hauptstadtwahn ohne Armut und Gentrifizierung
FÜR mehr Jugendförderung und Schutz
FÜR eine nachhaltige Stadtentwicklung
FÜR ein tolerantes Zusammenleben ohne Pegida und AfD

Noch fehlt mir das bei Rave the Planet, denn 2020 leben wir in einer komplett anderen politischen Situation, und dem muss man Rechnung tragen, sonst ist man nur noch ein Relikt.

Und auf einer Pressekonferenz die Frage zu stellen: „Wollt ihr die neue Loveparade?“ ist äh… schwierig. #zitathistorie

Vielleicht beurteile ich das aber auch komplett falsch und es gibt eine neue Sehnsucht zurück zum Hedonismus der 90er, weil einfach alle die Schnauze voll haben von der Politisierung jedes einzelnen Quentchen unseres Alltags.

Die Loveparade hat die Straße erobert, dem Hedonismus Raum geschaffen, war Ausdruck einer Zeit in der alles möglich schien, bevor Mordors Schatten wieder aufkamen. Damals war das genug. Und es war großartig. Eins von Berlins wichtigsten Kulturgütern. Hätten wir das mit dem Zug der Liebe so wiederholt, wäre es nicht nur ein Schlag ins Gesicht der Duisburg Hinterbliebenen gewesen, sondern als Signal gegen die Pegida Aufmärsche auch komplett unglaubhaft. Das gilt es zu bedenken.