Mateschitz, der rechtskonservative Rupert Murdoch Österreichs und die kosmopolitische Red Bull Music Academy

Mateschitz ist der Chef von Red Bull. Seit seinem Interview überschattet das große rechtskonservative Ego die Arbeit der RBMA, da seine Aussagen ziemlich diametral dem gegenüberstehen, was die academy vertritt. Es gab zwar kritische Stimmen aus Wien aber ansonsten fast nur Stille hier im sonst so lauten Berlin. Reden wir über diese Stille. Über unsere Szene, die sich selbst als links, liberal, offen und tolerant versteht. Und das auch oft laut und deutlich kundtut. Meistens auf Facebook, aber in den letzten Jahren auch vermehrt auf der Straße in Form von Demos. Weil es ja auch irgendwie hipp geworden ist, denn 2016 sah die Beteiligung bei Aktionen gegen die AfD noch ganz anders aus.

Wenn sich also diverse Vertreter dieser Berliner Szene, trotz Mateschitz im Jahre 2018 bei Red Bull in Berlin tummeln, dann stellen sich mehrere Fragen.

1. Leben wir online ebenso in einer Filterblase wie AfD Lappen, die uns weitaus mehr Aktivismus und konsequente Haltung vorgaukelt, als tatsächlich vorhanden ist?

2. Gibt es etwa DJs, bei denen wir davon ausgehen können, dass sie schon mal von der Red Bull Problematik gehört haben, aber es sie schlicht und einfach nicht interessiert, was da läuft, denn beim Festival geht es ja nur um Musik und ums Geschäft?

3. Sind unsere politischen Ansichten weitaus weniger wichtig , als wir wahrhaben wollen und sind wir gern ebenso voll dramatischer Empörung, wie die rechte Gegenseite? Man ist übrigens nicht sofort NPD Wähler, weil man feministische Gletscherforschung für beknackt hält.

4. Wissen viele internationale DJs und Produzenten die da auftreten, gar nichts von Mateschitz? Denn sie positionieren sich sicher gegen solche Äußerungen, aber es gibt gar keine Diskussion zum Thema im englischsprachigen Raum. Sie würden aber wahrscheinlich trotzdem die Möglichkeiten, die Red Bull bietet, nicht ausschlagen, denn nach djsforpalästine und BDS Unterstützung von Partyveranstaltern halte ich schlichtweg alles für möglich.

Müssen wir uns also eingestehen, dass unsere so hochgehaltene Szene eben auch aus vielen Egoisten und Opportunisten besteht, wie der Rest der Menschheit, und Techno dich doch nicht zum besseren Menschen macht? JA. Genau darauf läuft es hinaus. Alle vier Fragen lassen sich mit JA beantworten.

Und nun?

Fangen wir an mit Mateschitz.

Der Red Bull Chef ist durch rechtskonservative Äußerungen aufgefallen. Er hat sich negativ über Geflüchtete geäußert. Er hat bei seinem Fernsehsender Servus TV so einen Rechten Identitären wie Martin Sellner eingeladen. Man kann so einen wie Mateschitz heutzutage deswegen ganz schnell Nazi nennen. Einen geistigen Brandstifter und Förderer rechtsextremer Bestrebungen Europas. Aber das wäre zu einfach, und wieder mal nur die Überschrift statt des ganzen Artikels.

Ihm wird vorgeworfen, dass er sich ein kleines rechtspopulistisches Medienimperium (Addenum, Quo Vadis Veritas, Servus TV) basteln will, was übrigens daran liegen kann, dass der thailändische Yoovidhya-Clan, dem die Mehrheit von 51 % an Red Bull gehört, dem Plan von Mateschitz, seinen Sohn Mark Gerhardter als Nachfolger aufzubauen, nicht zustimmt, und hier gerade ein zweites Standbein gezimmert wird. Das ebenjene Medien mit Leuten besetzt werden, die ebenfalls rechtskonservativ angesiedelt sind, versteht sich von selbst. Also erstmal reine Gerüchteküche.

Martin Sellner wurde bei Servus TV eingeladen. Dann ist also eigentlich Servus TV das Problem? Weil dort rechtsextreme Leute eingeladen werden zu Talks? Machen wir in Deutschland blöderweise auch. Höcke, Gauland und der Rest dieser ätzenden Truppe durften viel zu oft in ARD und ZDF auftreten. Dieser aufmerksamkeitsheischende Sellner war letztlich nur Spielball im ORF Provokationsspielchen eines Mannes, der letztlich unantastbar in seinem Heimatland ist, denn die Steuerverluste bei Abwanderung würden wohl dem halben Bruttoinlandsprodukt des Landes entsprechen.

Ich halte Mateschitz für einen verbohrten Typen, der sich seiner Macht bewusst ist, und stammtischmäßig gern mal einen raus haut. Die Antworten im Interview  hätten ehrlicherweise auch genauso von jedem CSU Heini kommen können. Selbst Wagenknecht durfte sich schon anhören, sie wäre besser bei der AfD aufgehoben. Was mir bei Mateschitz generell fehlt, sind wirklich handfeste Bestrebungen, wie zum Beispiel die finanzielle Unterstützung der AfD durch die Mövenpickfamilie, wobei selbst das nicht 100% bewiesen ist. Ein Höcke ist er in meinen Augen jedenfalls nicht.

Mateschitz Aussagen im Interview empfinde ich natürlich als störend, weil sie mich direkt triggern in meinem linken Selbstverständnis, aber wenn ich nicht akzeptieren könnte, dass er das sagen darf, wäre ich falsch aufgehoben in einer Demokratie. Ihm wird in den fünf Artikeln angekreidet, die ich zum Thema las, dass er sich über political correctness und Meinungsdiktat massiv echauffiert. Subtile Zwischentöne sucht man bei ihm wirklich vergeblich, aber das ist auch nicht das Problem.

Gesagt hat er das:

„Ich bin jemand, der sich grundsätzlich jedem Meinungsdiktat widersetzt. Egal woher es kommt.“ Und er kotzt sich aus über „eine selbst ernannte sogenannte intellektuelle Elite“ zu der man sich als Linker natürlich weitaus eher zählt, denn als Rechter. (Wer allerdings ernsthaft glaubt, Alice Weidel wäre dumm, nur weil sie in der AfD ist, hat bei weitem noch nicht das große Problem erkannt, vor dem wir gerade stehen.

Anmerkung der Redaktion: Sollte dieser Artikel auf Facebook oder sonstwo erscheinen und eine Diskussion auslösen, werden Kommentare, die darauf hinweisen, dass Mateschitz im Interview aber noch viel mehr böse Sachen gesagt hat, nicht beantwortet. Ich habe das ganze Interview mehrmals gelesen und gehe hier konkret auf die zwei Kernkritiken der fünf Artikel ein.

Ich empfehle aber allen anderen… einfach selbst lesen:

By the way… ich verstehe sogar sein Problem mit PC, denn viele ehemals gute Ansätze haben sich mittlerweile zu unflexiblen Dogmen entwickelt. Die Linke diskutiert sich tot über Mikrothematiken und lässt wichtige gesellschaftliche Änderungen auf gleichem Level wie Mauergedichte stehen, was dazu führt, dass sie angreifbar durch Rechtspopulisten wird und gleichzeitig wirklich Wichtiges abgewertet wird.

Wir schreien neuerdings bei jedem Mist gleich los, weil die rechtspopulistische Gegenseite das ja auch tut. Und sehr erfolgreich dazu. Dummerweise ist dieses reflexhafte Zuschnappen aber blöde für uns. Schreien die Rechten, geben ihre Fans ihnen recht. Schreien wir, machen sich die Rechten über uns lustig. Wir werden als schwach und hysterisch dargestellt und treiben weiter Menschen in deren Arme. Es ist wirklich zutiefst beschissen. Es fehlt uns eine ruppige Linke, eine Ärmel hochkrempelnde Linke, die Schimpfwörter und Kraftausdrücke benutzt, die eben keine „selbst ernannte sogenannte intellektuelle Elite“ ist, und eben nicht daher kommt als arrogante Schnösel ohne finanzielle Sorgen. Höflichkeit ist im Netz schon lange keine wirksame Waffe mehr, um Diskussionen zu gewinnen.

Das gleiche gilt auch für die Medien, die sich mittlerweile selbst eingestehen, eben nicht immer in den letzten Jahren neutral berichtet zu haben. Natürlich standen sie für unser Empfinden auf der richtigen Seite, nur sollten sie eigentlich keine Seite haben. Der Lügenpresse Mob ist zweifellos dummer Pöbel, der sich auf irgendwelchen Schweineseiten informiert, ohne mal das Impressum zu checken, nichtsdestotrotz ist eine Selbstverordnung offensiver Transparenz für alle ernsthaften Medien heute nötiger denn je, denn wenn Menschen schon daran scheitern, zu verstehen, dass Bild und TAZ genauso weit voneinander entfernt sind wie Tagesschau und ein Meinungskommentar auf SPON, ist es wichtig, noch mehr zu erklären und alles zu beleuchten. Möglichst direkt in der zweiten Headline. (Und das Wort „Alternativlos“ gehört verbannt.)

Und was hat das jetzt alles mit Red Bull zu tun? Keine Ahnung, ich bin etwas abgeschweift und dem gleichen Problem wie alle Linken erlegen. Endlose komplexe Erklärungen, denn einfach geht es nicht, will man alles berücksichtigen und beleuchten. Deswegen wird diese Zeilen eh keiner mehr lesen und ich kann endlich über mein Lieblingsthema schreiben: Leguanpenisse! Sie sind wirklich faszinierend!

Also was ist das jetzt mit Red Bull und uns? Eine Art Selbstkasteiung, bloß nicht dem schnöden Mammon zu frönen, dem Geld des bösen alten Mannes aus Österreich? Hatten wir nicht eh schon verdammt schlechte Erfahrungen mit solchen Leuten? Suchen wir uns solche Skandale gezielt aus, damit wird es irgendwo noch schaffen, dem Kapitalismus und reichen alten Säcken eins auszuwischen, weil die das einfach machen können mit all der Kohle und letztlich darauf scheißen, was wir sagen? Wer ist denn überhaupt wir? Und wie viele sind wir?

Und die wichtigste Frage:

Wie wischen wir dem Red Bull Chef damit eins aus? Der weiß wahrscheinlich nicht mal was von dieser Diskussion rund um RBMA, und war nie auf irgendeinem von diesen Events. Mateschitz bekommt jährlich nur ein paar Mediadaten vorgelegt mit Likes, Followern, Clicks und Page Traffic hochgerechnet zu Umsatzzahlen. Das interessiert ihn. RBMA ist reine Imagepflege einer Firma, die publikumswirksame Events und Szenen vereinnahmt, mit absurd viel Geld vollpumpt, einzig aus dem Grund mehr Dosen verkaufen zu können. Und genau da können wir ansetzen. Als Verbraucher. Was nützt es, dass RBMA sich auflöst, weil dort keiner mehr spielt? Viel sinnvoller wäre doch direkt ans Geld zu gehen, und zum Nichtkauf der Dose zu animieren, ähnlich wie den RWE Stromvertrag zu kündigen, sofern man es denn unbedingt will. RBMA platt zu machen, indem keiner mehr dort auftritt, spart Red Bull letztlich Geld. Das wird also schlecht funktionieren. Aber von all den Headlinern und sonstigen eingeladenen Artists Statements abzugreifen, warum sie 2019 nicht mehr dabei sein wollen, und sie auch vorher konkret aufzuklären, was Sache ist, das wäre doch mal ein schönes Hobby für den kommenden Winter. Nur zu!

Man kann natürlich auch einfach sagen, der Mateschitz steckt soviel Kohle in RBMA, die damit coole Sachen machen, und definitiv nicht seine Ansichten teilen, dass es ein bisschen so ist wie wie mit den Spenden für jeden Meter gelaufener Hetzdemos von Hass hilft.