Setzt Euch, wir müssen reden

Text by Ezekiel

Die Österreicher fangen an die Lockdown-Maßnahmen zu lockern. Auch bei uns werden die Stimmen lauter, dass endlich wieder alles hochgefahren wird. Entsprechend steigen auch die Erwartungen, dass damit auch wieder die Möglichkeiten Feiern zu gehen in greifbare Nähe rücken.

Das wäre toll und das was wir alle perspektivisch hoffen, ganz so einfach ist das jedoch nicht. Da gibt es durchaus ein paar Fragen, die man nicht ausblenden kann, die über das „Wann“ hinausgehen. Zudem hat unserer Gesundheitsminister bereits mit der Aussage „Was als letztes wieder möglich ist, ist im Zweifel die Party und das Volksfest, weil hier das Ansteckungsrisiko am größten ist.“ die Sicht der Politik klar umrissen.

Die Elektro Kollektiv-Umfrage „Glaubst Du es wird in diesem Jahr noch Club-Techno-Veranstaltungen geben?“ zeigt einen klaren Trend. Mit grob 61 Prozent glauben knapp fast Zweidrittel, dass es in diesem Jahr auf jeden Fall weitergeht.

Was sind die Voraussetzungen?

Ausschließen soll man nichts, doch schauen wir uns mal genauer an welche Voraussetzungen hierfür vorhanden sein müssten. Vereinfach gesagt darf von Partys keine gesellschaftliche Gefahr mehr ausgehen. Aus Ischgl haben wir gelernt, wie schnell mit einem großen Ereignis eine paneuropäische Situation entstehen kann. Die Schicki-Micki-Gesellschaft hat nach ihren Après-Ski-Gelage wie Virenmutterschiffe das Virus tief ins Europäische Inland getragen. Ein Beleg, das ein paar Wenige ausreichen um eine erneute Krisensituation auszulösen.

Zu Partys kommen die Leute, je nach Größe der Veranstaltung, nicht nur aus der eigenen Stadt, sondern auch von weiter weg. Denken wir an die Techno-Metropole Berlin, die mit ihrer Clubdichte und auch teilweise Clubgröße auf den Easy-Jet Tourismus angewiesen ist . Man denke nur an das Berghain – das wäre ohne Touristen in seiner jetzigen Form nicht denkbar. Der Virus kann also heutzutage eine Weltreise machen, bevor die jeweils infizierten Personen wissen, dass sie betroffen sind.

Die Politik wird also alles tun, um genau das zu vermeiden. Ein Punkt wäre die Herdenimmunität, die aber wäre erst bei 50-60% der Bevölkerung rechnerisch denkbar. Das wäre nach momentanen Stand der Dinge in grob 300 Tagen erreicht. Von etwaigen Opfern auf dem Weg dorthin sprechen wir dabei besser auch nicht. Ein Impfstoff wäre die zweite Möglichkeit, jedoch wird dieser frühestens im Frühjahr des kommenden Jahres verfügbar sein.

Für einige sind Antikörpertests der Hoffungsschimmer. Sie hoffen, dass wenn diese in großer Menge verfügbar seien, dass getestet Menschen quasi einen Passierschein für die Teilnahme an Veranstaltungen bekommen könnten. Leider geben solche Tests das nicht her. Ein Covid-19 Antikörpertest wird wie ein HIV-Antikörpertest oder jeder andere Antikörpertest funktionieren: Er sucht nicht das Virus, sondern die Körperabwehr gegen das Virus. Damit schlägt er erst zwei Wochen nach der Infektion an. Davor ist das Virus aber bereits infektiös aktiv. Die Tests können also negativ ausfallen, obwohl man in der Zeit bereits Leute anstecken kann. Sehr unbrauchbar als Freifahrtschein für das Feiern.

Eine Behandlungstherapie andererseits, die wahrscheinlich bereits wesentlich Früher verfügbar sein könnte, ist erst recht keine Ausgangsvoraussetzung für das Öffnen der Clubs. Sie umfassen nur eine medizinische Strategie für eine erfolgreiche stationär Behandlung. Das Ziel der Kontaktsperre ist es jedoch, dass möglichst wenige aufgrund von Covid-19 überhaupt erst in ein Krankenhaus müssen.

Wenn es wieder anfängt, dann wohl nur klein

Man kann daher vermuten, dass wenn es zum Öffnen von Clubs kommen wird, dies in einem überschaubaren Maß passieren wird. Ich würde vermuten, dass wir hier von einer Größenordnungen von 100 bis 200 oder 250 Personen sprechen. Bevor wir nicht Herr über das Virus sind, wird Augenmerk auf die Nachverfolgbarkeit der Teilnehmer von Zusammenkünften liegen. Man will handlungsfähig sein im Falle, dass einer der Gäste sich als Covid-19 Überträger herausstellt.

Das bringt uns zu einem interessanten weiteren Aspekt: Wenn Nachverfolgbarkeit eine Eingangsvoraussetzung wäre bliebe die Frage, wie das sichergestellt werden sollte? Handynachverfolgung wäre das eine. Noch können wir unsere Daten freiwillig und anonymisiert zur Seuchenbekämpfung weitergeben. Das könnte sich ändern, hat aber entscheidende Fehlerquellen. Zum einen muss das Handy auch mit dabei sein. Nicht wenige lassen es gerne auch mal zuhause, damit es nicht geklaut wird. Zum anderen sind für eine effektive Nachverfolgung und eine schnelle Intervention anonymisierte Daten eher medium premium. Bleibt am Ende z.B. nur die Zwangsregistrierung mit Perso an der Kasse, um Namen und Adresse zu hinterlegen.

Das mag für den einen oder anderen unproblematisch klingen. Führt man sich den Freiraum Clubleben vor Augen dürfte das schnell anders aussehen. Es würde in Anbetracht der individuellen Feier-Konsum-Gewohnheiten befremdlich wirken diese Daten für Behörden abrufbar zu hinterlegen.

Am Rand kurz angemerkt kommt damit auch für die Szene erschwerend hinzu, das illegale Rave mit massiven Repressionen im Keim erstickt werden würden. Wenn Nachverfolgbarkeit eine Grundvoraussetzung wird, dann ist klar, dass jeder illegale Outdoor Raves dies wohl nicht erfüllen kann oder will. Entsprechend wird hier das Ordnungsamt dann wohl knallhart durchgreifen. Damit wäre die Zeit der einfachen Platzverweise auch erstmal Geschichte sein.

Wer soll denn eigentlich feiern gehen?

Gehen wir aber einfach mal davon aus, dass kleine Veranstaltungen wieder erlaubt werden würden. Jetzt ist die Frage, wer dann überhaupt feiern geht. Zu meinem Erstaunen, ich hätte es anders vermutet, haben nämlich auch Jüngere Angst vor Covid-19. Diese Angst schwingt in ihrem Handeln mit. Das wird sich erst langsam wieder ändern wenn das Virus noch unter Kontrolle gebracht wurde und man nicht mehr Gefahr läuft sich was einzufangen. Ultimativ also erst ab dem Punkt, wenn es einen Impfstoff gibt.

Schauen wir uns Wuhan an. In Wuhan hatten zwischenzeitlich einige Kinos nach den Lockerungen wieder geöffnet. Sie haben aber bereits vier Tagen später wieder geschlossen. Warum? Weil nicht einmal ein Dutzend Besucher in allen Kinos zusammen über diese Zeitspanne in eine Vorstellung gegangen sind.

Ein weiterer Punkt könnte eine lokale Zugangsbeschränkung sein. Zugangsbeschränkung bedeutet in diesem Fall, dass nur Gäste aus dem Umkreis erlaubt wären. Stichwort ist wieder Nachverfolgbarkeit. Man wird sicher vermeiden wollen, dass der Virus nach dem Wochenende unbemerkt im nächsten Flieger sitzt.

Damit kommen wir natürlich auch automatisch zum programm und was das für die dicken Acts bedeutet. Bei so kleinen Veranstaltungen müsste man sicher auf die fetten Acts mit ihren üppigen Gagen eine recht lange Zeit verzichten. Eine Amelie Lens oder Deborah De Luca, mit ihren fünfstelligen Gagen, durch den Eintritt von 250 Gäste zu bezahlen, klingt zumindest in meinen Augen ambitioniert irrational. Oder wer sieht sich in der Lage 50 Euro oder mehr für einen Clubbesuch zu berappen? Damit ergäbe sich dann vielleicht etwas positives: Die Refokussierung auf die lokale Szene und ihrer Acts.

Wo kann man eigentlich noch feiern?

Hat man all diese Schritte in trockenen Tüchern, muss aber noch gefragt werden, wo man überhaupt noch feiern gehen kann. Quasi jeden Tag neue Hilferufe von Clubs, egal ob in Köln oder Berlin. Schrotty (Köln) hat ein Crowdfunding aufgesetzt und muss fürs Überleben mehrere zehntausend Euro bis Ende April auftreiben. Das Bootshaus (Köln) hat bereits vor ein paar Wochen bekanntgegeben, dass man nur bis maximal Ende April durchhält. Aufgrund der Größe wird das Bootshaus wohl einer der letzten Orte sein, die wieder volle Fahrt aufnehmen dürfen. Die Clubs verdursten gerade finanziell alle nach einander.

Klar gibt es hier und da Hilfe und innovative Projekte damit etwas Geld reinkommt, aber das dürfte nicht reichen. Es gibt zwar Kredite und Kosten werden gestundet, aber das ist keine echte dauerhafte Lösung für die finanzielle Schieflage. Insbesondere Stundung bedeutet ja nur, dass die Zahlung vertagt wird. Die Clubs müssen also die Kosten, die während des Stillstandes entstanden sind, dennoch früher oder später zahlen.

Einiges kann man vielleicht z.B. durch entsprechende Preiserhöhungen bei der Vermietung an Veranstalter regeln. Die Frage allein hier bei ist, kommt das noch rechtzeitig und ist das ausreichend. Gerade Clubs die jünger sind als 10 Jahre knabbern oftmals noch an Krediten. Das ist auch einer der Gründe, warum diese nicht wirklich auf irgendwelche große Rücklagen zurückgreifen können.

Als Privatmensch mag es sich vielleicht vorstellen können, dass ein paar Tage oder Wochen einen großen Unterschied machen. Für solche Unternehmen können mittlerweile selbst so kleine Zeitspannen über ihren Fortbestand entscheiden. Man muss schon jetzt davon ausgehen, dass nicht jeder Club es schaffen wird. Insbesondere die größeren werden es sehr schwer haben das Ganze zu überleben. Man darf nicht vergessen, wir sind gerade erst durch die dritte Woche.

Klar, es wird früher oder später weitergehen, wann, ist dabei vollkommen offen. Kommen wir noch einmal auf Jens Spahn zurück: Die Unterhaltungsbranche ist nicht systemrelevant genug, damit sie schnellstmöglich zurück ins Leben geholt wird. Da spielt auch die öffentliche Meinung zusätzlich eine Rolle. Zur öffentlichen Meinung gehört halt auch was Lieschen Müller und Opa Egon denken. Nichts desto trotz vermute ich: Solange die Gefahr besteht, dass eine Handvoll Leute unbewusst bei Partys im Gemenge die anwesende Meute so richtig hart durchinfizieren könnten, solange wird sich nicht so wirklich viel an der Feierfront bewegen.